Spaziergang durch Rom

amator_antiquitatis

Pontifex
Stammrömer
Einmal mehr eine wunderbare Fortsetzung. Informativ, lehrreich und akkurat - Herz, was willst du mehr?! :nod: Langsam bereue ich es echt, dass ich dem Palatin, wegen des einsetzenden Regens, nicht mehr Beachtung schenken konnte.
 

nummis durensis

Princeps Senatus
Stammrömer
Rom-Reise
20.12.2019-27.12.2019
Das Haus des Augustus, das Haus der Livia und der Tempel des Apollon



Haus des Augustus (domus augusti)

Nach Sueton hatte Augustus seine Wohnung zuerst am Forum Romanum, erwarb dann aber das Haus des Redners Hortensius auf dem Palatin. Es wurde bereits in den 1960'er Jahren durch Gianfilippo Carettoni ausgegraben und benannt.

Hier sind beachtliche Malereien freigelegt worden, welche die Weiterentwicklung des zweiten pompejanischen Stils in Rom anschaulich vor Augen führen. Diese Malart begann in Rom nach der Mitte des 1. Jh. v.Chr., als das Haus seine Ausstattung erhielt. Das Betreten der 'heiligen Hallen' beginnt erst einmal recht unspektakulär.





Das Pinienzimmer - ein in hellen Farben gehaltener Raum, der an das bisher übliche Schema illusionistischer Malerei anknüpft: Sockel, auf denen Pfeiler stehen, die ein Gebälk tragen, hinter denen eine Wand sichtbar wird. Diese ist von Girlanden mit Pinienzweigen geziert und reicht bis etwa zwei Drittel der Pfeilerhöhe. Darüber ist sie geöffnet. Die illusionistische Malerei erweitert den Raum nicht mehr nur durch gemalte Wände, sondern öffnet ihren oberen Teil in den – ebenfalls gemalten – Aussenraum hinein. Man sieht einen perspektivisch gemalten Hof mit dem oberen Stück einer Säulenhalle; darüber und hindurch blickt man in den Freiraum des Himmels. So erweitert man den Innenraum nicht nur scheinbar in den Aussenraum hinein, sondern schafft sich noch die Illusion, das Haus sei wie ein Palast von Höfen und Säulenhallen umgeben.





Ein anderer Raum zeigt eine weitere Stilvariante: Hier finden sich an allen vier Wänden Malereien, von denen jede eine Bühnenwand perspektivisch darstellt. Diese sind mit Masken verziert, weswegen Carettoni den Raum ambiente delle maschere (Maskenzimmer) genannt hat. Vom Typ her verschieden – alt und jung, tragisch und komisch, aber alle ausdrucksstark und lebendig. Und bekanntlich förderte Augustus den Pantomimus mit dem Hauptdarsteller Pylades.



Es wurden weitere grosse und kleine Räume freigelegt, und wertvolle, aufschlussreiche Malereien gefunden, die einen recht genauen Eindruck von der Wohnung des Augustus vermitteln.




Das obere Stockwerk, auch Studio des Augustus genannt, widmet sich mit seinen Malereien Apollon. Auf das besondere Verhältnis des Kaisers zum olympischen Gott werde ich beim Tempel des Apollon weiter eingehen.







Das Haus des Augustus ist seit 2008 im Rahmen eines Palatin-Besuches zu besichtigen. Da sich sowohl Öffnungzeiten bzw. -umstände in den letzten Jahren regelmässig geändert haben, empfiehlt sich vor der Besichtigung dringend ein Blick auf die aktuellen Informationen.




Haus der Livia (Casa di Livia)

Das Haus der Livia besteht aus zwei Trakten: Einem östlichen, in dem eine Anzahl von Zimmern um einen Hof gruppiert ist, und einem westlichen mit einem Atrium, von dem Räume abgehen, die man – recht willkürlich – als Tablinium und Triclinium bezeichnet. Im übrigen besitzt das Haus ein Obergeschoss. Man ordnet es der Gemahlin des Augustus zu, da man hier Bleirohre mit ihrem Namen gefunden hat, die man im mittleren Raum links an der Wand noch entdecken kann.



Besonders interessant ist das sogenannte Tablinium, weil sich hier zeigt, wie der zweite Stil in der Hoch-Zeit seiner Endphase ausgesehen hat. Die Malereien in ihrem bühnenhaften Aufbau schaffen den äusseren Rahmen, um einerseits mythologische Szenen in ihm zu zeigen, andererseits Durchblicke in eine vorgestellte Wand jenseits derselben zu ermöglichen. So ziert die Mitte der Schmalseite eine leider schon stark beschädigte Darstellung von Polyphem, den ein kleiner Eros am Zügel hält, so dass er – tief im Wasser – der Galateia sehnsüchtig nachstrebt, die ihn nur neckt und ihm auf ihrem Seepferd im Beisein anderer Nymphen immer wieder entflieht. Diese Darstellung ist – wie leider viele andere auch – nur noch zu erahnen.



Im Mittelpavillion der Langwand sitzt Io, die schöne Geliebte des Zeus unter einer Säule mit dem Standbild einer weiblichen Gottheit. Sie wird im Auftrag der Hera vom dem 'hundertäugigen Argos' bewacht. Doch schon nähert sich der Götterbote Hermes, um Io für Zeus zu befreien.


Das Tablinium wird von zwei schmalen, seitlichen Räumen flankiert, die man auch als Flügel bezeichnet. Der linke ist mit einer illusionistischen Architekturmalerei geschmückt, deren Reiz vor allem in einem Fries und in quadratischen Feldern im oberen Teil liegt. Hier sind jeweils Fabeltiere oder kleine Figürchen zu zweit einander gegenüber gestellt und durch stilisiertes Rank- und Blattwerk miteinander verbunden.


Ähnliche Malereien finden sich auch im rechten Flügel, doch das Charakteristische dieses Raumes liegt im Mittelteil der Wand, der mit hellen Orthostatenplatten geschlossen ist, vor denen Blatt und Fruchtgirlanden im Rhythmus der vor die Wand 'gestellten' Säulen schwingen.


Von anderer Art erweisen sich die Malereien im sogenannten Triclinum, und zwar die Mittelbilder einer Lang- und einer Schmalwand.



Interessant ist hier vor allem das Mittelbild der Langwand, das in seiner Zusammenstellung fast ein wenig surrealistisch anmutet. Inmitten einer Landschaft entdeckt man eine steinerne Apsis, auf der drei Bronzestatuen stehen, und die Ähnlichkeit mit der Göttin Hekate haben. Weitere Details kann man wirklich nur noch mit viel Fantasie erahnen, weswegen ich auch nicht weiter darauf eingehe.



Das Haus der Livia ist normalerweise nur im Rahmen einer Sonderführung zu besichtigen. Hier gilt ebenfalls das zum Haus des Augustus erwähnte: Kurz vor dem geplanten Besuch die aktuellen Informationen berücksichtigen, um einer eventuellen Enttäuschung zu entgehen.

Ein Besuch der beiden Häuser vermittelt nicht nur eine Vorstellung von der Wohnung des Begründers des römischen Kaiserreiches, sondern gibt auch Gelegenheit zum Studium der typischen Werke des sogenannten pompejanischen Stils. Weit weniger spektakulär erlebt man die traurigen Reste eines der einst schönsten Bauwerke des Palatins, an dem die meisten achtlos vorbei schreiten.



Der Tempel des Apollon

Wie schon gesagt – die Reste dieses Bauwerks dümpeln achtlos in einer dunklen Ecke des Palatins umher.




Hören wir uns doch einmal an, was Properz zu seiner Freundin sagt (hier in Prosa wiedergegeben):

Du fragst, warum ich später zu dir komme? Die goldene Säulenhalle des Phoebus Apollon ist heute vom grossen Kaiser eröffnet worden. Schön ist die Reihe numidischer Säulen, zwischen denen man die Töchter des Danaos bewundert. Hier sah ich die Marmorgestalt des Gottes, die mir schöner schien als die Sonne, beim Gesang zur schweigenden Lyra. [...]“

Während sich der gute Properz noch in einer endlosen Aneinanderreihung schwärmerischen Niederknienes vor seiner Liebsten verneigt, wissen wir, dass sich der Tempel durch eine übergrosse Pracht auszeichnete. Warum sollte Properz lügen? Auch andere rühmten den Tempel in höchsten Lobgesängen, und wenn man die Steinchen aneinander fügt, passt es auch, denn Augustus empfand eine ganz besondere Verehrung für diesen, "seinen" Gott Apollon. Bereits im Krieg gegen Sextus Pompeius 36 v.Chr. gelobte er den Bau im Falle des Sieges.

