Frühlingsahnen in Roma Aeterna

otium

Praetor
Stammrömer
Liebe Nihil, nun hatte ich glücklicherweise endlich wieder Zeit, Deinen Bericht weiter zu verfolgen. Hat mir sehr viel Vergnügen bereitet!
Diese Kirche ist eine der beliebtesten römischen Hochzeitskirchen
Genau so haben wir die Kirche zwei Mal erlebt (nicht bei Hochzeit, aber mit Hochzeitschmuck). Da ist das Barocke, das ich nicht so liebe, in meiner Erinnerung ganz in den Hintergrund getreten!

Auch in den römischen Häusern war ich vor etlichen Jahren wohl schon einmal, aber Dein Bericht zeigt deutlich, die Erinnerung ist verblasst , eine Wiederholung lohnt! Vielen Dank!
 

Nihil

Queastor
Stammrömer
Liebe Otium, danke für das Mitlesen. Wiederholung schadet nie:D und bei vielen Monumenten, Kunstwerken, etc. kommt bei mir der Genuss oft erst beim 2. Gang. Ja, der Barock hätte sich in Rom ruhig etwas zurückhalten können. Da ist der Zeitgeist echt über einzigartige antike, frühchristliche Kostbarkeiten hinweggetrampelt.
 

Nihil

Queastor
Stammrömer
Casa delle Oblati di Santa Francesca Romana a Tor de´Specchi, 2.Teil

Aus dem Refektorium führen einen paar Stufen hinab in die Zelle von Santa Francesca Romana. Diese befindet sich in einem mittelalterlichen Turm. Da eben immer wieder Häuser dazu gekauft und vereinigt wurden, ist die Architektur wie ein Puzzle. Die Zelle ist nicht klein. Ausser einem Altar und einem Schrein, der Kleidungsstücke der Heiligen enthält, ist kein weiteres Möbelstück im Raum. Die Schlappen der Heiligen sind nicht im Bild, massen aber sicher nicht mehr als Schuhgrösse 34.



Die Deckenmalerein und der Freskenfries unter den Dachbalken sind eine spätere Zutat.



Was dann folgte war ein Eintauchen in die Welt des 15. Jahrhunderts. Man fühlte sich, als stände man mitten in einem Bild. Im alten Oratorium sind ringsum die Wände bemalt, in derart frischen Farben, als wäre der Maler nur mal gerade zur Kaffeepause verschwunden. Man vermutet Benozzo Gozzoli als Maler. Die Fresken wurden zwar in der letzten Zeit restauriert, aber dass sie fast 600 Jahre in dieser Pracht überlebt haben, grenzt an ein Wunder.
Der Saal erzählt die zahlreichen Heilungen und Wunder, die durch Santa Francesca Romana geschahen. Aber nicht nur in Bildersprache, es gibt auch eine geschriebene Kurzfassung des Geschehens jeweils unterhalb der Bildszene. Geschrieben im Italienisch des Quattrocento. Ich stelle diesmal die Bilder ohne die gemalte Abfolge der Szenen ein.

Hier gelingt der Heilige die erfolgreiche Reantimation eines Ertrunkenen. Ein gewisser Paolo war beim Holzsammeln in den Tiber gefallen. Nachdem man ihn nach einer halben Stunde aus dem Wasser bergen kann, ruft man Francesca, die den Toten segnet und der daraufhin wieder zum Leben erweckt wird.

Hier eine wundersame Brotvermehrung. Im Konvent gab es nichts mehr ausreichend zu essen. Francesca sammelt das Brot ein, bricht es in 15 Stückchen für ihre Oblatinnen, und siehe da, das Brot reicht und es bleibt noch ein ganzer Korb übrig:


Exakte Zeit- und Mengenangabe: im Januar des Jahres 1438 bekommen Francesca und 8 Oblatinnen beim Holzsammeln im Weinberg grossen Durst. Auf wundersame Weise lässt Gott Weintrauben mitten im Winter an einem Weinstock wachsen, mit denen sie ihren Durst stillen können.

Hier bin ich mal am Vorgreifen: Santa Francesca stirbt am 9.März 1440. Sie wird noch drei Tage in Santa Maria Nova am Forum aufgebahrt, damit das Volk, einschliesslich des Hundes Abschied nehmen kann. Auch hier hält die Wundertätigkeit der Heiligen noch über ihren Tod hinaus an, was man an dem " Besessenen" sieht, der seine kleinen Teufelchen ausspuckt.




