dies solis ante diem XVI Kalendas Ianuarias MMDCCLXX ab urbe condita
Sonntag, 16. Tag vor den Kalenden des Januar, 2770. Jahr nach Gründung der Stadt




Ulmer Spatzen und - Spitzen

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  #1  
Alt 05.12.2017, 20:46
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Ludovico ROB Ludovico ROB ist offline
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Ulmer Spatzen und - Spitzen

Von einigen Städtereisen mit meiner Oberhausener Truppe habe ich ja schon bericht. Dieses Jahr ging es Mitte Oktober ins schwäbische Ulm, der Stadt, in der ich 1971 die Grundausbildung absolvierte. Wie ich schon im Internet und einem Reiseführer herausgefunden habe, hat sich seitdem viel verändert.

Unsere Reisegefährten kamen per Bahn, während wir für die kurze Fahrt den PKW wählten. Den zeitlichen Vorsprung nutzten wir für eine Besichtigung des Klosters Wiblingen vor den Toren Ulms. Vor fast 1000 Jahren wurde hier ein Ableger des Benediktinerklosters St. Blasien gegründet. Im Rahmen der Säkularisierung wurde das Kloster nach über 700 Jahren geschlossen. Heute ist wohl der ganze Gebäudekomplex, aber ganz besonders die barocke Basilika St. Martin und die Klosterbibliothek interessant.



Betritt man die Kirche, so strahlen einem viel leuchtendes Gold auf reinem Weiß entgegen.



Baumeister dieser Kirche waren Johann Georg Specht und besonders Januarius Zick. Die Fresken an der Decke zeigen das letzte Abendmahl, die Kreuzerhöhung und ein jüngstes Gericht.



Beherrscht wird der Chorraum von dem riesigen Kruzifix, das ursprünglich für das Ulmer Münster vorgesehen war. Im Hintergrund ist das Hochaltarbild von Januarius Zick zu sehen.



Das Chorgestühl ist eine Augenweide. Die junge Dame auf dem rechten Foto verwöhnte bei unserem Besuch auch die Ohren mit ihrer Orgelmusik.



Die Marienklage auf diesem Seitenaltar schuf Dominikus Hermenegild Herberger.



Es lohnt durchaus auf einem eigenen Rundgang nur die Seitenaltäre zu betrachten. Mir hat es besonders der Josef mit dem Sohn auf dem Arm angetan, ein seltenes Motiv.



Es gibt auch einige Grabmale.



Tabernakel, Kanzel und Taufbecken, alles in hellem Weiß mit viel Goldverzierung.







Werfen wir noch einen Blick auf die bereits genannten Deckenfresken, bevor wir zur Bibliothek gehen.



Wir zahlen unser Eintrittsgeld, passieren zügig das kleine Museum, um mehr Zeit für den weithin bekannten, prächtigen Raum zu haben.



Es gibt nicht viele Besucher, die unser Studium stören. Es werden Sitzplätze angeboten, um in aller Ruhe die ganze Pracht der Rokoko Bibliothek zu studieren und die Erläuterungen des Audioguide anzuhören. Die Deckengemälde wurden 1744 von Franz Martin Kuen geschaffen.



Sie zeigen in neun Bildern antike und religiöse Themen.



Die Skulpturen im unteren Bereich verkörpern die Wissenschaften der damaligen Zeit und mönchische Tugenden.



Und die Bücher; wo sind die wertvollen Bücher geblieben? Viele sind über die Welt verteilt. Einige kann man noch in den hohen Regalen bewundern.



Auf dem Flur entdeckte ich noch dieses Regal mit kleinen bunten Fläschchen, die ein interessantes Muster zeichnen. Heute wird das Kloster hauptsächlich als Pflegeheim und für medizinische Ausbildung der Ulmer Universität genutzt. Wir nutzten die Möglichkeit in der Mensa zu essen.



Dann erkundeten wir bei einem Verdauungsspaziergang das ehemalige Klostergelände.





Wir umrundeten den Zentralbau, durchquerten den kleinen Park und bewunderten die gut erhaltenen Gebäude.



Noch ein Foto der Hauptfassade mit dem Kircheneingang, dann setzten wir uns ins Auto, um zum Hotel zu fahren, wo wir unsere Gefährten treffen wollten. Dazu im nächsten Kapitel.



