dies veneris ante diem IV Nonas Decembres MMDCCLXIX ab urbe condita
Venustag, 4. Tag vor den Nonen des Dezember, 2769. Jahr nach Grndung der Stadt

Vertreibung der Könige und Gründung der Republik: M. Iunius Brutus und Lucretia

Der Sohn des Königs Tarquinius Superbus vergewaltigt Lucretia, die Ehefrau des L. Tarquinius Collatinus. Ihr Vater und Ehemann schwören zusammen mit L. Iunius Brutus, die tyrannische Königsfamilie zu vertreiben. Die beiden werden die ersten Konsuln der römischen Republik.

Nach dem Tod des Romulus brach unter den Patriziern Streit aus, wer die Königswürde übernehmen solle. Letztlich einigte man sich auf eine auswärtige Lösung: In den nächsten zweieinhalb Jahrhunderten wurde die Stadt von etruskischen Königen regiert. Die Nachfolger des Romulus waren der Sage nach Numa Pompilius, Tullus Hostilius, Ancus Marcius, Lucius Tarquinius Priscus, Servius Tullius und Lucius Tarquinius Superbus.

Da geschah ein furchtbares Vorzeichen: Eine Schlange, die aus einer Holzsäule hervor glitt, führte zu Panik und Verwirrung im Palast. Der König war weniger erschreckt als voll von dunklen Vorahnungen. Die etruskischen Wahrsager waren nur dazu da, Omen zu deuten, die den Staat betrafen. Aber dieses betraf sein eigenes Haus, also entschied er, zu dem weltberühmten Orakel nach Delphi zu senden. Weil er fürchtete, die Antwort des Orakels irgendjemand sonst anzuvertrauen, sandte er zwei seiner Söhne nach Griechenland, durch damals noch unbekannte Länder und über noch unbekanntere Meere. Titus und Arruns brachen auf. Als Reisegefährten hatten sie Lucius Iunius Brutus, den Sohn der Tarquinia, der Schwester des Königs, einen jungen Mann, der ganz anders war als allgemein angenommen. Als er von dem Mord der besten Männer des Staates, darunter sein Bruder [Tarquinius Superbus hatte nach seinem Regierungsantritt seine innenpolitischen Gegner liquidiert], auf Befehl seines Onkels hörte, beschloß er, dass seine Intelligenz dem König keinen Grund zur Beunruhigung geben, noch sein Reichtum seine Gier anstacheln sollten, und da die Gesetze keinen Schutz boten, wollte er Schutz suchen in Verwirrtheit und Vernachlässigung. Dementsprechend benahm er sich wie ein Idiot, gab dem König, was dieser in seiner Umgebung wollte, und protestierte nicht einmal gegen seinen Spitznamen Brutus [Stumpfsinniger].

Denn unter dem Schutz dieses Beinamens wartete der Geist, der einmal Rom befreien sollte, auf seine Stunde. Es heißt, als die beiden Tarquinii ihn nach Delphi brachten, mehr zu ihrer Belustigung denn als Reisegefährten, habe er einen goldenen Stab eingeschlossen in einen Stab aus Horn, den er Apollo opferte als Symbol seines eigenen Charakters. Nachdem sie ihres Vaters Auftrag erledigt hatten, wollten die jungen Männer wissen, welchem von beiden das Königreich Rom zufallen werde. Eine Stimme kam aus den tiefsten Tiefen der Höhle: "Dem, junge Männer, der zuerst seine Mutter küssen wird, wird in Rom die höchste Macht zufallen." [Der dritte Bruder] Sextus war in Rom zurückgeblieben, und um ihm das Orakel zu verheimlichen und ihn jeglicher Chance zu berauben, den Thron zu besteigen, bestanden die zwei Tarquinier auf absolutem Stillschweigen diesbezüglich. Sie warfen das Los, um zu entscheiden, wer zuerst die Mutter nach der Heimkehr küssen sollte. Brutus, der daran dachte, dass die Worte des Orakels eine andere Bedeutung haben konnten, tat so als stolperte er, und als er fiel, küsste er den Boden, denn die Erde ist natürlich unser aller Mutter. Dann kehrten sie nach Rom zurück, wo eifrig Vorbereitungen für einen Krieg gegen die Rutuler getroffen wurden.

