Mein Rom-Mosaik

Simone-Clio

Augustus
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Liebe Gaukler, ColleMarina und lukasi,

danke fürs Interesse an den weiss-blauen Nummern und dem Drumherum! Sind sie auch nur ein ganz kleines Mosaiksteinchen in der römischen Stadtlandschaft, so war es für mich, und wie ich sehe, auch für weitere Foristi ein Erkenntnisgewinn, ihren Zweck zu durchschauen. Weiterhin allseits fröhliche Jagd ;) auf die noch existierenden Schilder und Laternen!
 

Gaukler

Caesar
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Ja, in Bezug auf unser aller Lieblingsstadt interessieren uns natürlich auch derartige Einzelaspekte.

Zudem kommt für mich persönlich hinzu (kleines OT; darum ggf. bitte verschieben): Vielerlei zur Entwicklung der Gasbeleuchtung in Köln während der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts habe ich gelesen, weil in unserem Diözesanarchiv Aufzeichnungen eines Kölner Stadtverordneten aufbewahrt werden, an deren Publikation ich viele Jahre lang ein wenig mitarbeiten durfte (Friedrich Baudri: Tagebücher 1854-1871). Darum also stoßen entsprechende Informationen aus Rom bei mir natürlich auf besonderes Interesse.
 

Simone-Clio

Augustus
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Da ist ja schon eine sehr schöne Sammlung zusammengekommen! Und wird sicher noch ausgebaut! :)
 

caravaggiolina

Tribunus plebis
Stammrömer
Oft schon sind mir diese kleinen blauen Schilder aufgefallen, aber ich habe sie für alte Hausnummern gehalten.
Deine Rechereche zeigt, dass ich damit weit daneben lag und die Wahrheit viel interessanter ist :)
Vielen Dank für diesen Mosaikstein, liebe Simone!
 

Simone-Clio

Augustus
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Stammrömer
Es ist zwar nur ein ganz kleiner Mosaikstein, aber es ist schön, dass er solche Beachtung hier gefunden hat!
Man kann auch ganz winzige Kleinigkeiten an Rom mögen und versuchen sie zu verstehen.
 

Simone-Clio

Augustus
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Stammrömer

Die dekonsakrierte Kirche S. Marta befindet sich an der Piazza del Collegio Romano mit Blick auf das Gymnasium E.Q. Visconti.

Die ehemalige Titelheilige Martha von Bethanien war die Schwester von Lazarus, den Jesus von den Toten erweckte. Bei ihr und ihren Geschwistern machten Jesus und die Jünger gerne Rast.

Im Haus von Bethanien erlebte der Herr Jesus den Familiensinn und die Freundschaft von Martha, Maria und Lazarus; deshalb heißt es im Johannesevangelium, dass er sie liebte. Martha nahm ihn in Gastfreundschaft großzügig auf, Maria hörte aufmerksam auf sein Wort, und Lazarus stieg auf den Befehl dessen, der den Tod erniedrigt hatte, sogleich aus dem Grab.
Quelle: DEKRET über die Feier der heiligen Marta, Maria und Lazarus im Römischen Generalkalender (26. Januar 2021)

Später in ihrem Leben wurde sie der Legende nach mit anderen in einem steuerlosen Boot auf dem Mittelmeer ausgesetzt und erreichte Marseille. In Tarascon soll sie einen furchterregenden Drachen gezähmt haben. Daher wird sie oft mit einem Drachen, den sie an einer Leine führt dargestellt.

Oft bin ich an S. Marta vorbeigekommen und habe die frühere Kirche fotografiert, aber immer war sie verschlossen. Die Kirche wurde Anfang der sechziger Jahre von der Soprintendenza restauriert und schließlich dem Ministerium für Kulturerbe übergeben. Sie beherbergt seit 2017 das ICR (Istituto centrale per il restauro).



Anschauungsmaterial zu Restaurierungstechniken​

2019 ergab sich spontan die Gelegenheit S. Marta zu besuchen. Ein Angestellter verbrachte gerade eine Zigarettenpause vor der Tür und als er bemerkte, dass wir interessiert waren, winkte er uns heran, bat uns einzutreten und uns umzusehen. Das taten wir in aller Ruhe und verabschiedeten uns mit einem herzlichen Dankeschön für die so unerwartet gebotene Möglichkeit das Kircheninnere sehen zu dürfen.

