Mes amis,
wie versprochen ein kurzes compte-rendu des Vortrags von gestern. Ich beschränke mich mal auf die Frage der Lesbarkeit der Säule - in einem ersten Teil des Vortrags ging es u. a. um die Rezeption derselben in der späteren Kunst und im Zusammenhang monarchischer Repräsentation.
Wie ich schon in einem vorhergehenden Posting gesagt habe, ist die Frage der Lesbarkeit der Trajanssäule ein vieldiskutiertes Problem und gerade der von mir zitierte Paul Veyne hat die Diskussion zu einer Attacke auf die Analysen archäologischer Forschung genutzt: kein Betrachter hat - so Veyne - so genau hingeschaut und die Bilder so genau wahrgenommen, wie es immer gesagt wird. Und so seien die Interpretationen immer viel zu komplex und gehen an den Zeitgenossen vorbei. Ich habe mir allerdings auch schoin des öfteren die Frage gestellt, welcher Besucher einer mittelalterlichen Kathedrale die komplizierten Bildprogramme wirklich verstehen konnte, selbst wenn man voraussetzt, dass die Menschen früher einen anderen Verständnishorizont hatten.
Aber davon mal abgesehen ...
Jetzt legt Martin Galinier von der Universität Perpignan eine neue Untersuchung des Relieffrieses vor und hat seine Ergebnisse teilweise in dem Vortrag im Louvre
präsentiert:
Lange Zeit wurde das Relief, das die Säule umzieht, als historisches Relief verstanden, das einen Text Trajans illustriert und damit den Verlauf der Dakerkriege wiedergeben will. Der heute verlorene Bericht Trajans, von dem nur wenige Worte überliefert sind, soll nach dem Vorbild von Caesars Commentarii verfasst sein. Es dürfte sich wohl um einen Rechenschaftsbericht Trajans an den römischen Senat gehandelt haben.
Andererseits hat das Relief Memorialfunktion und erinnert an Trajan: demnach geht es gar nicht in erster Linie um einen detailliertem historischen Bericht. In dem Falle aber besteht auch keine zwingende Notwendigkeit, die Szenen der Säule als fortlaufende Erzählung im Sinne einer chronologischen Folge zu lesen und die Säule 23 mal zu umrunden (wie ein Zirkuspferd). Es ist durchaus möglich, die Säule vertikal von unten nach oben zu lesen, getrennt auf allen vier Seiten.
Die Säule als Staatsdenkmal stellt Trajan dar, wie er gesehen werden wollte:
- als neuer Romulus (sein Grab war in der Säule: wie ein Stadtgründer wurde er innerhalb des pomeriums beigesetzt)
- er wird zum optimus princeps (sogar die Christen haben aus ihm später einen Heiligen gemacht, der noch nachträglich christianisiert wird. Nach einer Legende wurde er wiederauferweckt, getauft und als Christ stirbt er ein zweites Mal – und das, obwohl seine Rekripte die rechtliche Grundlage der Christenverfolgungen waren – vgl. Darstellung in einer Buchmalerei, leider habe ich es nicht geschafft, die genaue Quelle zu notieren)
Zur Sichtbarkeit des Reliefs:
Die 6. Spirale war die am höchsten gelegene, die von Renaissance-Künstlern gemalt worden ist. Alles was darüber lag, war von unten nicht sichtbar. Die Trajanssäule zählt zu den Antiken, die am häufigsten rezipiert wurden. Eine erste vollständige Nachzeichnung aller Reliefs stammt aus dem Jahr 1506 von Iacopo Ripanda. Vorher war es unmöglich, die Reliefs bis zur Spitze der Säule anzuschauen. In der Renaissance diente die Säule als Studienobjekt für Künstler, besonders für Zeichenschüler und wurde von Michelangelo als besonders geeignet hervorgehoben.