Dieses Volk, das zu der Zeit über Ardea herrschte, war, bedenkt man die Beschaffenheit des Landes und das Zeitalter, in dem sie lebten, außerordentlich reich. Diese Umstände führten eigentlich zum Krieg, denn der römische König war begierig seinen eigenen Reichtum aufzufüllen [...] Der Versuch, Ardea im Sturm zu nehmen, scheiterte. Man dasste also zur Belagerung schreiten, um den Feind auszuhungern. [...] Die königlichen Prinzen verbrachten ihre Freizeit manches Mal mit Feiern und Unterhaltungen, und bei einem Weinfest, das Sextus Tarquinius gab, und bei dem Collatiuns, der Sohn des Egerius anwesend war, kam die Sprache auf ihre Frauen, und jeder sprach von der seinen in den höchsten Tönen. Als der Disput sich erhitzte, sagte Collatinus, es gebe keinen Grund zum Streit, es könne in den nächsten Stunden bewiesen werden, wie überlegen seine Lucretia den anderen sei. "Warum", so rief er, "steigen wir nicht auf unsere Pferde, wenn wir irgend jugendlichen Unternehmungsgeist in uns haben, besuchen unsere Frauen und finden sofort heraus, welchen Charakters sie sind? Lasst das das sicherste Zeichen sein, was für ein Verhalten wir bei der unerwarteten Ankunft ihres Mannes sehen!" Sie waren erhitzt vom Wein, und alle riefen: "Gut, auf geht's!". Sie gaben ihren Pferden die Sporen und galoppierten nach Rom, das sie erreichten, als es gerade dunkel wurde. Dann ritten sie weiter nach Collatia, wo sie Lucretia ganz anders beschäftigt fanden als die Schwiegertöchter des Königs, die sie gesehen hatten, wie sie die Zeit mit feiern und Luxus mit ihren Bekannten verbrachten. Sie saß spät abends Wolle spinnend in der Halle, umgeben von ihren geschäftigen Mägden. Der Siegespreis in diesem Wettbewerb der weiblichen Tugend wurde Lucretia zugesprochen. Sie begrüßte die Ankunft ihres Mannes und der Tarquinier, während ihr höflicher Gatte die königlichen Prinzen einlud, als seine Gäste zu bleiben. Sextus Tarquinius, entflammt von der Schönheit und der beispielhaften Reinheit der Lucretia, plante sie mit Gewalt zu entehren. Nach dem jugendlichen Ausgelassensein kehrten sie ins Lager zurück.

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Die sterbende Lucretia (Sebastiano Ricci, 1685)
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Quelle: The Yorck Project