Natürlich siegte Augustus und der Tempel wurde acht Jahre später eingeweiht. Nach der Überlieferung bestand er (natürlich) aus weissem Marmor, während die vorgelagerten Hallen mit gelben Säulen ausgestattet waren. Auf dem Dach ein Sonnenwagen mit mehreren Figuren griechischer Künstler... die Ausschmückung war vom feinsten. Zwei Details interessieren hier aber ganz besonders: Apollon selbst: Eine Apollonfigur fand sich vor dem Tempel, ein weiteres Kultbild (wohl das wichtigste) schmückte die Cella. Letzteres war ein Werk des Skopas aus dem 4. Jh. v.Chr., das man eigens aus Griechenland geholt hatte. Augustus kleckerte nicht, er klotzte aus vollen Rohren.

Zum Tempelbezirk gehörten auch zwei Bibliotheken, eine griechische und eine lateinische... wenn schon, denn schon. Sie wurden bei der Feuerbrunst unter Nero zerstört und unter Domitian wieder aufgebaut; die Reste hat man 1861 wiedergefunden und ausgegraben. 1950 fand man ganz in der Nähe einige fragmentarische Freskenreste, die man zusammen setzte. Heraus kam eine der in meinen Augen schönste Darstellung des Gottes Apollon – hier als sogenannter Apollo Citharoedes mit Kithara dargestellt. Manchmal findet man auch die Bezeichnung Apollo Palatinus, die aber nur Verwirrung stiftet, denn letztendlich kennen wir seinen offiziellen Namen nicht. Fakt ist allerdings, dass er einer der beiden Apollon-Darstellungen beschreibt, die in bzw. vor dem Tempel aufgestellt waren. Wahrscheinlich schmückten diese Reste einst eine der beiden dem Tempel zugehörigen Bibliotheken. Noch wahrscheinlicher ist allerdings, dass ich im palatinischen Museum immer einen Augenblick vor dieser Darstellung verweile.






Dem Numismatiker reicht das allerdings nicht, denn es gibt tatsächlich eine Münze des Augustus, die diese Darstellung bestätigt. Geprägt wurde dieser Denar fernab des Palatins in Lugdunum, des heutigen Lyon, ca. 15 v.Chr., zum Gedenken an den Sieg von Actium. Auf dem Revers die Darstellung des Apollon mit Lyra und Plektrum (letzterem einer Prägeschwäche zum Opfer gefallen) – so verschmelzen Friesreste, überlieferte Worte und ein wenig Silber zu einer 'fassbaren' Einheit...



Und bevor ich mich weiter verneige resp. verliere, geht’s jetzt ein paar Stufen höher zu den farnesischen Gärten.



Roma bella mi appare
 
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Pasquetta

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:thumbup: Ich schließe mich dem Lob an :nod:, auch wenn ich mit den vielen Ruinen auf dem Forum und Palatin nicht sooo viel anfangen kann :blush:. Ich glaube, ich habe nicht genug Phantasie, sie wieder "aufzubauen" und dann dort zu lustwandeln. Aber ich lese den Bericht gerne und interessiert mit.

Zu dem Wirrwarr des römischen Wasserleitungssystems möchte ich später noch näher eingehen ... Die Leitung saugte Wasser aus dem Anio, das teilweise verdreckt war. Zwar versuchte man, dies mit Filteranlagen und Mischungen mit anderem Wasser zu kompensieren, aber erst die Verbindung mit dem von Nero künstlich angelegten Stausee von Subiacum brachte den gewünschten Erfolg. Angeblich soll ein Gemälde des 15. Jh. n.Chr. noch die gewaltige Staumauer zeigen, die 1200 Jahre lang als das höchste Talsperrenmauerwerk der Welt galt, aber auch die Villa ihres Initiators.
Das wäre interessant, zu sehen. Wir sind vor einigen Wochen an den kläglichen Resten der Villa des Nero oberhalb Subiacum vorbeigefahren. Auch hier braucht man viel Phantasie ... ;)
 

nummis durensis

Princeps Senatus
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Rom-Reise
20.12.2019-27.12.2019
Wir sind vor einigen Wochen an den kläglichen Resten der Villa des Nero oberhalb Subiacum vorbeigefahren. Auch hier braucht man viel Phantasie ... ;)
Ich kenne die Fotos nur aus dem Netz; die Reste erinnern mich an die römischen Fragmente hier in unserer Eifel, die einem wirklich verdammt viel Phantasie abverlangen.

Immerhin bin ich auf die besagte 'Malerei' gestossen, die die Reste der Staumauer von Subiaco zeigen soll - wenn auch nur im Micro-Format. :(

Cracking Dams: gravity history, i

"Inside a monastary near the dam hangs a painting from 1428 showing St. Benedict fishing from the crest of the Subiaco Dam. Incedentally, this painting is the oldest surviving illustration of a dam."

Bei dem genannten Kloster wird es sich wohl um das Kloster San Benedetto handeln.
 
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Pasquetta

Triumphator
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Ich kenne die Fotos nur aus dem Netz; die Reste erinnern mich an die römischen Fragmente hier in unserer Eifel, die einem wirklich verdammt viel Phantasie abverlangen.
Du sagst es, so ist es auch dort :nod:. Wenn es bei meinem Lazio-Bericht auf Subiaco zu geht, dann gibt es zwei Fotos - so karg war die Fotoausbeute, da die kleine Ausgrabungsstelle mit einem hohen Zaun umgeben ist und fest verschlossen war.
 

nummis durensis

Princeps Senatus
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20.12.2019-27.12.2019
Langsam bereue ich es echt, dass ich dem Palatin, wegen des einsetzenden Regens, nicht mehr Beachtung schenken konnte.
Na, dann hoffe ich doch, dass es das Wetter in den nächsten Tage zulässt, das 'Versäumte' ausgiebig nachzuholen ;)

Ich wünsche dir eine schöne Zeit, viele neue Blickwinkel und Impressionen und natürlich 'happy landing'.
 

nummis durensis

Princeps Senatus
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Rom-Reise
20.12.2019-27.12.2019
Regen war das Stichwort - ich musste mich eben daran erinnern, von einem Gewitter überrascht worden zu sein, und ich war froh, dass das Museo Palatino nicht weit weg war.


Die paar Quadratmeter Ausstellungsräume sind klein, aber fein, wenn auch mir persönlich so einige Infos inbesondere zur Kaiserzeit fehlen. Jedenfalls ist die früheste Besiedlung des Palatins mit den Modellen der Hütten gut dargestellt; daneben werden recht unspektakuläre Scherben aus dieser Zeit präsentiert.


Ganz klar liegt der Hauptaugenmerk auf der Präsentation der Marmorbüsten, die auf und um den Palatin herum gefunden wurden, wobei man hier aber auch diejenigen, die den Palatin entscheidend geprägt haben - Augustus, Tiberius, Caligula, Domitian, Septimius Severus & Co. - vergeblich sucht - mal abgesehen von Nero. Aber im Museum soll ja auch kein Geschichtsunterricht stattfinden; man soll sich einfach an der herrlichen plastischen Kunst erfreuen.



Schon seit meinem ersten Besuch bin ich von der jugendlichen Marmorbüste einer jungen Römerin angetan, die man seit der Renovierung des Museums 2014 auch endlich 'benannt' hat: Eine Tochter des Marcus Aurelius und der Faustina; wahrscheinlich in der Kindheit verstorben.



Nero
ist gleich zweimal vertreten; einmal als junger 'Togatus' in der Opfertracht und weiterhin als derjenige Despot mit gekräuseltem Wangenbart, dessen Bild uns aus 'Quo Vadis' und der Darstellung des unvergesslichen Peter Ustinovs als Nero geläufig ist.



Wenige Wandmalereien zeigen, wie schön es einst in Neros Palastbauten gewesen sein muss. Auch die 'Schattenmalerei' der kleinsten Darstellung lassen die hohe Kunst der Tiefe, die diese Malereien wiederspiegeln, erahnen. (Aus der domus transistora)





Der Apollo Citharoedus aus der Scalae Caci:



Das Relief eines Schiffes, im Detail der Schiffsschnabel (prora) erinnert daran, dass Rom auch auf dem Seeweg erfolgreich war.





Hier treffen sich Asklepios und Paris...



und ein Perser



während ein Satyr sein Ende begutachtet auf der Suche nach seinem...


...


Eine schöne Kombination der alten Marmorbüsten mit postmodernen Fotografien fand 2013 statt..




(Nero, Agrippina minor und Julia Domna)




...


2014 wurde das Museum renoviert, und bei meinem letzten Besuch im Februar 2015 präsentierten sich sowohl neue Einblicke als auch altbewährtes neu gestaltet.









(Aphrodite, Antoninus Pius & Gordian III.)


(Lucius Verus)


(Eine unbekannte Prinzessin...
vielleicht Julia Paula, die 1. Frau Elagabals?)


(Ephebos)


(...vom Tempel des Apollos)



(Zwei Vestalinnen)


(Das Palladium Palatium
- vielleicht nur Wunschdenken?)



Roma bella mi appare...
 