Die Abgüsse und Zeichnungen sind auch heute noch von großem Wert, denn sie erlauben das Erkennen von Details, die inzwischen durch Verwitterung und andere Umwelteinflüsse am Original nicht mehr sichtbar sind.
Die Säule in der Antike:
Dargestellt sind die 5 Kriegszüge gegen die Daker. Alle beginnen mit einer Flussüberquerung (Aufbruch – profectio), es folgt eine Besprechung Trajans mit seinen Generälen (consilium), eine Opferszene (lustratio) die allocutio Trajans an die Soldaten. Dann geht die Armee an die Arbeit (Schanzarbeiten, Lagerbau, Brückenbau), was von Trajan überwacht wird. Erst danach gibt es Schlachtszenen mit Unterwerfung (submissio) der Daker und die Schlußansprache. Dieses Schema wird fünf mal wiederholt, wobei viele Szenen stereotyp sind, nur in 79 Szenen finden sich spezifische Einzelheiten. Hervorzuheben sind der Realismus der Darstellungen, aber auch das romtypische Barbarenbild: die Daker sind Barbaren ohne technische Kenntnisse, der Natur verbunden. Vgl. auch die Wiedergabe der Hauptstadt der Daker und die Darstellung von Sarmaten, die mit ihnen verbündet waren.
Übrigens: auf der Trajanssäule findet man die älteste bildliche Darstellung der von den Legionären gebildeten sog. “Schildkröte“ (allgemein aus Asterix bekannt). In der Schlacht Gefallene sind natürlich nur Daker (vgl. Darstellungen auf römischen Schlachtensarkophagen).
Besonderes Gewicht kommt anscheinend der Zone auf der mittleren Höhe der Säule zu: Bei der hier dargestellten Opferszene nehmen auch Daker am Opfer teil - dies ein Zeichen für ihre beginnende Romanisierung. Zudem wird im gleichen Register in der mittleren Säulenhöhe der Bau einer Steinbrücke über die Donau gezeigt (ein extrem aufwendiges Unterfangen, denn zu dem Zwecke musste sogar die Donau umgeleitet werden). Damit wird auf eine Aussage Trajans angespielt, der geäußert haben soll: wenn eine Steinbrücke über die Donau gebaut wird, dann ist Dakien eine römische Provinz.
An der Spitze der Säule: Darstellung des Selbstmordes von Dakern, die sich nicht unterwerfen, aber auch nicht fliehen wollten, des Todes ihres Königs Decebal (ebenfalls Selbstmord), dessen Kopf nach Rom geschickt wurde. Aber es war keineswegs ein Vernichtungskrieg: Daker, die sich unterwerfen, werden von Trajan akzeptiert.
Verteilung der Darstellungen Trajans auf der Säule:
Im unteren Drittel ist er sehr häufig zu sehen, immer in Rüstung. Im mittleren Drittel erscheint er nicht mehr ausschließlich in militärischer Rüstung. Die letzte Darstellung Trajans findet sich in der drittletzten Spirale – vor dem Tod des Decebal.
Markiert man die Darstellungen Trajans auf der Säule, so verweist das schon auf eine andere, nämlich vertikale Lesemöglichkeit.
Diese erhellt sich, wenn man die Opferszenen miteinander vergleicht: sie liegen (kleinere Abweichungen müssen künstlerischer Ungenauigkeit bei der Ausführung angelastet werden) praktisch vertikal übereinander. Das deutet auf den Grundplan der Säule hin: sie ist vertikal geplant worden, die Anordnung der Szenen ist so gewollt (d.h. dass die Opferszenen alle übereinander sind). Das wird durch die Flussüberquerungen bestätigt: auch diese sind vertikal in einer Linie.