Zur Geschichte und Ausstattung der ehemaligen Kirche

Die Ursprünge von S. Marta gehen darauf zurück, dass Ignatius von Loyola 1543 beschloss, ein Heim für sogenannte "malmaritate", die Schlechtverheirateten zu gründen. Also für Frauen, die ihrem elenden Leben entfliehen wollten, ohne in ein Kloster einzutreten.

Das Institut wurde neben einem Kloster von Augustinerinnen errichtet und blieb dort bis 1561. Nach der Verlegung des Instituts wurde das Gebäude von den Augustinerinnen gekauft und in ihren eigenen Komplex eingegliedert.

Man erkennt die Kirche und die umgebenden Gebäude auf folgender Nachzeichnung von 1610 einer älteren Karte:


Ab 1668 wurde das Kloster vergrößert und die 1570 geweihte Kirche S. Marta ab 1671 umstrukturiert und ausgeschmückt. Daran arbeiteten die Architekten Giovanni Antonio De Rossi und später Carlo Fontana, wobei letzterer der Autor der endgültigen Barockstruktur der Kirche war.


S. Marta hat ein einziges Schiff, das von einem Tonnengewölbe bedeckt und durch sechs Seitenkapellen bereichert wird. Die Kapellen sind von Bögen eingerahmt, die auf Pilastern mit vergoldeten korinthischen Stuckkapitellen ruhen und ein teilweise vergoldetes Gebälk tragen. Darüber befinden sich heute teils zugemauerte Fenster, die von Stuckarbeiten mit Muscheldarstellungen gekrönt sind.


Die Fassade wird durch ein vorspringendes Gesims in zwei Ordnungen geteilt; die untere Ordnung ist durch Pilaster gegliedert und enthielt ursprünglich ein Portal aus dem 16. Jahrhundert, das von zwei Nischen flankiert wurde, die Anfang des 20. Jahrhunderts in Fenster umgewandelt wurden. Die obere Ordnung wurde mit einem Fresko von Giovanni Battista Gaulli verziert, das den ewigen Vater im Tympanon darstellt, sowie mit zwei Fresken in den beiden rechteckigen Nischen an den Seiten, die ebenfalls in Fenster umgewandelt wurden.

Die Architektur Fontanas wurde 1672 durch Leonardo Retti und Antonio Roncati mit Stuckaturen bereichert.


(...) the sculptors assigned the Angels on the chapel arches, counter-faced and on the wall of the apse, and the Fama reggicartiglio at the top of the absidal cap, while the angels on the cornice and sides of the window are lost (…)
Quelle

Gli stucchi sono stati eseguiti nel 1672 dagli artisti barocchi Leonardo Reti e Antonio Roncati per quanto riguarda le statue, da Simone Brogi per le decorazioni architettoniche e da Vincenzo Corallo per le dorature, con la supervisione dell'Architetto Carlo Fontana.
Quelle


Blick von der Apsis in den ehemaligen Nonnenchor mit einem Fresko der Madonna lactans aus dem 14. Jh.​

Die Deckenfresken wurden von dem bereits erwähnten Giovanni Battista Gaulli, bekannt als Il Bacciccio, entworfen. Das zentrale Tondo stellt die Glorie der Heiligen Martha dar und stammt von seiner Hand.

Die beiden weteren Tondi mit zwei Szenen aus dem Leben der Heiligen. Martha, die den Drachen besiegt und Martha, die einen Ertrunkenen rettet, basieren auf Gaullis Entwurf, wurden aber von Girolamo Troppa (1636 bis nach 1710) ausgeführt.


Die Tondi wirken fast wie kleine Kuppeln und die umgebenden Bildfelder wie Pendentifs.

Die vier Motive um die Glorie der Heiligen Martha herum sind von Bacciccio gemalt und zeigen folgende Tugenden: Die Unschuld, die ein Lamm an die Brust drückt, die Glorie, die ihr Gesicht der Szene des Tondos zuwendet und die Krone und die Tuba erhebt, die Reinheit oder Keuschheit, flankiert von einem Einhorn mit einer Blumenkrone in der Hand, die Buße, dargestellt als Magdalena, mit langem Haar, eingerahmt von der Dornenkrone und dem Holzkreuz in der Hand.