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Tizia

Pontifex Maximus
Stammrömer
Dieses kleine Museum am Palatin hat schon was und die Büsten sind einfach toll. Vielen Dank für die schönen Bilder sagt Tizia
 

nummis durensis

Princeps Senatus
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Rom-Reise
20.12.2019-27.12.2019
Den kompletten nordöstlichen Teil des Palatins nahm die domus tiberiana ein, das Haus des Kaisers Tiberius. Von seinen Ruinen ist so gut wie nichts mehr zu sehen, weil über ihnen in der Frühzeit des Barocks von Kardinal Alexander Farnese, dem Neffen Papst' Paul III. die farnesischen Gärten angelegt wurden.



(Portraitbüste des Tiberius -
Neapel)


Kein geringerer als Kaiser Napoleon war es, der im Jahre 1861 die farnesischen Gärten kaufte und unter der Leitung des Architekten Pietro Rosa bedeutende Augrabungen beginnen liess, angeblich nicht, wie sonst geschah, um Kunstwerke zu finden, sondern um mehr Licht über die verschiedenen Kaiserpaläste des Palatins zu verbreiten.








Tatsächlich wurde auch – von zwei verstümmelten Statuen einmal abgesehen – nichts bedeutsames gefunden; ein neuer Beweis, wie gründlich man schon früher den Palatin zu plündern wusste, obwohl noch Innocenz X. Mitte des 17. Jahrhunderts ein goldgeschmücktes Gemach gefunden haben soll.


Wenn der Apostel Paulus von Rom aus in seinen Briefen an die Philipper ausdrücklich Grüße von denen entbietet, die von des „Kaisers Hause“ waren, so kam dieser Gruß aus dem (seinerzeit von Nero bewohnten) Palast des Tiberius.


Nach dem Tod des Kaisers war es Caligula, der die Anlage zum Forum Romanum hin erweiterte. Bis zum Castortempel dehnte der neue Kaiser seinen Palast aus und angeblich setzte er sich zuweilen zwischen die Standbilder der Dioskuren, damit die Vorübergehenden auch ihn als einen Gott verehrten. Nach Caligulas eigenen Worten hatte Jupiter den Wunsch, mit ihm zusammenzuwohnen, so verband er kurzerhand seinen Palast mit dem Kapitol durch Viadukt mit hölzernen Brücken.

Im Laufe der folgenden Jahre wurde die Palastanlage immer wieder neu aufgebaut bzw. erweitert, so unter Domitian nach dem grossen Brand im Jahre 80 n.Chr., der neben zahlreichen Änderungen und Erweiterungen eine grosse Empfangshalle zum Forum hin errichten liess. Aber auch Trajan und Hadrian erweiterten die domus tiberiana, letzterer überbrückte den clivus victoriae mit imponierenden Bogenstellungen und dehnte den Palastbereich bis zum Haus der Vestalinnen aus.


Heute entdeckt man die spärlichen Reste am besten vom Forum aus.




Nur eine Rekonstruktion lässt erahnen, wie gewaltig die domus tiberiana am Ende ihrer zahlreichen Ausbauten und Erweiterungen über dem Forum gethront hat – dagegen wirkt der Dioskurentempel rechts unten fast wie eine Hundehütte.





Tod eines Wahnsinnigen

Spricht man vom Cäsarenwahn, ist es wohl Kaiser Caligula, der diesen 'Titel' am meisten verdient, dabei begann seine Karriere als Liebling der Truppe, die ihm auch seinen Spitznamen (eigentlich hiess er Gaius) nach der Fussbekleidung der Soldaten verpasste, denn Caligula hiess übersetzt „Stiefelchen“. Der Sohn des Germanicus hatte das, was wir wohl heute als „schwere Jugend“ bezeichnen würden: Er erlebte den Tod seines Bruders Nero und die Inhaftierung seines anderen Bruders Drusus, der zwei Jahre später starb. Im gleichen Jahr musste er ebenfalls den Tod seiner Mutter Agrippina beklagen. Als letzter männlicher Spross der Familie des Germanicus kalkulierte er jedoch geschickt die Nachfolge des Tiberius, dem er sich sklavenhaft unterwürfig ergab, ein. (Betrachtet man dabei die Vita Tiberius, würden Experten heute ferner von schwerem Missbrauch ausgehen.) Caligula wusste, dass er auf die Hilfe der Prätorianer angewiesen war; und da er deren Präfekten auf seine Seite gezogen hatte, war seine Ausrufung zum Kaiser nach dem Tod des Tiberius am 16. März 37 nur noch reine Formsache.



(Miniaturbüste des Caligula -
Palazzo Massimo / Roma)


Während ihn die ersten beide Jahre seiner Herrschaft beliebt gemacht hatten, vollzog sich danach ein plötzlicher Wandel. Die Majestätsprozesse, die er im Jahre 37 zur Freude der Senatoren abschafft hatte, führte er wieder ein; der eigentliche Grund war wohl, dass Caligula in den ersten beiden Jahren freigiebigst mit der Knete nur so um sich geworfen hat und nun erkannte, dass die Staatsrücklagen i.H.v. 2700 Millionen Sesterzen aufgebraucht waren.

Den schlimmsten Wandel aber vollzog er in der Einschätzung seiner eigenen Person. Er liess sich Tempel bauen, behandelte jüdische Gesandte als Dummköpfe, weil sie seinen göttlichen Namen nicht erkannt hatten und stellte seine Lieblingsschwester Drusilla nach deren Tod im Jahre 38 durch ihre Vergöttlichung direkt auf eine Stufe mit Augustus selbst. Die Senatoren bestärkten ihn noch in seinem Handeln, in dem sie ihn mit Hymnen und Prozessionen bedachten, während sich die Staatskasse durch die ebenso spektakulären wie unnützigen Projekte des Kaisers immer mehr leerte. Zeugen dafür sind u.a. die beiden 1930 aus dem Nemisee geborgenen Luxusschiffe, aber auch die Überbrückung des Meerbusens zwischen Baiae und Puteoli, oder besser: dem anschliessenden Fest, welches zu Ehren der Besiegung des Meeres gefeiert wurde.

Die angekündigte Tyrannenherrschaft begann gleich nach der Rückkehr Caligulas, aber mittlerweile hatte nicht nur der Senat, sondern auch die Prätorianer den Ernst der Lage erkannt. Nachdem die Präfekten nach einer Verschwörung selbst um ihr Leben bangen mussten, kam aus ihren Reihen der Mann, der der Herrschaft des Caligula ein Ende setzte. Cassius Chaerea, Tribun einer Prätorianerkohorte, vollbrachte am 24. Januar 41 die Tat.



Über den Tatort wird seit langer Zeit heiß diskutiert; der in Frage kommenden cryptoporticus neronianus hat sich mittlerweile als die wahrscheinlichste Stätte der Ermordung Caligulas herausgestellt. Lange Jahre hat man den Bau dieses unterirdischen Gang Nero zugeschrieben, jedoch gilt es mittlerweile als gesichert, dass er bereits in der ersten Hälfte des 1. Jahrhunderts n.Chr. errichtet wurde. Auch hat man bei Ausgrabungen vor einigen Jahren Bleirohre entdeckt, die das 'Siegel' des Caligula tragen. So decken sich langsam die Funde mit den Schilderungen Suetons und Josephus'...








Auch wenn der cryptoporticus älteren Datums ist; die Stuckausschmückung, die allerdings nur in Kopie heute ein paar Meter des Durchgangs schmückt, muss der Baufreude Neros verdankt werden.


Aber jetzt zurück zur Gegenwart. Jahrelang war der 'Balkon' des Palatins, also die Ecke, von der man den schönsten Blick auf das Forum geniessen konnte, 'under construction'. Lediglich der Blick durch den Bauzaun liess erahnen, dass die Arbeiten in gewohnt römisch-gemächlicher Gelassenheit irgendwann einmal abgeschlossen sein würden.





Bei meinem letzten Besuch 2015 war's dann endlich (wieder) soweit. Eine kopflose Statue wiess unmissverständlich den Weg zu der Aussichtsplattform, unter der sich die geballte Schönheit des Forum Romanums wie ein edler Läufer auftut – und ich hatte noch zusätzliches Glück, dass die Sonne den Augenblick sozusagen 'vergoldete'...






Die christliche Lampe vom Palatin

Wir stehen gerade über den Ruinen, in denen man bei den Ausgrabungen des Jahres 1867 eine Anzahl christlicher Lampen aus gebranntem Ton gefunden hat. Alle mit dem Namenszug des Herren, mit dem christlichen Symbol des Fisches, aus der Zeit Konstantins und seiner Nachfolger. Den Triumph des Kreuzes sehen wir auf diesen Lampen: Christus, das Kreuz in der Hand haltend und von zwei Engeln angebetet; zu seinen Füssen allerhand wilder Tiere. Es ist die Darstellung der Worte des Psalmisten: „Über Schlange und Natter wirst du schreiten und Löwen und Drachen unter die Füsse treten.“ (aus: Der Rompilger / Anton de Waal, 1904)








Ein letzter Blick war mir noch gegönnt, bevor ich mich auf den Weg Richtung 'Ausgang' machte.