Hauptseite der Säule ist die Nord-Ost Seite, die man als Seite des römischen Sieges bezeichnen kann. Ganz oben findet sich hier der Tod des Decebal. Hier dominieren in der Vertikale Schlachtszenen. Schon die ersten Szenen von unten, die übereinander zu sehen sind, machen für einen Betrachter Sinn: Opfer – gutes Vorzeichen (gestürzter Mann, der als gutes Omen gedeutet wird: die Daker werden verlieren) – siegreiche Schlacht – gefallene Daker. Und dann als Krönung an der Spitze der Säule der Tod des Decebal.
Ein Schema zeigt, dass die Seiten der Säule nach Themen geordnet sind. Leider habe ich keine Kopie und in den Büchern, die ich zur Hand habe, finde ich nur die sozusagen aufgerollte „Schriftrolle“, nach der ich eine Frontalansicht nicht rekonstruieren kann.
Zur Frage der Sichtbarkeit:
Die Säule stand in einem engen Quadrat zwischen Bibliotheken und Basilica Ulpia. Von unten war das Anschauen kaum möglich und extrem unbequem. Auf halber Höhe der Säule dagegen befanden sich begehbare Terrassen, von denen aus die Säule sichtbar war. An den Treppen und den Terrassen kann nach den neuesten archäologischen Befunden nicht mehr gezweifelt werden. Diskutiert wird noch die Höhe der Terrasse. Geht man von 15 m aus, so kann praktisch das gesamte Relief von der 1. bis zur 21. Spirale gesehen werden.
Vgl. einen imaginären Betrachter der Säule, der nach oben und unten blickt und die Mitte am besten aus der Nähe betrachten kann (s. Schema in der Publikation).
Damit liegt für Martin Galinier nahe, dass
1. die Säule so geplant war, dass sie von halber Höhe aus betrachtet wird
2. die Themen bewusst horizontal angeordnet waren, denn der Betrachter sieht eine Seite und geht nicht um die Säule herum – durch Wiederholungen werden die Szenen schneller veständlich
3. die Bilder angesichts der Polychromie (nachgewiesen?) noch deutlicher gewesen sein müssen
Darstellung Trajans
Als dynamischer Herrscher mit allen Herrschertugenden.
Oft begegnet Herkules, der ein Vorbild Trajans gewesen sein dürfte (vgl. auch den Bogen in Benevent). In der Regierungszeit Trajans begegnet Herkules auch wieder auf römischen Münzen.
Zudem
präsentiert sich Trajan unter dem besonderen Schutz des Jupiter (vgl. Adoption durch Nerva vor dem Tempel des Jupiter Optimus Maximus auf dem Kapitol). Trajan sah sich als Repräsentant des Jupiter auf Erden. Auch Herakles war von Jupiter geleitet (Hermes agiert im Auftrag Jupiters). Und als von Jupiter geleiteter neuer Herkules sorgt sich Trajan um den Schutz der Grenzen des römischen Imperium und die Romanisierung der Barbaren. Trajan, der optimus princeps, der in der geschichtlichen Erinnerung der Römer blieb. Bei Amtsantritt eines neuen Kaisers pflegten die Senatoren des 4. Jahrhunderts zu wünschen: „Glücklicher als Augustus, besser als Trajan“.
Wer es genauer wissen möchte:
Martin Galinier, La colonne de Trajan et les forums impériaux, Collection de L’Ecole francaise de Rome n° 382, Rome 2007
Ich habe mich bemüht, alles festzuhalten, was wichtig war. Aber Irrtümer sind nicht ausgeschlossen, denn wenn ich mir Notizen mache, passiert das auf Deutsch - so kann ich einfach viel schneller schreiben. das bedeutet aber, dass ich praktisch simultan übersetze und es können sich durchaus Mißverständisse einschleichen. Vous me pardonnerez au cas ou ...
Ansonsten habe ich mich noch nicht kritisch mit den Thesen beschäftigt (dazu müßte ich vermutlich auch erst mal das Buch lesen), aber mich würde schon interessieren, was die Herren Zanker und Hölscher dazu meinen. Vielleicht äußern sie sich ja irgendwann dazu.
Viele Grüße
Claude