Das Fresko von Martha, die den Drachen besiegt, war dem Hochaltar am nächsten. Ringsum sind die vier Kardinaltugenden dargestellt: Klugheit (Prudentia), Gerechtigkeit (Iustitia), Tapferkeit (Fortezza) und Mässigung (Temperanza) mit ihren jeweiligen Attributen.

Rings um das Fresko mit Martha, die einen Ertrunkenen rettet, sind folgende Allegorien abgebildet:

Glaube, Religion, Mildtätigkeit und Wahrheit. Diese blieben uns wegen des Gerüsts leider verborgen.

Im Inneren der Kirche befanden sich einst neun Gemälde für ebenso viele Altäre. Die Themen und die Maler sind bekannt, aber die meisten Gemälde sind nach der Enteignung des Klosterkomplexes durch den Staat nach 1870 in alle Winde verstreut worden. Nur drei sind wiedergefunden worden.

Davon hat eines den Weg zurück nach S. Marta gefunden und zwar „La predica del Battista“ von Francesco Cozza (1606 bis 1682). Das 1675 entstandene Werk gehört zu den bedeutenden des Malers. Es tauchte auf dem Kunstmarkt auf und wurde 1966 vom Staat erworben um seinen angestammten Platz wiedereinzunehmen. Seit 2017 befindet es sich wieder in S. Marta.


Zwei weitere Originale befinden sich im Kloster der Augustinerinnen von Santi Quattro Coronati. In S. Marta findet man Reproduktionen derselben. Es handelt sich um das zentrale Gemälde „Cristo in casa di S. Marta e Maria“ von Guillaume Courtois, genannt Il Borgognone (1638 bis 1679) sowie das Gemälde „Madonna con Bambino e i Santi Agostino e Monica“ von Giacomo del Pò (1652 bis 1742).


Wie man auf den Fotos gesehen hat, 2019 noch Teile der Decke und der Gegenfassade restauriert, aber ich habe hier gelesen, dass die Restaurierung zwischen September und November 2020 abgeschlossen worden ist.

Vielleicht ergibt sich ja noch einmal ein Besuch. Regulär zu einer Führung anmelden kann man sich über die auf folgender Seite genannte Adresse: Santa Marta al Collegio Romano / Beni architettonici e storici / Beni culturali / Cultura e svago. Momentan finden allerdings wegen der Pandemie keine Führungen statt.
 

ColleMarina

Consul
Stammrömer
Das war ja wirklich ein toller Glücksfall, auf diesen Mitarbeiter zu treffen, der Euch dann auch noch genügend Zeit zum Fotografieren gelassen hat.
Eine interessante Kirche und interessante Informationen. Die Engelskulpturen weiter oben gefallen mir besonders - so lebendig!
 

Gaukler

Caesar
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Stammrömer
Wieder einmal ein wirklich sehr sehenswertes römisches Mosaiksteinchen.

Ebenfalls sehr sehens- bzw. bemerkenswert ist diese eure glückliche Erfahrung:
2019 ergab sich spontan die Gelegenheit S. Marta zu besuchen. Ein Angestellter verbrachte gerade eine Zigarettenpause vor der Tür und als er bemerkte, dass wir interessiert waren, winkte er uns heran, bat uns einzutreten und uns umzusehen.
Was für ein glücklicher Zufall! :cool:
... wie allerdings zum Glück auch ich selbst ihn in Rom schon mehrfach erlebt habe; und ich vermute darum: Eine Reihe weiterer Foristi hierzuforum dürfte Ähnliches erlebt haben.

Hoffen wir also gemeinsam, dass unser aller Lieblingsstadt uns auch in Zukunft immer wieder mal ähnliche Überraschungen bescheren werde.
 

Simone-Clio

Augustus
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Stammrömer
Herzlichen Dank für eure positiven Rückmeldunegn zum S. Marta-Beitrag!

Ebenfalls sehr sehens- bzw. bemerkenswert ist diese eure glückliche Erfahrung:
2019 ergab sich spontan die Gelegenheit S. Marta zu besuchen. Ein Angestellter verbrachte gerade eine Zigarettenpause vor der Tür und als er bemerkte, dass wir interessiert waren, winkte er uns heran, bat uns einzutreten und uns umzusehen.
Was für ein glücklicher Zufall!
Ja, wahrhaftig und wir konnten alles in Ruhe anschauen und fotografieren. Ich schätze wir waren mindestens eine halbe Stunde in der ehemaligen Kirche.