Francesca hatte nicht nur persönliche Begegnungen mit den dunklen Mächten. Ihr wurde auch die Gnade Gottes zuteil, einen Blick in die Teufelsküche zu werfen, damit sie auf Erden, die Armen und Verwirrten um so eindringlicher auf den rechten Pfad zurückführen konnte.
Ganz besonders eindrücklich ist die Darstellung der Hölle. Da wird gebraten, gesiedet, gevierteilt, gehängt, gefressen, gebissen, gewürgt, geröstet, fehlen noch irgendwelche Quälereien??? Die drastischen Darstellungen sind nicht zu überbieten. Da wirkt so mancher Horrorfilm der heutigen Zeit regelrecht harmlos. Die Höllenhunde schnappen zu, Gedärme werden ausgeweidet, Gewürm und Schlangen umschlängeln die gefallenen Seelen. Auffällig viel Geistlichkeit sitzt in der Höllenglut....erkennbar an ihren Tonsuren.:oops:






Hier der Oberbelzebub, der sich freut, seine höllische Vorratskammer so gut angefüllt mit den Sündern und Schwerenötern zu sehen.

Da ist, nach so viel buntem Grauen, ein Blick in die reiche Wundertätigkeit Francescas geradezu erholsam. Hier wird ein junger Mann namens Giuliano vom fortgeschrittenen Wundbrand geheilt, nachdem er sich mit einer Axt Monate zuvor beim Kleinholz machen, ins Bein gehauen hat.



Diese Szene zeigt eine Ekstase der heiligen Francesca am Weihnachtsfest des Jahres 1432. Francesca wohnt einer himmlischen Messe in Anwesenheit der Muttergottes bei, bei dem kein Geringerer als der Heilige Petrus selber die Messe zelebriert und Francesca die Oblate reicht.


Am 15. August 1425 legt Francesca mit ihren ersten Gefährtinnen in der Kirche Santa Maria Nova ihre Gelübte ab. Wer der Mönch ist, der an Gestalt alle überragt und Francesca segnet, konnte ich bislang nicht in Erfahrung bringen. Ein Heiliger ist es nicht, denn da fehlt ihm das entscheidende Attribut: der Heiligenschein.:cool:

Die gekrönte Madonne mit Jesuskind zwischen dem Heiligen Benedikt von Nursia, in der Hand das geschriebene Regelwerk für sein Kloster und der Heiligen Francesca mit ihrem Engel.

Und weiter sind der Wundertaten mehr: Ein fast abgehackter Arm wächst wieder an mit Salben und Gebeten. Ein sich selbst wieder auffüllendes Weinfass, nachdem Francesca den Wein zuvor an die Armen verteilt hatte. Im Stadtteil Monti hatte eine Mutter ihr noch nicht getauftes Kind im Schlaf erdrückt. Francesca hört das Weinen der Mutter, nimmt das Kind in ihre Arme, woraufhin dieses wieder ins Leben zurückkehrt. Ein gelähmtes Mädchen namens Jacobella, die Tochter des Gregorio Lelli, wird zu ihr getragen und kann nach 3 Tagen wieder gehen. Im Jahr 1402 herrscht eine Hungersnot. Nachdem Francesca das letzte Korn an die Armen verteilt hat, findet sie ihren Kornspeicher auf´s Neue gefüllt vor.






Auch schöne Naturszenen sind zu sehen


Nach einem Besuch der Basilika S.Paolo am 28. Juni 1438 hält Francesca an ihrem Weinberg an, gerät in Exstase und kniet sich in einen Bach. Als sie sich schliesslich erhebt, sehen ihre Begleiterinnen, das die Kleider trocken geblieben sind.

Der Wunder und Heilungen sind viele, besonders hübsch die Szene, wo Francesca das Jesuskind halten und dann auch die Hand von Jesus schütteln darf :


Francesca bekam während einer Meditation 1411 Besuch von ihrem schon lange verstorbenen Sohn Evangelista, der ihr einen persönlichen Engel zuführt. Dieser begleitete Francesca und half ihr gegen die bösen Mächte. Für Francesca blieb dieser Engel immer sichtbar.


