"Päpstin Johanna"
Wer sie sucht, findet sie. Nur einen Steinwurf von San Clemente entfernt in der Via dei SS. Quattro Coronati schmiegt sich ein kleiner
Altarbau ganz unscheinbar an die Wohnhäuser, und fast hätte ich ihn im Vorbeigehen fast übersehen. Eine weisse Rose wirkt etwas verloren am rostigen Gitter, das die verblichene Wandmalerei schützt, die sich im Inneren verbirgt. Ein Marienbild, an dem fromme Frauen Blumen bringen - hier an der Vicus Papissa, wie die Strasse früher hiess. Der Name hat übrigens nichts mit Johanna zu tun, sondern mit einer reichen Familie aus dem Mittelalter namens Pape, die sogar eine eigene Kapelle besassen. Der letzte der Sippe hinterliess eine Frau namens Papessa. Natürlich mag sich ein Fremder damals über den seltsamen Namen gewundert und sich einen Reim daraus gemacht haben: die Nähe zum Papstpalast, die Tatsache, dass die Päpste bei Prozessionen die (damals recht enge) Straße mieden, ein heidnisches Göttinnenbild mit der seltsamen Inschrift... das alles mag zur Entstehung dieser volkstümlichen Legende beigetragen haben, bis sie sich schließlich verselbstständigte, man in Rom begann, an sie zu glauben.
Die
Geschichte der Päpstin Johanna ist rasch erzählt. Den zahlreichen Legenden zufolge stammte Johanna aus Mainz und soll über verschiedene Umwege nach Rom gelangt sein, wo sie aufgrund ihrer Bildung und ihres Verstandes schnell die hierarchische Leiter aufgestiegen war. Angefangen als Notar erklomm sie den Kardinalsstuhl, um darauf dann zum Papst gekrönt zu werden. Allerdings hatte sie einen entscheidenden Fehler gemacht. Eines Tages, bei einem Ausritt, brachte sie einen Sohn zur Welt. Das aufgebrachte Volk band sie am Schwanz des Pferdes fest und ließ sie rund um die Stadt schleifen, bevor es sie steinigte und ihren Leichnam verscharrte. An der Stelle, an der sie starb, wurde ein Gedenkstein errichtet, auf dem geschrieben stand:
„Petre, Pater Patrum, Papisse Prodito Partum“ („O Petrus, Vater der Väter, offenbare die Kindsgeburt der Päpstin“)
An diese Legende von der Päpstin Johanna wollte man lange genug glauben, nicht obwohl, sondern eben gerade weil sie so pikant war. Die klatschsüchtigen Römer überlieferten jeden Skandal, ob wahr oder nur glaubhaft erdichtet. Geblieben ist dieser kleine Altarbau, der in den letzten Jahren endlich einmal restauriert wurde. Die alten Fotos bezeugen den traurigen Eindruck, den selbst eine Legende nicht verdient hat.
Mittlerweile strahlt der Bau nach dieser umfangreichen Restaurierung wieder ein wenig heller und freundlicher. Ein winziger Kieselstein im grossen "Gesamtkomplex Rom", und doch ein beachtenswertes Mysterium. Ich gehe gerne daran vorbei, denn immer findet sich eine frische Blume oder sogar eine Widmung daran. Die Geschichte von der Päpstin Johanna ist eine Sage, nicht mehr, aber auch nicht weniger.
In der Chorkapelle von Santa Maria in Trastevere hängt ein grosses
Gemälde, dessen Zentrum eine Frau mit einem weissen Gewand darstellt, die die Tiara, die Papstkrone trägt. Thema des Bildes ist das Trientiner Konzil, aber wer diese Frau ist, konnte bisher nicht mit Sicherheit geklärt werden.
Roma bella mi appare...