Eine interessante Kirche und interessante Informationen. Die Engelskulpturen weiter oben gefallen mir besonders - so lebendig!
Geht mir auch so!
Ja, die Engel hatten es mir auch besonders angetan! Es muss nicht immer Marmor sein, diese Engel aus Stuck verfehlen ihre Wirkung auch nicht. Derjenige links scheint sich scheu in seine Nische zurückzuziehen, während jener rechts fast spitzbübisch hervorlugt:


Aber auch die frisch restaurierten Deckenfresken zu sehen, war ein Genuss!
 

lukasi

Tribunus Militum
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Stammrömer
Wunderschön, dieses neue Mosaiksteinchen, das du deinem Rom-Mosaik hinzugefügt hast!
Die Deckenfresken gefallen mir besonders gut und ich hoffe, irgendwann an einer Führung
in S. Marta teilnehmen zu können.
 

Simone-Clio

Augustus
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Stammrömer
Liebe lukasi, schönsten Dank für dein freundliches Lob!

Was die Führungen anbelangt, so gehe ich davon aus, dass die Mitarbeiter vor allem von den laufenden Restaurierungsarbeiten berichten, hoffe aber, dass auch ein wenig von der Geschichte der Kirche und des ehemaligen Konvents berichtet wird. Der Konvent muss übrigens mal über einen Kreuzgang verfügt haben, wie man auf einer Informationstafel in S. Marta sehen kann. Luftaufnahmen bei Google maps zeigen, dass dort heute nur noch ein Parkplatz ist.

Hier zwei Videos, die einen Eindruck von der Arbeit der Restauratoren bieten:


 

Simone-Clio

Augustus
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Stammrömer
Bitte schön, es war mir ein Vergnügen diesen nicht so bekannten Ort vorzustellen.
Es freut mich, dass die Eindrücke aus S. Marta dir gefallen haben.
 

Simone-Clio

Augustus
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Stammrömer
Faszination Porphyr
Schon sehr lange fasziniert mich die Schönheit von rotem Porphyr. Er wird auch porfido imperiale genannt. Auch der grüne Porphyr gefällt mir sehr. Die Herkunft ist allerdings eine ganz andere. Geologisch gesehen handelt es sich beim Porphyr um magmatisches Gestein mit mehr oder weniger Einschlüssen unterschiedlicher Mineralkörper.
Der rote Porphyr, den die Römer in der Antike verwendeten, stammt vom Mons Porphyrites in Ägypten. Abgebaut wurde er vom 1. bis wahrscheinlich zur Mitte des 5. Jahrhunderts. Seither wurde nur noch Spolienmarterial verwendet.
Der grüne Porphyr stammt aus der griechischen Landschaft Lakonien und war in Antike und Mittelalter auch als marmo di Sparta bekannt.

Antike Werke aus rotem Porphyr, Cosmatenarbeiten aus rotem und grünem Porphyr, verschieden Marmorarten und weiteren Materialien findet man in Rom zur Genüge.

Seit vergangener Woche bin ich glückliche Besitzerin eines ganz kleinen Stückchens von poliertem roten Porphyr aus Italien. Es handelt sich um dieses in Form eines Eies geschliffene Stück.


Ich möchte Euch nach und nach verschiedene Beispiele kleiner und grösserer römischer Kunstwerke aus Porphyr präsentieren.

Den Beginn soll ein Stück aus rotem Porphyr machen, dessen Name und Geschichte mir seit vielen Jahren bekannt ist. Über ein eigenes Foto verfüge ich leider (noch) nicht, was aber hoffentlich kein Dauerzustand bleiben wird.

Il cuore di Nerone
Das Herz Neros
Das sogenannte "Herz Neros" befindet sich auf dem Petersplatz. Zwei Millionen Sampietrini oder Sanpietrini (die typisch römischen Pflastersteine, die diesem Umstand auch ihren Namen verdanken) wurden dort verlegt. Besonders wertvolle und schöne aus grünem Marmor und rotem Porphyr umrahmen, einander abwechselnd, die weissen Marmorplatten der "Rosa dei Venti" (Windrose) rings um den Obelsiken. Von diesen habe ich leider bisher nur zwei fotografiert.