Auffällig sind die Namens- Orts- und Datumsangaben, fast so, als wolle man genau dokumentieren, dass alles wahr, nachvollziehbar und unter Zeugen bestätigt war. Nach so vielen Wundern, die der Geist nicht so recht fassen kann oder will, tut es gut, das Auge mal auf den schön gestalteten Anfangsbuchstaben der unterliegenden Texte ausruhen zu lassen.


Die himmlischen Heerscharen freuen sich sehr über Francescas ekstatischen Besuch im Himmel:



Und nun das grosse Finale. Francesca stirbt am 9. März 1440, und ihre Seele, nackt, bloss und geschlechtslos, wird über einen Blumenteppich von Jesus selber in den Himmel aufgenommen. Da zieht das Engelsorchester aber alle Register!



Es war für mich ein echtes Geschenk und Höhepunkt dieser Romreise, diese Fresken betrachten zu können. Und die Seltenheit der Besichtigungsmöglichkeit macht es noch wertvoller. Was für ein Glück, Vorsehung oder was auch immer, dass das Namensfest von Francesca in meine Urlaubzeit fiel. Diese Fresken sind eindrücklich, und ob man nun die vielen Wunder aus heutiger Sicht mit hochgezogener Augenbraue betrachtet oder belächelt, Francesca war zu Lebzeiten und ist es auch heute noch: eine echte Volksheilige.




Ergriffen hast du meine rechte Hand,
Du führtest mich nach deinem Willen
und nahmst mich auf in Herrlichkeit.​




 
Zuletzt bearbeitet:

Padre

Censor
Forum-Sponsor
Stammrömer
Liebe Nihil,
ich möchte mich ganz herzlich für diesen schönen Bericht bedanken. Es hat mir Freude bereitet ihn heute Nachmittag in Gänze zu lesen und er hat ganz viele und schöne Erinnerungen in mir wachgerufen: z.B. der Celio und die Case romane, die Via Appia antica uvm. Herzlichen Dank!

Padre
 

Pasquetta

Triumphator
Forum-Sponsor
Stammrömer
Die Casa delle Oblati di Santa Francesca Romana a Tor de´Specchi war ja wirklich ein glücklicher Zufall und eine tolle Entdeckung! Danke für's Mitteilen und die vielen schönen Bilder dazu. - An die Case romane erinnere ich mich auch gerne und ich habe mich gefreut, davon ebenfalls Fotos zu sehen (ich glaube, tacitus hatte vor Jahren auch schon mal Bilder davon eingestellt). Als ich dort war, durfte man noch nicht fotografieren, umso schöner, dass man nun auch solche Eindrücke davon mit nach Hause nehmen kann.
 

Nihil

Queastor
Stammrömer
Lieber Padre, liebe Pasquetta

Vielen Dank für eure netten Worte und Kommentare. Ich freue mich sehr , wenn mein Reisebericht bei euch Erinnerungen wachruft, oder vielleicht sogar Neurigkeiten bietet, wobei ich annehme, bei so versierten Romkennern habt ihr wahrscheinlich kaum noch "weisse Flecken" auf dem römischen Stadtplan. Ja, es ist schön, wenn man Erinnerungen in Form von Fotos mit nehmen kann. Ich muss zugeben , ich bin, was das Fotografieren angeht, etwas masslos. :rolleyes: Aber ich zehre davon, bis zum nächsten Mal Rom.
 

ColleMarina

Praetor
Stammrömer
Es war mir wirklich eine große Freude, deinen Reisebericht zu lesen, liebe Nihil! Es war so viel für mich Neues dabei, und ich habe feststellen müssen, dass es trotz unserer neun Aufenthalte in Rom immer noch sehr viele weiße Flecken gibt. Aber das ist ja auch gut so! Und auf jeden Fall hast du mit deinen tollen detailreichen Fotos einige Begehrlichkeiten geweckt - gut, dass du so "maßlos" dabei bist.
 

