Römisches Kaleidoskop

Tre a Roma

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Ersteller des Themas #1

Römisches Kaleidoskop




Wörtlich: „schöne Formen sehen“ ... in farbig-flirrend-flottem Bilderwechsel ... ein schönes Spielzeug mit bunten Glassteinen darin. Unentwegt erzeugen Bewegung, Drehung, Perspektive, Spiegelung immer neue Muster, Eindrücke, Überraschungen, Glücksgefühle: Das ist ein Kaleidoskop - und ebenso ist auch Rom. 8)




Für abwechslungs- und facettenreiche Vielfalt bürgte diesmal neben der Urbs auch unsere ziemlich einmalig bunt zusammengewürfelte Truppe: Pasquetta (sie wird auch diesen Bericht bereichern :thumbup:) nebst BEVA; die Tre a Roma; unsere Freundin M. aus dem römischen Glückskleeblatt - und non da ultima die Chefin der spelunca hippopotamorum amphibiorum in Brühl. 8) Geradezu ein Prisma von Romreisegefährten, mit Lichtbrechung in allen Spektralfarben ... hauptsächlich jedoch in dieser Farbe, die ganze Woche hindurch:


tiefstes römisches Himmels-Blau!










Wobei für die "Licht-Brechung" 8) in diesen drei Photocollagen ein besonders herzliches Dankeschön an Ludovico geht. :thumbup: Ihr könnt ja später mal schauen, wann und wo sich die einzelnen Elemente wiederfinden werden in unserem Bericht. Vor allem aber möge dieser ein möglichst getreues Abbild bieten unserer farbig-flirrenden Sommersonnentage während jener Herbstwoche in Rom.







Inhaltsverzeichnis:

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Ersteller des Themas #2
Ostia antica


Ostia antica




Ewigen Ruhm erwarb sich Papst Julius II mit der Grundsteinlegung für den neuen Petersdom am 18. April 1506. Ähnlich bekannt sind weitere römische Blüten seiner Bauwut, darunter Bramantes Kreuzgang an S. Maria della Pace; sein Tempietto am Gianicolo ... bis hin zu Michelangelos bzw. Julius' Torso gebliebenem Grabmal in S. Pietro in Vincoli. Wohl verborgen jedoch bleibt den allermeisten der Abermillionen Romtouristen das Castello Giulio II. Wir hingegen haben seine Burg immerhin staunend umrundet - wenn schon unser Ostia-Besuch nicht auf einen der beiden wöchentlichen Besichtigungs-Tage (Sonntag und Donnerstag) fiel.
















Nun aber flugs auf zum posthumen Rendezvous 8) mit Marie Luise Kaschnitz!



Zitat von M. L. Kaschnitz:





Zitat von M. L. Kaschnitz:



Ja, der geneigte Leser möge uns verzeihen: Weit mehr "atmosphärisch" geprägt als wissenschaftlich waren unsere Wünsche und Erwartungen an Ostia antica. 8)

Trotzdem hatten wir brav einen Plan mitgenommen: Selbstverständlich tat er uns gute Dienste. :thumbup:





Dennoch: Von vornherein waren wir frei, völlig frei, von jeglichem Wahn, vollständig erfassen zu wollen. Und erst recht nicht war unsere Illusion: vollständig zu verstehen. Sondern weitaus überwiegend führten uns durch die antike Hafenstadt Träume und Assoziationen. Zwar blieben wir dabei gänzlich ohne Wahrnehmung von Thymian, Tischen, Tau und Tod aus Käferzug ... hingegen wirklich allgegenwärtig war dies:
Zitat von M. L. Kaschnitz:
Mögt ihr uns folgen, während wir uns erneut verlieren darin - bzw. an die so ganz besondere Atmosphäre dieses Ortes?

















Beschauliches Verweilen am Theater aus dem 2. Jh. rundet unseren Besuch ab.​




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Ersteller des Themas #3
Unterwegs im Viertel Giacomo della Portas


Während G. und M. die Fosse Ardeatine besuchten, C. im Flieger sass und P. mit Beva ihrem Abflug nach Rom entgegenfieberten, genoss ich an der Piazza Campitelli auf der Terrasse des feinen Ristorante Vecchia Roma in ruhiger Atmosphäre ein erstes römisches Mahl.


