Area Sacra am Largo Argentina
und Standbild der Fortuna Huiusce Diei
Der Tempelbezirk gehört von Jugend an zu den Plätzen in Rom, die ich ganz besonders mag, weil man so gut sehen kann, wie sich das Niveau der Stadt seit der Antike verändert hat und weil die Tempel zu den ältesten sichtbaren Zeugnissen römischer Geschichte gehören.
Bisher habe ich nur den Blick von oben auf die tiefer liegenden Tempel genossen aber ich vertraue darauf, dass ich eines Tages auch zwischen den Tempeln herumgehen kann und zwar dann, wenn die angekündigte Restaurierung endlich Wirklichkeit geworden ist. Siehe hier im Forum:
Largo Argentina: Restaurierung der Area Sacra
Dort, wo die vier Tempel aus republikanischer Zeit stehen, erstreckte sich um 200 v. Chr. eine von Süden nach Norden verlaufende Ausfallstrasse. Zu beiden Seiten reihten sich eine kleine Anzahl von Podiumtempeln aneinander. Dazu gehörten auch zwei der später vier Tempel am heutigen Largo Argentina (A und C). Sie lagen an der Westseite der Strasse. Die beiden anderen (B und D) sind jünger.
Im linken oberen Bereich des folgenden Fotos erkennt man Teile des Podiums auf dem die benachbarte Kurie des Pompeius stand. Auf dem Bild mit dem Grundriss Zone F. Dort wurde Cäsar an den Iden des März 44 v. Chr. ermordet und daran denke ich immer wenn ich auf die alten Mauerreste hinunterblicke.
Hier ein aktuelles Video mit gut gemachten Rekonstruktionsversuchen des Tempelareals, der sich anschliessenden Kurie und dem Theater des Pompeius:
Vergleiche hier:
Sacred area of largo Argentina - Altair 4 EN mit folgendem Video:
Der Largo di Torre Argentina (verkürzt Largo Argentina) entstand erst ab 1909 im Zuge einer städtebaulichen Neuordnung des
centro storico. Ein ganzer Häuserblock mitsamt der Kirche
San Nicola dei Cesarini und deren Vorplatz wurden abgetragen. Übrig blieb nur die 1732 von Giuseppe Cesarini Sforza errichtete Torre del Papito an der Via Florida.
Fotos des alten Häuserblocks und der Kirche vor dem Abriss:
1926–1928 begann man mit der systematischen Ausgrabung der antiken Tempel. Die Ausgrabungen wurden vom Archäologen
Giuseppe Marchetti Longhi (1884 bis 1979) geleitet.
Wie das Kapitol, das Forum Romanum, die Kaiserforen, die Engelsburg, das Marcellus-Theater und die beiden Tempel an der Piazza Bocca della Verità wurden die vier Tempel am Largo Argentina erst unter Mussolini in ihrer heutigen Form sichtbar gemacht. Das faschistische Regime wollte den Glanz der Geschichte Roms, der sich auch in den freigelegten Tempeln der Area Sacra wiederspiegelte, auf sich selbst lenken. Mussolini wollte hier das sogenannte
Foro Argentino schaffen und weihte die archäologischen Ausgrabungen persönlich am 21. April 1929 zum
Natale di Roma ein. Es folgen ein Video und vier Fotos von diesem Tag:
Nun kommen wir zum eigentlichen Anlass meines Beitrags, den Überresten des antiken Standbildes der Göttin Fortuna!
Dem Begleittext auf dem Foto vom Largo Argentina zufolge wurde der Kopf der Göttin am Tag vor der Einweihung des archäologischen Areals gefunden als man eine Pinie pflanzen wollte. Andere Quellen datieren den Fund ins Jahr 1928 und
eine weitere in die Zeit um 1925:
Ai primi del novecento era previsto di demolire gli edifici esistenti tra le attuali via del Teatro Argentina, via Florida, via di S. Nicola de' Cearini e corso Vittorio e di costruirne di nuovi, ma la grande guerra ritardò i lavori e quando ricominciarono attorno al 1925, dopo aver demolito la chiesa di San Nicola dei Cesarini, affiorarono i resti di una statua colossale.