Wer das "Herz Neros" finden will, muss den warmen Süd-West-Wind Libeccio suchen. Unter den umgebenden Porphyr-Sampietrini ist einer etwas ganz Besonderes, weil seine von einem Menschen bearbeiteten Oberfläche eine leicht erhabene Herzform ziert. Porphyr ist extrem hart, daher wirkt das Herz nicht abgenutzt.

Fotos aus dem weltweiten Netz:
Vor dem zweiten Weltkrieg war der Petersplatz frei zugänglich und trotz Autoverkehr (nicht mehr als 10 Autos am Tag) ging es ruhig dort zu. Der Petersplatz war damals auch Spielplatz für Kinder, die sich beim Ballspiel vergnügten. Dabei entdeckte eine Gruppe von Kindern (darunter auch ein Junge namens Nino) zufällig den besonderen Sampietrino, bezog ihn in ihre Spiele ein und nannte ihn il cuore di Nerone. Vielleicht weil sie wussten, dass sich hier einst der Zirkus des Nero befand.

Man findet zahlreiche Hinweise auf diesen Stein in Büchern und im weltweiten Netz. So auch folgenden Artikel von Minello Giorgetti, einem Römer, der unter dem Titel Bizzarrie romane Vorträge hält. Im Artikel erzählt er von seiner Begegnung mit Nino, der ihm vom "Herz Neros" erzählte und seiner langen Suche nach dem Stein an einem heissen 3. August 2001.


Allerlei Histörchen jüngeren Datums ranken sich darum, wie das "Herz Neros" hierherfand:

* Manche bezeichnen es auch als Cuore di Bernini. Es soll von Bernini hier platziert worde sein, als Zeichen der nie gefundenen wahren Liebe. Das Herz sieht in der Tat fast wie gespalten, gebrochen aus. Nur war Bernini schon mehr als 100 Jahre tot, als die Windrose entstand.
* Einer Variante zufolge wird es sogar als Cuore di Michelangelo bezeichnet. Michelangelo soll es wegen der unglücklichen Liebe zu einem jungen Mann geschaffen haben.
* Einer anderen Geschichte zufolge schuf den Stein eine Frau in Erinnerung an ihren zu Unrecht zum Tod verurteilten Ehemann.
* Ein Soldat soll traurig den Stein während einer Rede Garibaldis am 2. Juli 1849 angefertigt haben. Die Soldaten mussten nach dem Fall der Römischen Republik aus Rom abziehen.
* Auch von einem päpstlichen Zuaven geht die Rede, der das gespaltene Herz 1870 schuf während er auf den nie erfolgten Befehl zum Angriff auf die gegnerischen Bersaglieri wartete.
* Es gibt auch folgenden Erklärungsversuch, der "wissenschaftlicher"daherkommt: Filippo Luigi Gilij, der 1817 die Windrose schuf, hat 1789 ein botanisches Werk über neu aus Südamerika eingeführte Pflanzen aus Südamerika (SW!) verfasst. Darin beschreibt er u.a. die Pflanze Solanum lycopersicum pyriformis, eine birnenförmige Tomate. Siehe hier. Flüchtig betrachtet, könnte das Herz Neros auch zwei dieser Tomaten darstellen.

Tatsache dürfte sein, dass es sich bei dem Herzen um das Bruchstück einer antiken römischen Wanne aus Porphyr handelt. Solche Herzen waren eine typische Verzierung. Zwar nicht aus Porphyr, findet man zwei solcher Herzen auch an der antiken Wanne, die das Brunnenbecken von Giacomo della Portas Brunnen an S. Sabina bildet.

Dass das "Herz Neros" am Petersplatz bis heute überdauert hat, ist wirklich erfreulich. 1936 hätte sein letztes Stündlein schlagen können. Damals wurden (fast) alle Sampietrini des Petersplatzes ersetzt, nur nicht jene aus dem kostbaren roten Porphyr!

Weitere Porphyr-Episoden werden folgen.
 