Einige Tage später begab sich Sextus Tarquinius ohne das Wissen des Collatinus nach Collatina, begleitet nur von einem Vertrauten. Er wurde vom dortigen Haushalt gastlich aufgenommen, der keinen Verdacht schöpfte, und nach dem Abendessen in ein Gästezimmer geführt. Als alles umher sicher und fest schlafend schien, ging er im Irrsinn seiner Leidenschaft mit gezogenem Schwert zu der schlafenden Lucretia und sprach, indem er die linke Hand auf ihre Brust legte: "Still, Lucretia! Ich bin Sextus Tarquinius, und ich habe ein Schwert in der Hand. Wenn Du nur ein Wort sprichst, wirst Du sterben!" Als die Frau, erschreckend aus dem Schlaf erwacht, sah, dass es keine Hilfe gab und der sofortige Tod ihr drohte, begann Tarquinius seine Leidenschaft zu gestehen, bat, drohte, flehte und bemühte jedes Argument, das ein weibliches Herz beeinflussen konnte. Als er sah, dass sie standhaft blieb und auch nicht einmal von der Todesangst bewegt werden konnte, drohte er, sie zu entehren, indem er die nackte Leiche eines Sklaven neben die ihren toten Körper legen würde, so dass es schiene, als sei sie bei schändlichem Ehebruch erschlagen worden. Mit dieser üblen Drohung triumphierte seine Lust über ihre standhafte Keuschheit, und Tarquinius entfernte sich, frohlockend darüber, dass er ihre Ehre angegriffen hatte. Lucretia, überwältigt von Trauer über diese furchtbare Freveltat, sandte Boten zu ihrem Vater nach Rom und ihrem Mann nach Ardea und bat sie, zu ihr zu kommen, jeder begleitet von einem treuen Freund. Es war notwendig zu handeln, und schnell zu handeln, denn etwas Schreckliches sei passiert. Spurius Lucretius kam mit Publius Valerius, dem Sohn des Volesus. Collatinus mit Lucius Iunius Brutus, mit dem er gerade auf dem Weg nach Rom war, als ihn der Bote seiner Frau antraf. Sie fanden Lucretia in ihrem Raum sitzend, vom Gram niedergestreckt. Als sie eintraten, brach sie in Tränen aus, und auf die Frage ihres Mannes, ob alles in Ordnung sei, antwortete sie: "Nein! Was kann in Ordung sein für eine Frau, wenn ihre Ehre verloren ist? Die Spuren eines Fremden, Collatinus, sind in Deinem Bett! Aber es ist nur der Körper, dem Gewalt angetan wurde, die Seele ist rein. Der Tod soll mein Zeuge sein. Aber schwöre mir feierlich, dass der Vergewaltiger nicht ungestraft davonkommen wird! Es ist Sextus Tarquinius, der, als Feind statt als Gastfreund kommend, in der letzten Nacht von mir eine Gefälligkeit forderte, die sich für mich als tödlich erweisen wird, und wenn Du ein Mann bist, tödlich für ihn." Sie alle schworen einer nach dem anderen und versuchten die aufgebrachte Frau zu beruhigen indem sie die Schuld vom Opfer der Ungeheuerlichkeit zum Täter drehten. Auch drängten sie sie, dass der Geist die Sünden begehe, nicht der Körper, und wo es keine Zustimmung gegeben habe, da sei keine Schuld. "Es ist Deine Aufgabe", sprach sie, "dafür zu sorgen, dass er bekommt, was er verdient. Obwohl ich mich von der Schuld freispreche, spreche ich mich nicht von der Strafe frei. Keine unkeusche Frau soll in Zukunft leben und sich auf Lucretias Beispiel berufen!" In ihrem Gewand hatte sie ein Messer versteckt und stach es in ihr Herz. Dann fiel sie sterbend zu Boden. Ihr Vater und ihr Bruder stießen den Todesschrei aus.

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Lucius Iunius Brutus spricht an der Leiche der Lucretia auf dem Forum von Collatina (Sandro Botticelli, um 1500)
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Quelle: The Yorck Project