Iniziarono allora gli
scavi archeologici, proseguiti sino al 1970, che hanno riportato alla luce le vestigia di quattro templi di epoca repubblicana,
indicati come tempio A, B, C, D, visto che gli archeologi non si mettono d'accordo sulle dedicazioni (peraltro di seguito riporteremo quelle generalmente accettate).
Das folgende kurze Filmchen zeigt u.a. Kopf, Füsse, Arm und Hand der Fortuna im Oktober 1929 im Ausgrabungsareal:
2010 habe ich den Kopf, den rechten Unterarm und zwei Füsse des Fortuna-Standbildes im Museum Centrale Montemartini gesehen:
Siehe:
Über den Dächern von Rom
Vor ein paar Tagen hat
@tacitus ebenfalls Fotos von Teilen der Fortuna-Statue in seinen Römischen Notizen gezeigt. Zuvor war die Göttin für mich einfach „nur“ die Glücksgöttin Fortuna, die man sich meist mit einem Füllhorn im Arm und einem Diadem auf dem Kopf vorstellt. Vom Zunamen
Huiusce Diei d.h. "Göttin des Glücks des heutigen Tages" habe ich erst durch einen Foto-Titel bei tacitus erfahren. Siehe:
Römische Notizen
Nun wollte ich mehr wissen und habe mich auf die Suche nach Informationen zu dieser Erscheinungsform der Göttin Fortuna gemacht.
Das Standbild der Fortuna stand im Inneren des sogenannten Tempels B der Area Sacra am heutigen Largo Argentina. Dieser hebt sich durch seine runde Form von den anderen Tempelruinen ab. In der Antike war er höher als die ihn umgebenden Tempel A und C. Zwei Portiken flankierten zunächst die Seiten seines Vorplatzes so dass die Aufmerksamkeit der Vorüberkommenden stark auf ihn gelenkt wurde. Tempel B ist übrigens der einzige Tempel der Area Sacra von dem man weiss wer ihn errichten liess und wer hier verehrt wurde.
Erbauer war der römische Politiker Quintus Lutatius Catulus (etwa 150 vor Christus bis 87 vor Christus).
Wikipedia schrieb:
Gemeinsam mit seinem Kollegen
Gaius Marius, der bereits das vierte Konsulat bekleidete, führte er das Kommando gegen die
Kimbern und
Teutonen. Catulus fiel die Aufgabe zu, die
Alpenpässe zu verteidigen, er war aber bald gezwungen, sich in panikartigem Rückzug über den
Po zu retten. Die Kimbern wurden dann aber im Jahr 101 v. Chr. von den vereinigten Armeen von Marius (zum fünften Mal Konsul) und Catulus als
Prokonsul auf der Raudinischen Ebene bei
Vercellae geschlagen. Er feierte gemeinsam mit Marius einen
Triumph.
In der Schlacht bei Vercellae gelobte Quintus Lutatius Catulus, der Göttin Fortuna einen Tempel zu errichten wenn er siegreich aus der Schlacht hervorgehen würde. Fortuna war ihm hold und so nutzte Quintus Lutatius Catulus sein Geld um für die Göttin seines höchstpersönlichen Glücks an einem konkreten Tag einen besonders schönen Bau zu konzipieren, dessen Architektur sich von allem damals in Rom Bekannten unterschied.
Er kombinierte griechische und italische Tempelarchitektur. Sein Rundbau erhob sich im Gegensatz zu den damaligen griechischen Rundtempeln auf einem 2,50 Meter hohen Podium zu dem im Osten breite Treppenstufen hinaufführten. Links und rechts der Treppe gab es Sockel für Statuen. Die Cella mit dem Standbild der Fortuna Huiusce Diei wurde von 18 korinthischen Säulen umgeben von denen heute noch 6 ganz oder teilweise stehen. Es handelt sich um den einzig erhaltenen und ältesten Tempel der Gottheit.