ColleMarina

Consul
Stammrömer
Und wieder etwas gelernt! Dass die Umrandungssteine aus Porphyr sind, darauf wäre ich nie gekommen - wieder etwas, wo man beim nächsten Besuch genauer hinschaut.
Der rote Porphyr, den die Römer in der Antike verwendeten, stammt vom Mons Porphyrites in Ägypten.
"porphyrites" bedeutet übrigens auf Griechisch "purpurähnlich".

In der Heilsteinkunde heißt es, Porphyrsteine würde dabei helfen, Ideen zu verwirklichen - damit hast du mit diesem neuen Kapitel ja nun begonnen. Ich bin gespannt auf weitere Kunstwerke aus Porphyr.
 

lukasi

Tribunus Militum
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Stammrömer
Und wieder etwas gelernt! Dass die Umrandungssteine aus Porphyr sind, darauf wäre ich nie gekommen - wieder etwas, wo man beim nächsten Besuch genauer hinschaut.
Ich kann mich der Aussage von @ColleMarina nur anschließen.

In meiner Fotosammlung gibt es sogar ein Bild, das die Platte mit dem Süd-West-Wind Libeccio zeigt, aber leider
habe ich die umgebenden Porphyr-Sampietrini etwas außer Acht gelassen.
Schade, das wäre mir sicher nicht passiert, wenn ich zuvor schon einmal einen Hinweis auf diesen besonderen Stein gefunden
hätte.
Deine weiteren Porphyr-Episoden werde ich auf jeden Fall mit großem Interesse verfolgen.
 

Gaukler

Caesar
Forum-Sponsor
Stammrömer
Wie für ColleMarina, Lukasi und Tacitus war das auch für mich eine neue Erkenntnis. Und wie sie werde ich hier sehr gerne von weiteren Porphyr-Mosaiksteinchen lesen.

Im Übrigen, wie ich vielleicht noch nebenbei anmerken dürfte, verbindet sich für mich mit diesem Gestein stets sofort und vor allem der Gedanke an Kaiserin Theophanu, die ja bei uns in Köln beigesetzt wurde (vgl. Grabstätte in St. Pantaleon). Auch vielen anderen Foristi wird wohl bekannt sein, dass sie gerade eben nicht "im Purpur geboren" war:
Otto der Große hatte bereits zwei Gesandtschaften vergeblich mit dem Ziel nach Konstantinopel entsandt, um eine byzantinische Prinzessin als Gemahlin für seinen Sohn zu gewinnen. (...) Die dritte Gesandtschaft unter Führung des Kölner Erzbischofs Gero hatte zwar Erfolg, brachte aber statt der von den Ottonen gewünschten Anna (* 963, Tochter des verstorbenen Kaisers Romanos II.) Theophanu nach Italien, die Großnichte des abgesetzten Kaisers Nikephoros und Schwagerstochter des amtierenden Kaisers Johannes Tzimiskes. Es gab Stimmen, die wegen der nicht purpurnen Abstammung der Braut deren Heimsendung empfahlen – ein Rat, dem Otto mit Rücksicht auf die Beziehungen zu Byzanz wohl kaum folgen konnte. So wurde Theophanu am 14. April 972 in Rom mit Otto II. vermählt und gekrönt.
Von einer Purpurgeburt oder Porphyrogenese (mittelgriechisch πορφυρογέννητος porphyrogénnētos bzw. fem. πορφυρογέννητη porphyrogénnētē „purpurgeboren“) spricht man seit der Spätantike, wenn Söhne bzw. Töchter amtierender Kaiser des Byzantinischen Reiches als potentielle Thronfolger in der Porphyra, einer Kammer des Großen Palastes in Konstantinopel, zu einem Zeitpunkt geboren wurden, zu dem der Vater bereits die Herrschaft innehatte. (...) Ihren Namen verdankt die Porphyra dem in Ägypten am Mons Porphyrites abgebauten purpurfarbenen Porphyr, mit dem Boden und Wände der Kammer ausgekleidet waren. Frühere Kaiser hatten diesen Stein aus Rom holen lassen.
Allerdings ist nicht unumstritten, ob die Bezeichnung tatsächlich auf diesen Raum zurückgeführt werden kann, da die griechische Bezeichnung πορφυρογέννητος porphyrogénnētos „purpurgeboren“ auf die purpurrote Farbe verweist, die aufgrund ihrer Kostbarkeit traditionell als Farbe der Könige und Kaiser galt.
 
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