Nihil

Queastor
Stammrömer
Liebe ColleMarina
Danke fürs Mitlesen und Aushalten...der vielen Fotos. Ich denke, durch die fotografischen Erfassungen kann man sich halt auch mehr vorstellen, was einen erwartet oder es wird gerade erst die Neugier geweckt. So ging es mir oft beim Lesen der verschiedenen Reiseberichte. Und G:cool:ottseidank gibt es weiterhin weisse Flecken im Romplan, was immer neue Reisen erfordert. :cool:;)
 

Nihil

Queastor
Stammrömer
Und nun noch ein kleiner Nachschlag;

Keine Angst, es folgt keine erneute kulturelle Fotoerfassung irgendwelcher ober- oder unterirdischer Gemächer. Es ist mehr ein Schlendern durch die Gassen von Rom, lauter Nebensächlichkeiten, die aber nach meinem Empfinden Rom seinen Flair geben. Rom besteht ja nicht nur aus Ruinen, Museen, Kirchen und sonstigen Schönheiten. Oft sind es die unbedeutenden Momente am Wegesrand, das Schatten- und das Wasserspiel, Kitsch und, oder Kunst auf Dächern, im Garten, an der Hauswand, die flatternde Wäsche, Antennen, Gassigehen. Viel Spass bei den Nebensächlichkeiten!

















 
Zuletzt bearbeitet:

Angela

Caesar
Mitarbeiter
Moderator
Forum-Sponsor
Stammrömer
Liebe Nihil,

Deine "Nebensachen" sind wirklich besonders hübsch und gefallen mit sehr gut!
Und ja, Einiges davon wäre sehr geeignet für das Adventsrätsel, wenn Du Dich dazu entschließen kannst, noch nicht zu verraten, wo die Fotops entstanden sind (manche kennt man natürlich allzu gut, aber andere sicher nicht auf Anhieb).
 

Nihil

Queastor
Stammrömer
Liebe Angela, wenn du möchtest, darfst du dich ungeniert aus meinem Fotofundus bedienen. Es ist alles als öffentliches Album deklariert. Ich weiss nicht, ob das System es zulässt, dass du dort Fotos abrufen kannst. Wenn nicht, dann schicke ich die Fotos per Nachricht zu. Das gleiche gilt für die Ortsangaben...kann ich ja hier nicht verraten, wenn es als Adventsrätsel dienen könnte.
 

arator

Centurio
Stammrömer
Rom-Reise
15.11.2019-22.11.2019
Carus Nihil,

vielen Dank für den umfassenden Bericht. Habe daraus viele Anregungen für meine nächste Romreise gezogen, aber auch einige schöne déjà vu Erinnerungen gehabt, wie die Case Romane mit Umfeld.
Willst du uns noch verraten, wo man deine Ferienwohnung genau findet?
 

otium

Praetor
Stammrömer
Es war für mich ein echtes Geschenk und Höhepunkt dieser Romreise, diese Fresken betrachten zu können. ... Diese Fresken sind eindrücklich, und ob man nun die vielen Wunder aus heutiger Sicht mit hochgezogener Augenbraue betrachtet oder belächelt, Francesca war zu Lebzeiten und ist es auch heute noch: eine echte Volksheilige.
Das dies ein echter Höhepunkt Deiner Reise war, kann ich gut nachempfinden. Und zu lächeln gab‘s wirklich viel bei den eindrücklichen Fresken!

Es sind doch wirklich sehr liebenswert dargestellte Wunder - fast wie im Märchen ;), immer zur rechten Zeit kommt Hilfe herbei. Richtig schön! Ganz besonders fein finde ich, wie Christus die Seele über den Blumenteppich zieht! Wunderschöne Geschichten! Danke fürs bebilderte Nacherzählen.
 

Nihil

Queastor
Stammrömer
Liebe Otium, Danke für das Mitlesen und die Kommentare. Vielleicht gelingt es dir auch mal bei einem Romaufenthalt die wundersamen Begebenheiten der Santa Francesca Romana zu betrachten. Immer den 9. März im Auge behalten! ;)

Hallo Arator, auch dir herzlichen Dank für deine Anteilnahme am römischen Frühlingsahnen! Die Wohnung heisst San Saba ( liegt ja sozusagen vis a vis.) Ich hatte die Wohnung noch über Romehome reserviert und bezahlt. Die sind aber leider nicht mehr aktiv. Du kannst ja mal die Dame anrufen, ich nehme an, die behält ihre Kontakte: Christine Martin 06235 929 534 / 0177 2875919. Eine andere Möglichkeit wäre auch rome-accommodation.net
 
Top