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Geändert von Ludovico ROB (05.12.2017 um 22:00 Uhr)
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  #2  
Alt 06.12.2017, 05:41
gordian gordian ist offline
 
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Ludovico, vielen Dank für den Bericht und die herrlichen Fotos aus unserer Hochzeitskirche.
Kurz ergänzend sei noch erwähnt, dass der Bibliothekssaal im hohen Rokokostil erbaut wurde, während das Kircheninnere in weiẞ und gold später datiert und schon deutliche klassizistische Stilelemente aufweist.
Bei uns nennt man das "Zopfstil" in Frankreich Louis XVI. Das ist unter den Kirchen der oberschwäbischen Barockstraße einzigartig.
Die Bücher aus der Klosterbibliothek sind übrigens nach der Säkularisation überwiegend in den Staatsbibliotheken in München und Stuttgart gelandet, denn Wiblingen war wie die ganze Umgebung zuerst bayerisch und wurde dann 1810 württembergisch.
Das Pflegeheim wurde dieses Jahr aufgelöst und durch Neubauten an anderer Stelle ersetzt, das Land wird die Gebäude künftig anders (vermutlich durch die Universität Ulm) nutzen.
Die fehlenden Türme bei der Basilika sind übrigens keinesfalls stilistische Absicht, dem Kloster ist einfach das Geld ausgegangen. Geplant waren die ortsüblichen "Zwiebeltürme", allerdings in monumentaler Größe

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  #3  
Alt 06.12.2017, 10:09
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Das sind wirklich wieder mal tolle und sehr sehenswerte Photos!

Und was du schreibst in Bezug auf das Chorgestühl, das gilt m.E. auch für deine anderen Motive: "eine Augenweide".

Wie nett übrigens, dass sich für gordian mit diesem Ort so wichtige wunderschöne Erinnerungen verknüpfen.

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  #4  
Alt 06.12.2017, 14:01
gordian gordian ist offline
 
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Nun ja, wir wohnen ja gerade mal 3 km entfernt von der Basilika. Ich sehe sie eigentlich (von außen) täglich
Und geheiratet haben wir da auch. Obwohl es nicht unsere Pfarrkirche ist.


Geändert von gordian (06.12.2017 um 14:21 Uhr)
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  #5  
Alt 06.12.2017, 16:12
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Na, in eine so schöne Kirche lässt man sich ja zum Heiraten besonders gerne überweisen.

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  #6  
Alt 06.12.2017, 16:35
gordian gordian ist offline
 
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Wer für barocke Herrlichkeiten etwas übrig hat, der ist natürlich in Oberschwaben genau richtig. Neben Wiblingen sind da die Basilika von Weingarten, die grandiosen Klosterkirchen von Zwiefalten, Schussenried, Obermarchtal , Ochsenhausen, Bad Wurzach,Ottobeuren und,und,und .
Und der für mich absolute Höhepunkt, die großartige Kirche von Steinhausen, die für mich schönste Barockkirche überhaupt.
Ja, ja, die "suevia sacra", wie es einmal ein Papst genannt hat, das katholische Oberschwaben hat schon was zu bieten. (Seinerzeit durchaus als Kontrapunkt zum "unheiligen", weil protestantischen schwäbischen Unterland gemeint)
Meine Frau ist auch völlig begeistert von den Fotos.

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  #7  
Alt 06.12.2017, 19:27
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danke euch beiden für die Rückmeldungen; natürlich ganz besonderer Dank an Gordian für die Insider-Ergänzungen. Schön, dass ich dir eine Freude machen konnte. Ich hoffe, dass es bald in Ulm weitergeht.

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  #8  
Alt 06.12.2017, 21:39
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Erster Bummel

Wir hatten wieder ein Hotel etwas außerhalb der Stadt. Unsere Mitreisenden waren noch nicht eingetroffen und wir mussten noch etwas warten, bis wir unser Zimmer beziehen konnten. Als wir uns frisch gemacht und unsere Kleidung verstaut hatten, traf auch die Gruppe ein. Schon eine halbe Stunde später fuhren wir mit dem Bus in die Stadt zu einem ersten Bummel.



Wir stiegen schon vor dem Bahnhof aus, der zur Zeit eine riesige Baustelle ist. Schon nach wenigen Minuten sahen wir den höchsten Kirchturm der Welt vor uns. Ich musste schmunzeln, als die Erinnerung hochkam. Vor 46 Jahren war ich mit Stoppuhr den Turm hochgerannt. Mal sehen, ob ich den Weg bis zur Spitze überhaupt noch schaffe.



Die ganze Innenstadt ist inzwischen verkehrsberuhigt und machte einen sauberen Eindruck. Als Kontrapunkt zum altehrwürdigen Münster hat man das moderne, weiße Stadthaus errichtet.