Beim Standbild handelte sich um einen sogenannten Akrolithen
Wikipedia schrieb:
Akrolithen (aus griechisch
akros = hoch und
lithos = Stein) sind
griechische Statuen, bei denen nur die unbekleideten Körperteile (
Kopf, Gliedmaßen) aus wertvollem
Marmor gearbeitet waren. Die übrigen Teile bestanden aus Holz, das bemalt oder auch mit Metall umkleidet sein konnte, oder aus noch wertvollerer
Bronze.
Quelle:
Akrolith – Wikipedia
Man nimmt an, dass es sich um Bronze gehandelt hat. Als Bildhauer wird der in Rom ansässige Grieche Skopas Minor genannt.
Die Maße des Kultbildes müssen enorm gewesen sein. Allein der Kopf ist 1,46 Meter hoch. Insgesamt dürfte es etwa 8 Meter gross gewesen sein. Fortuna trug früher auch realen Schmuck, worauf die durchbohrten Ohrläppchen schliessen lassen.
In der 2. Hälfte des 1. Jh. v. Chr. kam es zu starken Veränderungen am Tempel und an dessen Vorplatz. Die Portiken des Vorplatzes wurden entfernt, die Zwischenräume der Säulen vermauert, die Cella-Wand abgerissen und vor allem das kolossale Standbild entfernt. Der Kopf, ein Arm und die beiden Füsse aus parischem Marmor wurden sorgfältig zwischen den Tempeln B und C rituell bestattet!
Der Tempel behielt allerdings seine Bezeichnung als Kultbau der Göttin Fortuna Huiusce Diei und die anderen im Tempel aufgestellten Statuen wurden beibehalten.
In den Ruinen der Area Sacra wurden zwei weitere sehr schöne Marmorköpfe gefunden. Der eine stellt den Kriegsgott Ares dar. Dieser war bereits in dem weiter oben verlinkten Video
Scavi archeologici a Roma - Cinecittà Luce - Unesco zu sehen. Zufällig habe ich die beiden Köpfe 2010 ebenfalls in der Centrale Montemartini fotografiert:
Dass es sich um Ares und Platon handelt habe ich auf
dieser Webseite gelesen.
Ancora dall'Area Sacra provengono: il ritratto di Platone, replica romana da un originale greco (andato perduto) del celebre ritrattista Silanion; la testa di Ares, replica romana di età severiana (fne del II secolo d.C) da un originale in bronzo di Alkamenes, andato perduto.
Zum Schluss noch eine Reihe von Photos, aufgenommen im März 2018, die mir freundlicherweise von
@lukasi zur Verfügung gestellt wurden. Vielen Dank, liebe Ursula! Von ihr stammt auch das Photo mit dem Grundriss der Tempel der Area sacra am Anfang des Beitrags.
Diese zeigen den Tempel ganz rechts und die stehengeblieben Apsiden der abgerissenen Kirche San Nicola dei Cesarini. Wenn man gut hinsieht, erkennt man sogar noch Reste von Fresken mit Heiligendarstellungen.
Hier noch einmal, wie ganz oben, ein Gesamteindruck:
In den letzten Tagen habe ich nicht nur die Göttin
Fortuna Huiusce Diei und ihren Tempel in der Aera Sacra besser kennengelernt, sondern viele weitere Einzelheiten zur Geschichte dieses Ortes. Wenn ich nächstes Mal auf die Tempel blicke, werde ich sie mit anderen Augen betrachten als bisher!
Und weil die Katzen der Area Sacra bisher noch keine Erwähnung fanden, zu guter Letzt noch diese Bilder: