Andrea Camilleri und die Via Margutta
Nach dem Tod von Andrea Camilleri am Mittwoch, dem 17. Juli 2019 habe ich Artikel über und Nachrufe auf ihn gelesen, vor allem aber in seinen eigenen Werken gestöbert. Dabei bin ich u.a. auf folgenden Text
mit seinen Erinnerungen an die verschiedenen Gesichter der Via Margutta gestossen. Veröffentlicht wurden sie erstmalig in der
Repubblica am 6.11.2005. Man findet den Text auch hier:
I volti di via Margutta
Für jene, die des Italienischen nicht mächtig sind, fasse ich zusammen: Camilleri berichtet zunächst, dass er 1949 aus seinem heimatlichen Sizilien nach Rom kam nachdem er die Aufnahmeprüfung für einen Studienplatz an der
Accademia nazionale d’arte drammatica bestanden hatte.
Ein Regie-Assistent mit Vornamen Alfredo, ein paar Jahre älter als der junge Camilleri, führte diesen in die Welt der Maler, Bildhauer, Musiker und Künstler jeder Art ein, welche die Straßen des Tridente rings um die Piazza del Popolo bevölkerten. Beliebter Treffpunkt war das Café Luxor, Vorgänger des heutigen Café Canova.
Eines Tages, während Camilleri dort einen Cappuccino trank, wurde er von einem Mann angesprochen, dem sein brauner Anzug mit dem Logo der Accademia aufgefallen war. Camilleri erzählte, dass er an der Akademie Regie studiere. Als der der Unbekannte sich vorstellte, staunte Camilleri nicht schlecht: Es war
Mario Mafai, ein 1902 geborener Maler des italienischen Expressionismus für dessen Bilderserie „Demolizioni“ Camilleri sich begeisterte. Siehe u.a.
hier und
hier.
Auf gemeinsamen Spaziergängen zeigte Mafai Camilleri das doppelte Gesicht der Via Margutta. 1949 wirkte diese noch abgelegener als später, eher wie eine französische, als eine italienische Straße, wenig belebt und sehr ruhig. Es war nichts Besonderes an der Straße, ausser, dass viele Künstler in ihr lebten und arbeiteten. Eines Tages begleitete Camilleri Mafai zu einem von dessen Freunden. Es war kurz vor Sonnenuntergang und nachdem sie das Portal des Hauses durchschritten hatten, lernte Camilleri die andere Seite der Via Margutta kennen: Immer höher ging es über unzählige Treppen hinauf zum Appartement des Freundes von Mafai. Als die Tür geöffnet wurde, sahen die Besucher in ein so gleißendes Licht, dass Camilleri einen Moment glaubte, es käme von Scheinwerfern und es werde ein Film gedreht. Aber es war nur das Licht des Sonnenuntergangs, das sich im Glas einer Terrassentür spiegelte. Während Mafai sich mit dem Freund unterhielt, trat Camilleri auf die Terrasse und entdeckte überrascht die Rückseite der Via Margutta mit ihren in luftiger Höhe zum Abhang der Villa Borghese und der Villa Medici hin gelegenen Treppen, Dachterrassen, Lauben, kleinen Gärten … Dort wehten bunte zum Trocknen aufgehängte Tücher, standen Staffeleien mit noch unvollendeten Gemälden und Weinflaschen auf Tischchen um den kommenden Abend zu geniessen. Er sah spielende Kinder und Bewohner in ihren Liegstühlen, gemütlich ein Buch lesend. Andere strickten Strümpfe, noch andere waren mit Gartenarbeit beschäftigt … Dieses versteckte Leben hinter anonymen Fassaden hatte Camilleri hier nicht vermutet.
Camilleri setzt seine Geschichte über die Gesichter der Via Margutta fort mit einer Episode aus den späten sechziger Jahren, die ihm ein etwas unheimlicheres Bild der Strasse vermittelte. Die Rai verfilmte damals eine Erzählung von Joseph Conrad und der Regisseur
Flaminio Bollini, ein Freund Camilleris, hatte sich in den Kopf gesetzt, als Komparsen echte Malaien zu verpflichten. Camilleri sollte diese auftreiben. Man sagte ihm, wenn es eine Chance gäbe, die gewünschten Komparsen zu finden, dann durch die Vermittlung eines Mannes namens Namura.
Camilleri rief besagten "doctor Namura", wie er sich nannte, an und erklärte, dass er rund 15 Malaien jeden Alters für Dreharbeiten suche, Männer, Frauen, Kinder jeden Alters. Namura bestellte den Film-Regisseur und Andrea Camilleri für den nächsten Abend um 9 Uhr zu seiner Unterkunft in der Via Margutta, wo er ihnen 40 mögliche Komparsen präsentieren wollte.
Camilleri und der Regisseur hatten das Gefühl einem asiatischen Schurken aus einem James-Bond-Film zu begegnen, aber sie folgten ihm sechs Stockwerke hinauf zu seiner Wohnung. Der grosse Raum, den sie betraten, war nur spärlich erhellt. Bei einer Tasse Tee wurde lange und zäh über den Lohn verhandelt, den die Komparsen erhalten sollten. Danach tauchten zunächst zwei wild blickende, halbnackte Gestalten mit Messern zwischen den Zähnen auf. Auf der Dachterrasse hinter Büschen versteckt tauchten mindestens 40 weitere schweigende und bedrohlich wirkende „Malaien“ auf. Wo hatte Namura diese nur aufgetrieben und warum wollte er, dass die Auswahl in der Dunkelheit stattfand, fragte sich Camilleri. Vielleicht weil nicht alle Asiaten waren, sondern als Asiaten zurechtgemachte Römer, Neapolitaner … Schnell traf Camilleri seine Auswahl und verliess nach dieser seltsamen Erfahrung die Via Margutta.