Noch während sie trauerten zog Brutus das Messer aus Lucretias Wunde, und während er es bluttriefend vor sich hielt, sagte er: "Bei diesem Blut, überaus rein vor der Freveltat des Königssohnes, schwöre ich, und Euch, Ihr Götter, rufe ich zu Zeugen, dass ich den Lucius Tarqunius Superbus vertreiben werde, zusammen mit seinem verfluchten Weib und der ganzen Brut, mit Feuer und Schwert und jedem Mittel, das in meiner Macht steht, und ich werde nicht dulden, dass sie oder irgend jemand sonst Rom als König regiert." Dann gab er das Messer dem Collatinus und dann dem Lucretius und dem Valerius, die alle erstaunt waren ob des wunderlichen Ereignisses, und fragten sich, wann Brutus diesen neuen Charakter erworben habe. Sie schworen, wie er es vorgemacht hatte. All ihre Trauer wurde zu Wut, und sie folgten der Führung des Brutus, der sie versammelte, die Monarchie abzuschaffen. Sie trugen den Körper der Lucretia hinab zum Forum, wo sich wegen der Unerhörtheit der Untat sofort eine Menschenmenge einfand. Jeder hatte seine eigene Klage über die Schlechtheit und die Gewalt des Königshauses. Während alle bewegt waren von des Vaters tiefem Leid, forderte Brutus sie auf, ihre Tränen zu trocknen und das eitle Klagen sein zu lassen; statt dessen sollten sie wie Männer und Römer die Waffen erheben gegen ihre anmaßenden Gegner. Alle besonders mutigen jungen Männer traten vor als bewaffnete Freiwillige, der Rest folgte ihrem Beispiel. Ein Teil dieser Schar blieb zurück, um Collatia zu sichern, und an den Toren wurden Wachen aufgestellt, um zu verhindern, dass irgend eine Nachricht von dem Aufstand den König erreiche. Der Rest marschierte unter Brutus' Führung in Waffen nach Rom. Bei ihrer Ankunft löste der Anblick so vieler bewaffneter Männer Panik und Verwirrung aus, wohin immer sie auch gingen. Aber als die Leute sahen, dass die besten Männer des Staates sie anführten, merkten sie, dass, was immer ihr Ziel, es ein ernstes war. Das schreckliche Ereignis führte in Rom zu nicht weniger Erregung als in Collatia. Aus allen Vierteln Roms strömten die Leute zum Forum. Als sie sich dort versammelt hatten, forderte sie der Herold auf, dem "Tribunen der Celeres" zuzuhören - dies war das Amt, das Brutus zu dieser Zeit innehatte. Er hielt eine Rede, die so gar nicht zu dem Charakter und dem Temperament passte, die er bis dahin gezeigt hatte. Er sprach von der Brutalität und der Zügellosigkeit des Sextus Tarquinius, der infamen Freveltat gegen Lucretia und ihren bedauernswerten Tod, die Trauer, die ihr Vater auszuhalten habe, für den der Freund für den Tod seiner Tochter noch beschämender und schlimmer sei als der Tod an sich. Dann sprach er von der Tyrannei des Königs, den Mühen und Leiden der Plebejer, die unterirdische Gräben und Kanäle reinigen mussten. Römische Männer, Eroberer aller umliegenden Nationen, von Kämpfern zu Maurern gemacht! Er erinnerte sie an den schändlichen Mord an Servius Tullius und an seine Tochter, die mit ihrer verfluchten Kutsche über den toten Körper ihres Vaters hinweg gefahren sei, und rief feierlich die Götter als Rächer ermordeter Eltern an. Indem er diese, und andere, wie ich glaube, noch schlimmere Untaten aufzählte, die ihm sein scharfer Sinn für Gerechtigkeit eingab, die im Detail wiederzugeben aber nicht leicht ist, brachte er die versammelte Menge dazu, den König seiner Souveränität zu entkleiden und die Strafe der Verbannung über Tarquinius Superbus, seine Frau und seine Kinder auszusprechen. Mit einer ausgewählten Schar junger Männer, die sich freiwillig gemeldet hatten, ihm zu folgen, begab er sich ins Lager der Armee bei Ardea, um die Truppen gegen den König aufzuwiegeln. Das Kommando in der Stadt übergab er Lucretius, der zuvor schon vom König zum Stadtpräfekten ernannt worden war. [...]

Als Nachricht von diesen Ereignissen das Lager erreichte, eilte der König, beunruhigt vom Verlauf der Dinge, nach Rom, um den Aufstand einzudämmen. Brutus, der auf der gleichen Straße unterwegs war, bemerkte seine Annäherung, und nahm, um eine Begegnung zu vermeiden, eine andere Route. So erreichte er das Lager und Tarquinius Rom fast zur gleichen Zeit. Tarquinius fand die Stadttore geschlossen vor und einen Verbannungsbeschluss über ihn verhängt. Der Befreier der Stadt erhielt einen freudigen Empfang im Lager, und die Söhne des Königs wurden hinausgeworfen. Zwei von ihnen folgten ihrem Vater ins Exil bei den Etruskern in Caere. [...] Die gesamte Königsherrschaft von der Stadtgründung bis zu ihrer Befreiung hatte 244 Jahre gedauert. Dann wurden zwei Konsuln gewählt in den Comitia Centuriata [Volks- und Heeresversammlung], geleitet vom Präfekten der Stadt, in Übereinstimmung mit den Regeln des Servius Tullius. Sie hießen Lucius Iunius Brutus und Lucius Tarquinius Collatinus.

Livius, ab urbe condita 1,56-60.

Hinweis: Ich habe mir bei der Übersetzung gelegentlich einige Freiheiten herausgenommen, die dazu führen, dass sich der Text nicht zur Hausaufgabenerstellung eignet.


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