Vor dem Stadthaus im Schatten des Münsterturmes nahmen wir für den Begrüßungstrunk Platz. Zwischendurch inspizierte ich die West- und Südseite der gotischen Basilika. Die Ulmer-Spitzen, wie ich sie spontan taufte, waren an den drei Tagen unser Orientierungspunkt. Von den Figuren ist der leidende Christus, der Schmerzensmann die bekannteste.



Ich übernahm es mit einer Freundin für das Abendessen im Ratskeller zu reservieren. Natürlich nutzte ich die Gelegenheit für einen ersten Schuss auf die Rathausfassade und den schmucken Fischkastenbrunnen davor.



Vorbei an der neuen Synagoge (aus der entsprechenden Perspektive bekommt auch ein Rechteckbau eine Spitze) über den Platz am Schwörhaus mit der Christophorusfigur



ging es hinunter zum romantischen Fischerviertel. Das schiefe Haus, heute ein Hotel, ist hier das Schmuckstück.





Wir spazierten in der strahlenden Nachmittagssonne auf den Resten der Stadtmauer an der Donau entlang, und blickten auf das württembergische Ulm und das bayrische Neuulm gegenüber. Unten aus der Donauwiese stiegen vor 46 Jahren die süßlichen Düfte der Blumenkinder der 68 Generation empor.



An der Dreifaltigkeitskirche bogen wir nach Nordwesten ab, um langsam zum Ratskeller zu gelangen.



Einige von uns ruhten sich bei einem Bierchen aus. Ich nahm natürlich die Gelegenheit wahr um das Rathaus herum zu fotografieren.









Ich entdeckte den wohl größten der Ulmer Spatzen, die zu schwer sind um zu fliegen. Auch auf dem Marktplatz steht das prächtige gotische Rathaus der modernen Pyramide gegenüber, die die Stadtbibliothek beherbergt.





In der Nähe des Rathauses steht die moderne Kunsthalle Weishaupt, die über eine gläserne Brücke mit dem Ulmer Museum verbunden ist. Dazu etwas am dritten Tag.

Wir ließen uns das Abendessen schmecken.



Wir spürten den langen Tag und machten uns relativ früh über den Münsterplatz



auf den Weg zum Bahnhof. Von dort brachte uns der Bus schnurstracks zum Hotel. Nach einem Absacker ging es dann ins Bett. Am nächsten Tag wollten wir ja frisch und munter die Stadt intensiver erkunden.


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Geändert von Ludovico ROB (06.12.2017 um 22:26 Uhr)
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  #9  
Alt 07.12.2017, 07:37
gordian gordian ist offline
 
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Dieses Nebeneinander von historischen und hochmodernen Gebäuden gibt es erst seit etwa 20 Jahren so, als man angefangen hat, die Folgen der unmittelbaren Nachkriegsbausünden zu beseitigen (Die Ulmer Innenstadt wurde 1944 durch Bombenangriffe zu 75 % zerstört und bei den Nachkriegsbauten ging es eben darum schnell den Wiederaufbau voranzutreiben)
Das Münster ging übrigens im Gegensatz zum Kölner Dom praktisch unbeschädigt aus den Bombennächten hervor, obwohl rundum fast alles "platt" war. Warum das so war, darüber streiten sich die Gelehrten bis heute, mit Verschonung durch die alliierten Bomber hatte es jedenfalls nichts zu tun, wohl eher mit dem Phänomen des "Münsterwinds". Um das Münster herum weht nämlich selbst bei sonstiger Windstille immer ein durchaus straffer Wind, das hat etwas mit der Lage zwischen Donau und Albvorbergen zu tun und irgendwie kulminiert das am Münster.
Das Münster ist übrigens ein Symbol für leichten reichsstädtischen Größenwahn, es fasst nämlich maximal bis zu 30.000 Besucher, obwohl die Stadt zum Erbauungszeitpunkt gerade mal 10-12.000 Einwohner hatte..

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  #10  
Alt 07.12.2017, 08:13
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Gaukler Gaukler ist offline
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Zitat von Ludovico ROB Beitrag anzeigen
Ich hoffe, dass es bald in Ulm weitergeht.
... was ja dann nur rd. 2 Stunden später bereits geschah.

Ein neuer Schwung sehr sehenswerter Bilder.



Zitat von Ludovico ROB Beitrag anzeigen




Ich entdeckte den wohl größten der Ulmer Spatzen, die zu schwer sind um zu fliegen.

In der Tat: Das Fliegen kriegt dieser schräge Vogel nicht auf die Kette.
Dafür jedoch ist er offenbar sehr musikalisch.

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