Schliesslich berichtet Camilleri von einem weiteren, für ihn noch beunruhigerenden Erlebnis in Zusammenhang mit der Via Margutta. Sein Freund Bollini plante eine TV-Serie. Im Drehbuch war die fiktive Gestalt eines Malers vorgesehen, der 100 Jahre zuvor in der Via Margutta gelebt hatte. Bollini fragte Camilleri, wie er diese Gestalt nennen solle. Camilleri antwortete spontan „Tagliaferri“. Dieser Vorschlag war eigentlich als Scherz gedacht. Camilleri kannte einen Mario Tagliaferri, der sich mit einem Freund Camilleris, dem Bildhauer Angelo Canevari, ein Studio teilte.
Als die Arbeiten von Bollini und anderen Beteiligten an den Drehbüchern weiter fortschritten, blieb es bei diesem Namen. Dem Drehbuch zufolge hatte der fiktive Maler Tagliaferri einst sein Studio an der Via Margutta 33. Im fertigen Film wird das Appartment mit der Nummer 13 gezeigt, wo Tagliaferri einst gelebt haben sollte. Das Eingangsportal zum Haus hingegen ist, Camilleri zufolge, ein anderes Portal in der Via Margutta, das der Regisseur
Daniele D’Anza offenbar für geeigneter hielt. Er liess allerdings die Hausnummer 33 dort anbringen.
Via Margutta 33 im März 2017
Die Serie mit dem Titel „
Il segno del comando“ war 1971 ein grosser Erfolg und wurde mehrmals von der Rai wiederholt.
Ein paar Jahre nach der Erstausstrahlung wurde Camilleri zum Intendanten des Senders gerufen. Eine Dame war vorstellig geworden und wollte mit Verantwortlichen über eine Szene des Films sprechen. Camilleri hatte zwar nicht an der Filmproduktion teilgenommen, wusste aber über alles Bescheid, da Bollini ihn regelmässig auf dem Laufenden gehalten hatte. Camilleri traf die vornehme alte Dame, die sich mit dem Nachnamen Tagliaferri vorstellte. Nach vielen Jahren in Argentinien war sie nach Italien zurückgekehrt und hatte die Fernsehserie gesehen. Sie fragte, ob es nicht möglich sei, eine Szene vor einer eventuellen erneuten Ausstrahlung zu ändern. Camilleri antwortete, das sei leider nicht möglich, fragte aber woher ihr Anliegen komme. Sie erzählte ihm dann, dass es sie sehr mitgenommen habe, das Haus in der Via Margutta 33 wiederzusehen. Dort habe 30 Jahre zuvor ihr einziger Sohn gelebt, gearbeitet und sei dort auf tragische Weise ums Leben gekommen: der Maler Tagliaferri! Es muss schon etwas gespenstisch gewesen sein, dies zu erfahren!
"Il segno del comando" war eine fünfteilige Fernsehserie welche die RAI erstmals zwischen dem 16. Mai und dem 13. Juni 1971 ausstrahlte. Siehe:
Il segno del comando - RaiPlay
A inventare questa storia gialla, gotica, "byroniana" e fantastica furono Giuseppe D'Agata, Flaminio Bollini, Dante Guardamagna e Lucio Mandarà.
Leider kann man sich die Videos der einzelnen Episoden nicht im Ausland ansehen, aber einen Auszug aus der ersten Episode, in der nach dem Vorspann der Hauptdarsteller Professor Edward Forster, gespielt von Ugo Pagliai, in der Via Margutta vorfährt und die Wohnung des Malers Tagliaferri aufsucht, wo er dessen Modell antrifft, kann man sich hier ansehen:
Ugo Pagliai: ottant'anni di teatro e televisione -
Die Filmmusik wurde ebenfalls sehr beliebt. Siehe:
Din don, che spavento - la Repubblica.it
Hier ein Video:
Die Beliebtheit der Serie führte dazu, dass man sich auf die Suche nach den exakten Drehorten der einzelnen Teile machte. Davon zeugen z.B. folgende Webseiten:
LE LOCATION ESATTE DEL "SEGNO DEL COMANDO" und
I luoghi de il segno del comando. Die Fotos auf der zweiten Seite zeigen Aufnahmen von Schauplätzen des Films 1971 und 2008. Hier jene zur Szene aus der Via Margutta:
Aus dem Drehbuch für den Film ging 1987 der Roman „
Il segno del comando“ (Das Medaillon der Macht) von
Giuseppe d‘Agata hervor. Er wurde auch ins Deutsche übersetzt. D'Agata hatte bereits am Drehbuch für die Fernsehserie von 1971 mitgewirkt und es als Einziger zu Ende gebracht. Siehe:
E' morto Giuseppe D'Agata scrisse "Il medico della mutua" - Bologna - Repubblica.it
Suo fu anche "Il segno del comando', sceneggiato che la Rai produsse nel 1971 con un cast che comprendeva Ugo Pagliai, Carla Gravina e Rossella Falk.
Anfang der 90er Jahre gab es eine Neuverfilmung von "Il segno del comando". Die Schäuplätze wurden nach London und Paris verlegt, aber dem Film war kein Erfolg beschieden. Siehe:
IL PROFESSOR FOSTER VENT' ANNI DOPO - la Repubblica.it