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Rom - ein Sommermärchen


Unter den meisten Taten des Kaisers (Titus) befindet sich nichts, was eine besondere Erwähnung verdiente, nur bei der Einweihung des Amphitheaters und des Bades, das seinen Namen trug, ließ er eine Menge bemerkenswerter Schauspiele veranstalten. Da gab es einen Kampf zwischen Kranichen und vier Elefanten, weiterhin wurden gegen neuntausend zahme und wilde Tiere getötet, und selbst Frauen - freilich nicht aus besseren Kreisen - beteiligten sich an deren Hinschlachtung. Zahlreiche Männer fochten als Einzelkämpfer, und nicht wenige Gruppen rangen in Land- und Seeschlachten miteinander. Denn Titus ließ eben jenes Theater plötzlich mit Wasser füllen und Pferde, Stiere und sonstige zahme Tiere hereinbringen, die dazu abgerichtet waren, sich im Waser genau so wie auf dem Trockenen zu betragen. Hinzu kamen auch noch Leute auf Schiffen. Diese führten dort in der Rolle von Korkyräern und Korinthern eine Seeschlacht [...] Dies waren die Schauspiele, die man den Augen darbot, und sie dauerten einhundert Tage.“

Cassius Dio bietet uns eine Zusammenfassung der Ereignisse, die im Jahre 80 n.Chr. anlässlich der Einweihung wohl eines der berühmtesten, aber auch berüchtigsten Monumentalbauten der Antike dem römischen Volk dargeboten wurden. Das Amphitheatrum Novum, wie es wohl nach dem überlieferten Text einer Bauinschrift wirklich hiess, wurde an der Stelle, an der Nero zuvor einen künstlichen See anlegen liess, unter Vespasian erbaut und von seinem Sohn Titus eingeweiht. Die Bezeichnung ,novum' wäre mit neu sicherlich nur unzureichend übersetzt, denn der später nach dem kolossalen Standbild des Nero Kolosseum genannte Bau setzte neue Massstäbe gegenüber älteren Amphitheatern und wurde vorbildhaft für viele weitere der römischen Welt. Die Neuartigkeit lag zum einen in der monumentalen Grösse - immerhin fasste es bis zu 50000 Zuschauer, aber auch in den realisierten Substruktionen, der logistischen Meisterleistung und der Ausstattung, die Vorführungen erlaubte, die herkömmliche Tier- und Gladiatorenkämpfe deutlich in den Schatten stellte. Zwar war schon zu Augustus' Zeiten ein Amphitheater aus Stein errichtet worden (temporäre Bauten aus Holz hatte es schon öfter gegeben), doch war dies beim Brand Roms 64 n. Chr. zerstört worden.




Ich möchte mich aber hier nicht in Konstruktionsdetails verlieren, sondern das Bauwerk mit den zeitgenössischen Meistern erkunden und auch, wenn ein Cassius Dio hier und da sicher etwas übertreibt und die Historia Augusta bekanntermassen mit Vorsicht zu geniessen ist, lesen sich so manche (Augenzeugen)berichte spannender als die blosse Aneinanderreihung nüchterner Namen und Zahlen. Nach der ausgiebigen Besabberung von Forum und Palatin drängt sich das Kolosseum als nächste Station meines Spaziergangs nahezu auf, zumal die gelöste Eintrittskarte ja auch alle drei antike Stätten umfasst. Zugegeben fällt es nicht einfach, in würziger Kürze einen Überblick des Monumentes zu geben, das schon unzählige vor mir hochgejubelt und sogar als Pizza gebacken haben.



Wie Dio berichtet auch Sueton von den Ereignissen, die sich bei der Einweihung des Amphitheaters den Zuschauern boten:

"Trotzdem stand er (Titus) der Freigiebigkeit seiner Vorgänger in nichts nach, denn bei der Einweihung des Amphitheaters, neben dem er noch in aller Eile Bäder errichten liess, gab er ein prächtiges reiches Schauspiel. Er veranstaltete ein Seegefecht und liess Gladiatorenkämpfe und eine Jagd stattfinden, bei der an einem Tag 5000 wilde Tiere zu sehen waren."


Aber es war der Dichter Martial, der als einziger Augenzeuge die Ereignisse wohl am umfangreichsten und poetischsten in seinem ,de spectaculis liber' überlieferte. Gleich das erste Epigramm der Sammlung macht deutlich: Das neue Amphitheater war ein neues Weltwunder, das alle anderen sieben der Antike in den Schatten stellte:

"Das barbarische Memphis schweige von den Wundern der Pyramiden, assyrische Leistungsfähigkeit rühme sich nicht Babylons, und die verweichlichten Ionier lobe man nicht wegen des Tempels der Trivia, der aus vielen Hörnern aufgeschichtete Altar bezeichne nicht Delos und die Karer sollen nicht in maßlosen Lobeshymnen das in luftigem Raum schwebende Mausoleum zu den Sternen erheben. Alle diese Mühe steht zurück vor dem Amphitheater des Kaisers, ein einziges Werk soll fortan für alle gerühmt werden."



Weiter beschreibt er nicht nur sehr genau den Ort des Geschehens, sondern vermittelt auch den damaligen Zeitgeist, der das Ende der feudalen Tyrannenherrschaft des Nero bejubelte:

Hier, wo das Kolossalbild des Sonnengottes die Sterne aus größerer Nähe sieht und mitten auf der Straße die Baugerüste in die Höhe wachsen, strahlten zuvor die verhaßten Hallen des grausamen Regenten, und nur noch ein einziger Palast stand in der ganzen Stadt. Hier, wo der ehrwürdige Bau des eindrucksvollen Amphitheaters sich erhebt, lagen Neros künstliche Teiche.“

"Rom ist jetzt endlich wieder Rom" freut sich Martial weiter, "und unter deiner Obhut, Kaiser, genießt das Volk, was zuvor der Tyrann genoss."



Vormittags Tierhatzen, nachmittags Gladiatorenkämpfe - sozusagen im kollektiven Rudelrausch frönten die Zuschauer einem tagfüllenden Programm voll mit Animationen, und das kostenlos, denn der Eintritt war im allgemeinen für jedermann frei. Aus heutiger Sicht hielt sich der Bespassungsfaktor allerdings in Grenzen: Blut floss reichlich und so mancher Kaiser überschritt mit dem Buhlen um die Gunst des Volkes die Grenze der Geschmackslosigkeit erheblich. Man darf dabei aber nicht vergessen, dass der allgemein bekannte Ausdruck "Brot und Spiele" für einen nicht unerheblichen Teil der Bevölkerung weit mehr bedeutete als die blosse Verfolgung der grausamen Darbietungen in der Arena. So mancher arme Schlupp konnte dort seinen knurrenden Magen füllen oder sogar einen weit grösseren Teil vom grossen „Kuchen“ abbekommen.


Nicht nur Brot; regelmässig wurden auch wertvollere Geschenke verteilt oder in die Menge geworfen, ja sogar Tombolas veranstaltet und so manch' einer konnte mit etwas Glück einen der kostbaren Gutscheine ergattern, den er anschliessend gegen eine Kuh oder vielleicht sogar gegen einen Sklaven eintauschen konnte. Durch Aktionen wie diese wird der euergetische Aspekt untermauert: Der Kaiser baut ausdrücklich für das Volk, der Kaiser inszeniert und sponsort die Schauspiele für das Volk. Seine Person steht eindeutig im Mittelpunkt; einerseits zwar fern ab des Mobs in der Sicherheit seiner kaiserlichen Loge, andererseits aber auch volksnah durch seine Anwesenheit mitten im Geschehen. Es gab sogar Kaiser - der berühmteste unter ihnen war wohl Commodus, die selbst aktiv an den Kämpfen teilnahmen.


Das Eingreifen des Kaisers in den Ablauf der Spiele wurde vom Publikum sogar erwartet. War beispielsweise ein Kampf zwischen zwei Tieren oder zwei Gladiatoren unentschieden, gab das Volk durch Rufen und Handzeichen seine Meinung kund, wer der Gewinner sein soll. Das letzte Wort hatte allerdings der Kaiser. Dies konnte er strategisch nutzen, um dem Volk zu gefallen oder seinen Machtanspruch durchzusetzen und gegen die Meinung des Volkes zu entscheiden.




Martial kommentiert einen unentschiedenen Kampf folgendermassen:

„Als Priscus und Verus den Kampf immer
noch in die Länge zogen, und beider
Kampf lange unentschieden war, da
forderte man mit lauten und wiederholten
Rufen für die Männer ein Ende. .
Schließlich fand sich ein Ende des unentschiedenen
Kampfes: Genau gleich hatten
sie gekämpft, genau gleich gaben sie auf.
Beiden schickte der Kaiser das hölzerne
Rapier, beiden die Siegespalme: Dies war
der Preis für außergewöhnliche Tapferkeit.
Das konnte nur unter Deiner Herrschaft,
Kaiser, geschehen: Obwohl zwei
gegeneinander kämpften, waren alle beide
Sieger.“




Die Tiere für die Darbietungen in der Arena kamen von weit her aus allen Teilen des Reiches; genau wie die Religionen war Exotisches in der Hauptstadt schwer in Mode und so mancher Reeder hat sich am Import der 'Bestien' krumm und dusselig verdient. Von der Jagd, aber auch vom Transport der possierlichen Tierchen zeugen zahlreiche Mosaiken - ganz besonders schöne kann man in der Villa Romana del Casala auf Sizilien bewundern.




Es ist historisch nicht gesichert, jedoch wahrscheinlich, dass im Kolosseum auch diejenigen, die nach der römischen Rechtsprechung eines Verbrechens schuldig gesprochen waren, den Tod fanden. Entweder wurden sie durch wilde Tiere (damnatio ad bestias) in den Hades geschickt oder gezwungen, gegeneinander bis zum Tode zu kämpfen, was der damnatio ad ferrum entsprach. Die verbreitete Annahme, dass im Rahmen von Christenverfolgungen zahlreiche Märtyrer im Kolosseum auf diese Weise den Tod gefunden hätten, ist ebenfalls nicht durch antike Quellen belegt, und viele Forscher vermuten, dass die Hinrichtungen an anderer Stelle stattfanden.


(Schale aus 'terra sigillata africana, 4. Jh. n.Chr.,
die Darstellung zeigt die 'damnatio ad bestias'. Aus der Crypta Balbi)


Nachdem sich im Laufe der Christianisierung die Kaiser aus Rom zurückzogen und ihre Residenz in andere Städte verlegten, verlor das Kolosseum mehr und mehr an Bedeutung. Gladiatorenkämpfe wurden noch bis zu ihrem endgültigen Verbot Mitte des 5. Jahrhunderts von reichen Senatoren gesponsort, die Tierhetzen sind noch nach dem Ende des Weströmischen Reiches unter den Ostgoten nachweisbar, bis der massive Bevölkerungsrückgang auch diese überflüssig machte.

Die Mitte des 6. Jahrhunderts markierte den Beginn des Mittelalters und damit das Ende der Antike. Während der Rückeroberungskriege unter Kaiser Justinian erlitt Rom schwere Zerstörungen; das Kolosseum wurde nicht wieder renoviert und war damit endgültig dem schleichenden Verfall preisgegeben. Schon Ende des 6. Jahrhunderts richteten Bürger der Stadt in den Gängen und Arkaden des Kolosseums ihre Wohnungen und Geschäftsräume ein. Karl der Grosse konnte den Bau noch fast unversehrt bewundern. Selbst ein schweres Erdbeben im Jahre 847 liess seine Grundmauern nicht wanken, bis der Normannenherzog Robert Guiscard in die Stadt einzog und alles in Schutt und Asche legte. Nach dieser Zeit diente das Kolosseum der Familie der Frangipani als Burg; überliefert ist noch, dass bei der Anwesenheit Ludwig's des Bayers 1332 dort noch ein grossartiges Stiergefecht stattfand. Im 14. Jahrhundert diente ein Teil des Gebäudes als Hospital und in dieser Zeit waren auch die Marmorsitze bereits verschwunden; im 15. Jahrhundert gehörte es eine Zeit lang dem Kloster S. Maria Nova (später S. Francesca Romana). In dieser Zeit wurde die Arena zu Passionsspielen benutzt, was ein (am Ende des 19. Jh. noch vorhanden gewesenen) Wandgemälde im westlichen Portal mit einer Planabbildung Jerusalems bezeugen soll.

In den Gängen der dem Lateran zugewandten Seite war ein der schmerzhaften Mutter geweihtes Kirchlein gebaut worden, wo sich angeblich die Aufführung der Passionsspiele am Karfreitag noch bis in das 17. Jahrhundert abgespielt haben. Dabei sollen sich die Schauspieler zuvor in einer nahe gelegenen Kirche bis aufs Blut gegeisselt haben, um anschliessend unter heiligen Gesängen zur Bühne zu ziehen.


In der Folge wurde das Kolosseum durch die römischen Adelsfamilien und den Klerus mehr und mehr ausgeschlachtet. Die Erbauer der Palazzi Venezia, Cancellaria, Farnese und anderer Bauwerke haben von dort ihr Material bezogen. Nach einem weiteren Erdbeben Anfang des 18. Jahrhunderts dienten die dabei zerstörten Bogensteine zum Bau des Hafens Ripetta.

Erst der als grosser Modernisierer Roms bekannte Papst Benedikt XIV. gebot weiteren Plünderungen Einhalt und ordnete 1744 per Edikt den Erhalt des Kolosseums an. Hintergrund war der damals gängige Glauben, die Arena wäre der Ort gewesen, an dem so viele Christen den Märtyrertod gefunden hätten. So liess er dort einen Kreuzweg mit den 14 Stationen errichten und in der Mitte ein einfaches Kreuz aufstellen. Aufzeichnungen aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts berichten ferner von einer Kanzel, wo jeden Freitag und Sonntag, zwei Stunden vor dem Ave Maria, ein Franziskaner für die Bruderschaft der Via Crucis eine Predigt hielt.



Anfang des 19. Jahrhunderts erkannte man endlich die archäologische Bedeutung des Bauwerks und man begann, die übriggebliebenen Reste gegen den weiteren Verfall zu sichern: Der mächtige Strebepfeiler auf der Ostseite ist Papst Pius VII. zu verdanken, 1811 begann man mit der Freilegung des antiken Bodens, bis kurz darauf auch die ersten umfangreichen Ausgrabungen auf dem Forum Romanum begannen. Diese Massnahmen sollten in den kommenden Jahrzehnten für einen ersten touristischen Aufschwung sorgen; nicht nur bequemere Reisemöglichkeiten, sondern vor allem das aufkeimende historische Verständnis und Interesse an den 'alten Steinen' zog Wissenschaftler, Pilger, Reiselustige und andere Neugierige von Nah und Fern magisch an.

So berichtet der „Rompilger“ von 1905 sogar von einer abendlichen Beleuchtung des Kolosseums:

Der Eindruck ist zumal bei Vollmond ein überwältigender; man kann auf die obersten Galerien emporsteigen. Beleuchtung mit bengalischem Feuer am 21. April, dem Jahrestage der Gründung Roms, und wohl auch sonst bei starkem Fremdenbesuch. Durch farbige Mauerplakate angekündigt.“




Das Kolosseum verfügte über ein ausgeklügeltes System von Zu- und Ausgängen, hatte unterirdische Gänge und Magazine mit Aufzügen für die Gladiatoren und Tiere, anfänglich konnte es sogar geflutet werden, um die berühmten Seeschlachten vergangener Zeiten nachzustellen. Grosse ausklappbare Sonnensegel machten die größte Mittagshitze erträglich. Mit anderen Worten: Das Kolosseum war ein großer architektonischer Wurf, dessen Zeitgeist sich bis in die Gegenwart erhalten hat. Es ist das Wahrzeichen der ewigen Stadt; denkt man an Rom, schiesst einem als erstes ein Bild des gewaltigen Amphitheaters in den Kopf.



Haben Liebende in früheren Zeiten Herzen in die Rinden der Bäume (oder in die alten Steine) geritzt, um ihren gemeinsamen Besuch zu verewigen, zieren seit kurzer Zeit 'Liebesschlösser' die Umzäunung der Beete vor dem Kolosseum. Wie ich finde, ist das ein netter Brauch, den die Stadt – jedenfalls bisher – duldet. Immerhin soll die europäische Wiege der lucchetti dell’amore in Italien, genauer gesagt, in Florenz liegen, von wo aus die Idee schnell nach Rom zur Milvischen Brücke schwappte. Der Brauch wurde durch den Bestseller-Roman Drei Meter über dem Himmel von Federico Moccia erst so richtig populär. In dieser Geschichte schwören sich die beiden Protagonisten „ewige Liebe“, befestigen das Schloss an der zentralen Brückenlaterne und werfen den Schlüssel in den Tiber. Die Schlösser enthalten oft eine Beschriftung oder Gravur der Vornamen oder Initialen der Verliebten, teilweise mit Datum. Nach dem Befestigen des Schlosses wird üblicherweise der Schlüssel in das überbrückte fließende Gewässer geworfen. An der Milvischen Brücke erfolgt dies mit dem Ausspruch per sempre („für immer“). Nachdem eine Laterne unter der Last der Liebe zusammengebrochen war, verbot Roms Bürgermeister kurzzeitig diesen Brauch, bis die Stadt Poller mit dazwischen gespannten Ketten als Alternative zur Verfügung stellte, die allerdings 2012 wieder entfernt wurden.




Zugegeben ist der Platz vor dem Kolosseum im Laufe der Jahre zu einem meiner Lieblingsorte in der ewigen Stadt geworden. Dabei ist es nicht allein das alles umfassende Denkmal, sondern auch (oder gerade) die Menschen, die es in seinen Bann zieht und einen geeigneteren Ort für ein 'foto shooting' kann man sich wohl kaum vorstellen. Gladiatoren von einst feiern ihr 'come back', und wenn auch nur zur touristischen Bespassung gegen einen kleine Obolus. Wo sich so viele Menschen zusammenfinden, muss Sicherheit gross geschrieben werden – vorbildlich glänzt die Stadtpolizei hier nicht nur mit Anwesenheit, sondern spielt auch gerne mal den Info-point für hilfesuchende Touristen, wenn sie nicht gerade mit wichtigeren Aufgaben beschäftigt ist.


Nun, was die Barbaren nicht schafften, schafften die Barberini, aber letztendlich sorgte erst die Umweltbelastung des 20. Jahrhunderts dafür, dass das Kolosseum nunmehr einer bitternötigen umfangreichen Sanierung unterzogen wird.


Das Kolosseum - Sinnbild für Brot und Spiele, für wilde Tiere und Gladiatoren, ein Synonym für Grösse, Macht und Reichtum des römischen Imperiums. So lange das Kolosseum steht, steht Rom; fällt das Kolosseum, so fällt Rom; fällt Rom, so fällt die Welt.


Roma bella mi appare...
 
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amator_antiquitatis

Pontifex
Stammrömer
Vielen Dank für diese ausführliche Reise durch fast 2000 Jahre Geschichte. Ich muss gestehen, ich bin kein großer Fan des Kolosseums. Von außen sehe ich es immer wieder gerne, aber von innen, finde ich, reicht es, wenn man es einmal sieht.

Besonders gefreut habe ich mich, dass du die schriftlichen Berichte zur Untermalung zu Rate gezogen hast. Die Stelle bei Martial, an der er Neros Expansionspolitik karrikiert, hatte ich fast schon wieder vergessen. Mit Freude habe ich mich daran erinnern lassen.

überliefert ist noch, dass bei der Anwesenheit Ludwig's von Bayern 1332 dort noch ein grossartiges Stiergefecht stattfand.
Bei diesem Punkt muss ich aber nochmal einhaken. Ich denke du meinst hier Kaiser Ludwig IV., den Bayern. Eine Bezeichnung "von Bayern" existiert in dieser Zeit nicht. Es gibt die Herzöge von Nieder- und Oberbayern, beide Ämter hat aber derselbe Ludwig gerade in Personalunion inne. Ein vereinigtes Herzogtum Bayern existiert im 14. Jahrhunder für einen kurzen Zeitpunkt von 9 Jahren, bis Ludwigs Kinder es erneut aufteilen. Erst ab dem 16. Jahrhundert tauchen wieder Herzöge von Bayern (als Ganzes) auf.
Ludwig hatte im Zuge seiner Kaiserkrönung (1328 ) ausgiebige Italienzüge unternommen, wodurch er Rom durchaus kannte. Dass er 1332 nochmal dort war, war mir jetzt aber auch neu...
 

Pasquetta

Triumphator
Forum-Sponsor
Stammrömer
Ich muss gestehen, ich bin kein großer Fan des Kolosseums. Von außen sehe ich es immer wieder gerne, aber von innen, finde ich, reicht es, wenn man es einmal sieht.
Eigentlich kann ich mich dem gut anschließen ;), aber ich habe gleichwohl mit Interesse Deine Ausführungen zum Kolosseum gelesen (vor allem auch, weil die Eindrücke aus der Ausstellung Gladiatoren. Tod und Triumph im COLLOSSEVM noch ziemlich frisch sind) und mit Genuss die tollen Fotos dazu betrachtet (beeindruckend finde ich die auf s/w bearbeiteten Bilder :thumbup:)

... im 15. Jahrhundert gehörte es eine Zeit lang dem Kloster S. Maria Nova (später S. Francesca Romana). In dieser Zeit wurde die Arena zu Passionsspielen benutzt, was ein (am Ende des 19. Jh. noch vorhanden gewesenen) Wandgemälde im westlichen Portal mit einer Planabbildung Jerusalems bezeugen soll.

In den Gängen der dem Lateran zugewandten Seite war ein der schmerzhaften Mutter geweihtes Kirchlein gebaut worden, wo sich angeblich die Aufführung der Passionsspiele am Karfreitag noch bis in das 17. Jahrhundert abgespielt haben. Dabei sollen sich die Schauspieler zuvor in einer nahe gelegenen Kirche bis aufs Blut gegeisselt haben, um anschliessend unter heiligen Gesängen zur Bühne zu ziehen.

Dass Du auch diese Epoche erwähnst freut mich, bin ich doch auch vor einiger Zeit auf diese Passionsspiele gestoßen, als ich beim Spaziergang über die Via Giulia auf das Oratorio del Gonfalone traf. ;)

Ehemals eine Kirche ist es jetzt ein Ort, an dem Konzerte stattfinden. Der Kirchenraum ist ausgestattet mit beeindruckenden Fresken, die Szenen aus dem Leben und der Passion Christi darstellen, ausgeführt von Zuccari u.a. Künstlern, die Mitte des 16. Jhdt. in Rom tätig waren. ...
Über dem Eingangsportal erkennt man ein kleines Relief, das die Madonna della Misericordia – also eine Schutzmantelmadonna – darstellt. Sie war Patronin der Bruderschaft der Gonfalone.
Diese Bruderschaft kümmerte sich um die Freilassung und Wiedereingliederung von Inhaftierten und hatte das Privileg in einer Kapelle beim Kolosseum eine Art Passionsspiele aufzuführen, die jedoch von Papst Paul III. 1539 verboten werden mussten, da die Zuschauer sich so sehr vom Schauspiel hinreißen ließen, dass sie gegen die Peiniger Christi gewalttätig wurden. Vielleicht deswegen die Ausmalung des Oratoriums mit starken Darstellungen der Passion Christi...
So verbindet sich immer wieder eins mit dem anderen, was ich immer wieder spannend finde. :nod: Besten Dank für den interessanten Bericht.
Pasquetta
 

nummis durensis

Princeps Senatus
Stammrömer
Rom-Reise
20.12.2019-27.12.2019
Ich muss gestehen, ich bin kein großer Fan des Kolosseums. Von außen sehe ich es immer wieder gerne, aber von innen, finde ich, reicht es, wenn man es einmal sieht.
Eigentlich kann ich mich dem gut anschließen ;)
Würde ich mich nicht anschliesse, müsste ich lügen. Wie bei manch' anderen Bauwerken auch, ist es mehr das Drumherum, insbesondere natürlich die Geschichte, die es wirklich interessant macht. Mein letzter Besuch des Inneren diente einzig der Sonderausstellung über Konstantin, die ich in meinem nächsten Kapitel noch vorstellen möchte.

Aber aus diesem Grunde empfehle ich immer wieder gerne diesen literarischen Stadtführer, der dort ansetzt, wo die anderen Führer aufhören.

amator_antiquitatis, vielen Dank für die Richtigstellung über Ludwig, du hast vollkommen recht. Die Info habe ich aus meinem Uralt-Romführer und ich hab's falsch übertragen. Aber es ist auch der Grund, warum ich Ausschau nach alten Reiseführern halte: Ich bin erstaunt, dass dort oft noch interessante Infos zu finden sind, die im Laufe der Jahre dann verloren gingen. Das Material über Rom zwischen Antike und Neuzeit ist eh nicht gerade üppig gestreut; jedenfalls nicht, was die Bauten der Antike betrifft.

Angeblich sollen bei dem Stiergefecht 1332 sogar achtzehn junge römische Adlige ihr Leben gelassen haben (vgl. Delehaye: "L'Amphithéâtre Flavien" ; Hassett, Maurice: "The Coliseum" in the Catholic Encyclopedia.), aber das ist wieder so eine Geschichte, die nicht gesichert ist.
 
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pecorella

Magnus
Stammrömer
Ich hatte ja im Oktober das große Glück fast alleine im Kolosseum zu sein, da hat es mir gefallen. Letzte Woche, mit gefühlt 50.000 Menschen, macht es einfach keinen Spaß.
 

nummis durensis

Princeps Senatus
Stammrömer
Rom-Reise
20.12.2019-27.12.2019
Ich hatte ja im Oktober das große Glück fast alleine im Kolosseum zu sein, da hat es mir gefallen. Letzte Woche, mit gefühlt 50.000 Menschen, macht es einfach keinen Spaß.
Das glaube ich dir gerne. Da musst du ja Angst haben, als Lammkotelett zu enden..... sorry, den konnte ich mir jetzt ned verkneifen ;):D8)
 

nummis durensis

Princeps Senatus
Stammrömer
Rom-Reise
20.12.2019-27.12.2019
Einmal rund um's Kolosseum herum...


Vespasian gab nicht nur dem römischen Volk grosse Teile der Stadt zurück, die Nero einst für seinen goldenen Palast beanspruchte, sondern liess auch dessen bronzene Kolossalstatue zum Sonnengot Sol umarbeiten. Ausser dem Fundament, das in den 1940'ern der Schussolini-Prachtallee weichen musste, finden sich von ihr keine Reste mehr, aber eben genau dieser Koloss war es, der dem Kolosseum später seinen geläufigen Namen gab.


Ein Denar des Nero zeigt auf seinem Revers den Herrscher in Toga und mit Strahlenkrone; es ist gut möglich, aber nicht bewiesen, dass es sich um eine Abbildung dieser Kolossalstatue handelt und so sind die zahlreichen Rekonstruktionsversuche letztendlich nur Spekulation. So wird auch in vielen Beschreibungen erwähnt, dass die Strahlenkrone von der Umarbeitung der Statue durch Vespasian herrührt, allerdings ist es eben so gut möglich, dass sie bereits der neronische Koloss getragen hat. Die Strahlenkrone war zwar im Gegensatz zur mittelalterlichen Königskrone keine regulär getragene Insignie des Kaisers, doch wurde sie nach Augustus ein fester Bestandteil römischer Herrscherikonographie als ein Symbol für die Vergöttlichung des Kaisers. Unter Nero erhielt sie ferner noch eine weitere, numismatische Bedeutung: Das strahlenbekrönte Herrscherportrait auf den Bronzeprägungen wies auf eine Nominalverdopplung hin.




Heute ist der einstige Standort des Kolosses ein beliebter Ruhepunkt, um das illustre Treiben vor dem Kolosseum zu beobachten und gerade in den Sommermonaten sind die wenigen schattigen Plätze heiss begehrt. Ebenso beliebt sind die beiden Brunnen, die in unmittelbarer Nähe gleich neben der Metrostation 'Colosseo' zum Auffüllen der Wasserflasche einladen.



An dieser Stelle würde ich gerne ein paar Bilder der meist unbeachteten Reste der Gladiatorenschule ('ludus magnus') zeigen, die sich in unmittelbarer Nähe der Tram-Haltestelle befindet, nur leider sind diese Fotos irgendwo in den Weiten meines Systems verschwunden, so dass ich deren Präsentation verschieben muss.



Im Zusammenhang mit dem Ausbau der Via dell'Impero verschwanden ebenfalls die Reste einer antiken Brunnenanlage. Der Meta Sudans ist auf alten Fotos noch deutlich zu erkennen, heute sieht man die wenigen Fragmente seines Fundaments direkt vor dem Triumphbogen des Konstantin nur noch von einem erhöhten Standpunkt aus.



Man vermutet, dass der Brunnen zu Zeiten des Augustus als Markierungspunkt zwischen den Stadtbezirken diente. Der Name der Brunnenanlage entlehnt sich an der Bezeichnung meta für eine kegelförmige Wendemarke in einem Circus. Sobald von seinem höchsten Punkt aus das Wasser in das darunter liegende Becken läuft, scheint es so, als würde der Stein schwitzen, wovon die Bezeichnung sudans (schwitzend) stammt.




Auf einem unter Titus geprägten Sesterzen kann man den Meta Sudans gleich neben dem Kolosseum gut erkennen. Bei dieser numismatischen Rarität, die auf Auktionen locker mal sechsstellige Beträge einfährt, ist weiterhin die einstige Ausschmückung der Fassadennischen des Amphitheaters mit Statuen zu beobachten.




Der alte Brunnen ist längst Geschichte und gerät mehr und mehr in Vergessenheit wie so viele Bauten Roms. Schade eigentlich und ein wenig beneide ich diejenigen, die viele Jahrzehnte vor meiner Zeit die schönste Stadt der Welt noch in ihrer touristisch unverdorbenen Schönheit geniessen durften. Der neueste Trend sind die 'selfie sticks', und natürlich haben die fliegenden Händler der Stadt längst diese Marktlücke geschlossen. Sowieso ist es bewundernswert, wie schnell sie sich der aktuellen Situation anpassen: Kaum verdunkeln die ersten Regenwolken den römischen Himmel, schon preist derjenige, der eben noch ein durstlöschendes Sortiment an Getränken mit sich trug, eine beachtliche Anzahl von Regenschirmen an. Ich hatte einmal das zweifelhafte Vergnügen, kurz nach einem Gewitterregen in der Metrostation Colosseo aufzuschlagen; mir war das an sich schnuppe, weil meine Teva's eh wasserfest sind, aber ich kam ob des Rückstaus kaum aus der Station heraus. Schon in Termini hatte sich abgezeichnet, dass die Kaiser-Augustus-Gedächtnis-Kloake offensichtlich überfordert war, aber am Kolosseum dachte ich dann, Nero's See würde an diesem Tag quasi wiedereröffnet.



Die 'selfie sticks' – ich verfluche sie. In vergangenen Tagen wurde ich des öfteren gefragt, ob ich denn mal ein Foto machen könnte, und in vielen Fällen ergab sich dadurch ein nettes Gespräch oder auch mal ein flirt, was sich heute durch diese mobilen Helfer erübrigt – meistens jedenfalls.





Nun ja, zurück zum Ort des Geschehens, die Reste des Brunnens sind vom 'Boden' her kaum auszumachen und liegen quasi im Schatten des zweitwichtigsten Bauwerks des Areals, dem Triumphbogen des Konstantin.



Wie sehr Kaiser Konstantin den römischen Senat 'in der Tasche' hatte, bezeugt wohl der vom letzteren im Jahre 312 n.Chr. in Auftrag gegebene Triumphbogen an prominenter Stelle im Herzen Roms. Es gibt viele Thesen, warum man für den Bogen nicht alle Bauteile neu anfertigte; die wahrscheinliche ist, dass man den Kaiser für seinen Sieg über Maxentius im Jahre 312 n.Chr. ehren wollte, und das ziemlich zügig, damit er pünktlich zum zehnjährigen Regierungsjubiläum Konstantins 315 n.Chr. eingeweiht werden konnte. Zwar geht man mittlerweile aus, dass die berühmte Schlacht an der milvischen Brücke gut 17 Kilometer entfernt stattgefunden hat, aber was sind schon ein paar Kilometer gegen die Schilderungen des Bischofs von Caesarea Eusebius:

Während der Kaiser betete und eifrig flehte, erschien ihm ein ganz unglaubliches Gotteszeichen. Um die Stunde der Mittagszeit, da sich der Tag schon neigte, habe er, so sagte der Kaiser, mit eigenen Augen oben am Himmel über der Sonne das Siegeszeichen des Kreuzes, aus Licht gebildet, und dabei die Worte gesehen: 'Durch dieses Zeichen siege!' Staunen aber habe bei diesem Gesichte ihn und das ganze Heer ergriffen, das ihm eben auf seinem Marsche folgte und dieses Wunder sah. [...] Dieses heilbringende Zeichen gebrauchte der Kaiser nun stets als Schutzmittel gegen jede Macht, die sich ihm feindlich entgegenstellte, und er befahl, dass das Abbild desselben allen seinen Heeren vorangestellt werde."

So weit die Worte eines glühenden Verehrers Konstantins, aber es gibt natürlich auch heidnische 'Gegenstimmen', wonach das Christusmonogramm XP in griechischen Buchstaben dem Mithrassymbol zum Verwechseln ähnlich sah und nur die Soldaten des Maxentius verwirren sollten, die als Anhänger des Mithras-Kultes ihrerseits Sonnenzeichen auf ihre Schilde gemalt hatten. Welche Vision wer auch immer hatte; diejenige des Konstantin wird Spekulation bleiben.


Aus machtpolitischem Blickwinkel gesehen hat Konstantin der Grosse eine Bilderbuchkarriere hingelegt, aber eigentlich war er ein rücksichtsloser Usurpator, der die mühevoll errichtete Tetrarchie Diokletians aufgebrochen und vernichtet hat. Im Endeffekt war er – jedenfalls nach meiner Meinung – ein zweiter Caesar, der die absolute Alleinherrschaft anstrebte: Im höchsten Maße selbstinsziniert, aber auch zerrissen, und Martin Wallraff umschreibt diese Zeit wohl zutreffendst mit einem „Heiden-Christentum“.



Wir aber schauen auf diese wunderbare Arbeit der Antike, in welcher so viele Teile vergangener Zeiten hineinflossen: Von Trajan über Hadrian bis Marc Aurel zieht sich die 'Ahnenreihe' derjenigen, die unfreiwillig am Bau des konstantinischen Ehrenbogens beteiligt wurden.

Mittig im obersten, dem Attikageschoss, prunkt die Weihnschrift, die übersetzt wie folgt lautet:

Dem Imperator Caesar Flavius Constantinus Maximus Pius Felix Augustus haben der Senat und das Volk von Rom diesen Triumphbogen gewidmet, weil er durch göttliche Eingebung und Geistesgröße mit seinem Heer den Staat sowohl an dem Tyrannen als auch zur gleichen Zeit an dessen ganzem Anhang mit gerechten Waffen gerächt hat."



Der Rest des Obergeschosses besteht jedoch aus Teilen älterer Bauwerke. So stammen die Dakerstatuen auf den Plinthen der Säulen ursprünglich von der Basilica Ulpia des Trajan, die acht Relieftafeln an der Nord- und Südseite zierten ehemals den Ehrenbogen Arcus Pani Aurei am Kapitolsabhang, welchen Commodus für seinen Vater Marc Aurel errichten ließ und von dessen Kriege gegen die Daker berichten. An den Schmalseiten des Attikageschosses befinden sich zwei weitere kampfdarstellende Reliefs, die vermutlich von der trajanischen Basilica Ulpia stammen.



Die acht Tondi an den Schauseiten – jede mit zwei Meter Durchmesser – stammen aus der Zeit des Hadrian, wobei der Kaiser so umgestaltet wurde, dass er die Züge Konstantins trägt. Ursprünglich schmückten die mit Jagd- und Opferszenen darstellendenen Rundreliefs einen Tempel, den Hadrian seinem Ziehsohn und Geliebten Antinoos widmete.



Nur das „Erdgeschoss“ zeigt Darstellungen aus konstantinischer Zeit, so wie die Siegesgöttinnen auf den Sockeln mit Trophäen und gefangenen Barbaren, aber auch der ca. ein Meter hohe Fries, der sich oberhalb der Seitenbögen um das Monument zieht. Dieser berichtet vom Ruhm des Konstantins, wie die Schlacht an der Milvischen Brücke, die Belagerung von Verona und den Triumphzug des Kaisers durch Rom.

 
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amator_antiquitatis

Pontifex
Stammrömer

Oh, da werden Erinnerungen wach. Habe am Kolosseum auch man einen gewaltigen Gewitterregen erlebt und vor allem wie schnell die Straßen dabei volllaufen können. Ganz so extrem war es nicht, aber es hat mir persönlich gereicht.

Die 'selfie sticks' – ich verfluche sie. In vergangenen Tagen wurde ich des öfteren gefragt, ob ich denn mal ein Foto machen könnte, und in vielen Fällen ergab sich dadurch ein nettes Gespräch oder auch mal ein flirt, was sich heute durch diese mobilen Helfer erübrigt – meistens jedenfalls.
Das erinnert mich wieder an einen satirischen Artikel in der ZEIT zu Beginn des Jahres. (Vgl. Zeit Online - Von der Stange)


Vielen Dank für diesen lesenswerten und interessanten Rundgang. Einmal mehr sehe ich, dass ich diese "Hauptattraktion" bis jetzt, wohl aufgrund des großen Types, zu wenig gewürdigt habe.
 

nummis durensis

Princeps Senatus
Stammrömer
Rom-Reise
20.12.2019-27.12.2019
Bei den Temperaturen heute wünscht man sich fast sehnlichst einen kleinen Gewitterregen herbei und eigentlich ist es für ein kulturell tiefgründiges sightseeing viel zu warm, also 'ab in den Untergrund'...

Vom Kolosseum östlich stösst man in wenigen Schritten auf ein Tor, dass den Eingang zum Oppio markiert. Der Oppio ist ein Teil des Esquilin, einer der sieben Hügel Roms, den man eigentlich gar nicht mehr als solchen wahr nimmt, erstreckte er sich in der Antike jedoch vom Kolosseum aus bis zum heutigen Bahnhof Termini. Dabei ist der Begriff 'Parco del Colle Oppio' etwas schmeichelnd formuliert, denn tatsächlich ist er nicht ganz so attraktiv, wie man es von einem Park erwartet: Viele Teile sind nicht zugänglich und der Brunnen in seiner Mitte ist meistens verschmutzt. Übrigens - in dem hübschen Gebäude an seinem nordöstlichen Ende ist die ägyptische Botschaft untergebracht.


Jedenfalls bin ich oft die paar Meter vom Kolosseum aus gelaufen, denn hier befindet sich auch der Eingang des erhaltenen Teils der Domus Aurea. Leider meist vergebens, denn viele Jahre lang waren die Räumlichkeiten unter dem Oppio für die Öffentlichkeit verschlossen.


Diese Sicherheitsmassnahmen sind auch nicht unbegründet; 2010 stürzte nach anhaltenden Regenfällen ein Teil eines Gewölbes ein und daher ist es auch nicht überzogen, dass bei der Besichtigung Helmpflicht angesagt ist. Im Februar 2015 durfte ich schliesslich einen Blick in die Anlage werfen und für mich als Freund der 'alten Steine' war es ein echter Höhepunkt.



„In der Eingangshalle des Hauses hatte eine 120 Fuß hohe Kolossalstatue mit dem Porträt Neros Platz. Die ganze Anlage war so groß, dass sie drei Portiken von einer Meile Länge und einen künstlichen See umfasste, der fast ein Meer war, umgeben von Häusern, so groß wie Städte. Dazu kamen Villen mit Feldern, Weinbergen und Weiden, Wälder voller wilder und zahmer Tiere aller Arten. Einige Teile des Hauses waren vollständig vergoldet und mit Gemmen und Muscheln geschmückt. In den Speisesälen gab es bewegliche Decken aus Elfenbein, durch die Blumen herabgeworfen und Parfüm versprengt werden konnte. Der wichtigste von ihnen war kreisrund und bewegte sich bei Tag und bei Nacht ständig, wie die Erde. Die Bäder wurden mit Meer- und Schwefelwasser gespeist. Als Nero nach Abschluss der Bauarbeiten das Haus einweihte, zeigte er sich sehr zufrieden und sagte, dass er jetzt endlich in einem Haus wohne, das eines Menschen würdig sei.“


Schon Suetons geflügelte Worte über das goldene Haus Neros lassen das Blattgold an Wänden und Decken nur so knistern, doch darf man sich nichts vormachen: Die Jahrhunderte haben dem einst strahlenden Prunk arg zugesetzt und hier und da muss man die Phantasie spielen lassen. Die Nachfolger des Despoten wussten schnell und geschickt den einstigen Prachtbau in Praktischeres und 'Volksnahes' umzusetzen, so läuft man gleich hinter dem Eingang erst einmal durch die Bauten der Therme, die die Architekten des Kaisers Trajan geschickt in die Räume des goldenen Hauses zu integrieren vermochten.



Die führende Archäologin wies wiederholt darauf hin, dass man hier nicht in einem Keller steht, sondern eigentlich vor einem Fenster zu einem schönen Garten.

Während die Wände grösstenteils mit feinem Marmor verkleidet waren, schmückten die Decken edle Malereien, die zwar laut wikipedia von Fabullus stammen, aber sicher nicht in so kurzer Zeit von einem Menschen allein geschaffen werden konnten. Denn der 'Rundgang' verschafft ja nur den Einblick über einen kleinsten Teil des Gesamtkomplexes, der sich nach neuester Forschung auf 100 Hektar bis tief in den Palatin erstreckte.

Anfang des 16. Jahrhunderts wurde die Domus Aurea von Künstlern wiederentdeckt, die sich an Seilen in die Räumlichkeiten ablassen mussten, um die herrlichen Kunstwerke der Antike festhalten zu können. Das, was sie sahen, war sicherlich damals noch in einem weit besseren Zustand, und darüberhinaus so einprägsam, dass sie sogar die Bogengänge des Vatikans unter Raffaels Aufsicht beeinflussten. So weit entfernt waren die Vorstellungen des Klerus und die Dekadenz eines Nero damals gar nicht...

Neuartig in der Palastarchitektur war das Oktogon, das in der Domus Aurea in einem Speisesaal verwirklicht wurde. Gleich nebenan pläscherte ein Brunnen, wobei der Architekt alle Register seines Können zog, denn dem gegenüber integrierte er ein 'Lichtfenster', welches die Sonne direkt auf das sprudelnde Wasser lenkte.


Die ernüchternden Tatsachen: Die Domus Aurea verfällt zusehendst. Es ist angedacht, das zu retten, was zu retten ist. Das Problem ist die Natur selbst: Die über dem Bauwerk liegende Vegetation schlägt ihre Wurzeln immer tiefer und sprengt die schönen alten Fresken weg; die eindringende Feuchtigkeit erledigt dann den Rest. Zwar ist die Rettung angedacht, doch die veranschlagten Kosten in Höhe eines mittleren zweistelligen Millionenbetrags sind leider realistisch, denn nicht nur das ganze Grün muss abgetragen werden. Im Modell wird veranschaulicht, welchen Aufwand die zig Schichten verursachen würden, die nötig sind, die Domus Aurea auf Dauer vor ihrem endgültigen Verfall zu bewahren. Und was möglich ist, zeigen Beispiele von der Reinigung einzelner Partien...




Roma bella mi appare...
 
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