So sehr ich mich auf das Treffen mit allen Reisegefährten später am Tag freute, so sehr waren meine Gedanken doch hier in besonderem Masse bei dem von mir so geschätzten Giacomo della Porta (1532 bis 1602). Die Art und Weise, wie er ab 1559 im Zeitraum von 30 Jahren das Stadtbild Roms mit seinen Brunnen, Kirchen, Palazzi … verändert hat und es bis heute prägt, gefällt mir sehr.

Zwischen Piazza Campitelli mit drei von ihm errichteten Palazzi, Palazzo Capizzuchi (1580), Palazzo Albertoni Spinola (1600) und Palazzo Serlupi (heute Caetani Lovatelli), einem seiner Brunnen, der Cordonata, dem Kapitol auf dem er lange wirkte, der Piazza dell'Ara Coeli mit dem von ihm erneuerten Palazzo Fani (heute Pecci-Blunt) und einem weiteren seiner Brunnen, muss sein Lebensmittelpunkt gewesen sein.







Cordonata - von Giacomo della Porta 1577-81 nach Michelangelos Plänen ausgeführt​

Della Porta war zweimal verheiratet und hatte fünf Söhne. In der Nähe des Palazzo Fani besaß er mehrere Häuser, in denen er mit seiner Familie lebte und sicher auch arbeitete. Es handelte sich um die Vorgängerbauten des Palazzo Massimo di Rignano an der Piazza dell'Aracoeli.


Links: Palazzo Massimo di Rignano, rechts daneben: Palazzo Fani




Santa Maria in Aracoeli




In dieser Kirche fand Giacomo della Porta (wie viele weitere Familienmitglieder) nach seinem Tod am 3.9.1602 seine letzte Ruhe. Ich habe alles zu diesem Thema gelesen, was ich nur auftreiben konnte, aber das Grab scheint es nicht mehr zu geben.​

Hingegen trifft man hier auf eine Statue von Papst Gregor XIII., einem der Päpste, für die della Porta wirkte. Sie ist ein Werk des Bildhauers Pietro Paolo Olivieri (1551 bis 1599), eines jüngeren Zeitgenossen della Portas.



Ein Werk della Portas in dieser Kirche ist der für das alte Marienbildnis geschaffene Hauptaltar:


Dazu, wie zu anderen Altären römischer Kirchen, habe ich mit grossem Interesse folgende Arbeit gelesen: http://archiv.ub.uni-heidelberg.de/volltextserver/7623/2/Dissertation.pdf (Seite 118 bis 137)

Bei Santa Maria in Aracoeli denkt man vielleicht zuerst an die berühmte Legende von Kaiser Augustus und dem Himmelsaltar. Siehe: Santa Maria in Aracoeli
Unter der Kapelle der Heiligen Helena kann man einen alten Altarstein aus dem 13. Jahrhundert sehen der an die Legende erinnert:



Links mit der Krone: Kaiser Augustus
Rechts: Maria mit dem Jesuskind
Siehe auch hier

Einer der Gründe, weshalb ich Santa Maria in Aracoeli unbedingt wiedersehen wollte, waren die erst 2000 entdeckten und Pietro Cavallini zugeschriebenen Fresken, von deren Existenz ich noch nichts wusste, als ich im Dezember 2009 zum ersten Mal dieser Kirche einen Besuch abgestattet hatte.
Sie befinden sich in der San-Pasquale-Baylon-Kapelle (der letzten im rechten Seitenschiff) und sind nur durch ein Gitter zu bewundern.​


Maria mit dem Jesuskind umgeben von Johannes dem Täufer (links) und Johannes dem Evangelisten (rechts)​




Wer mehr über sie lesen möchte, ist mit folgendem Aufsatz von 2005 aus der Zeitschrift 30 giorni gut bedient: 30Giorni | Der mit Wonne gepflasterte Weg nach Assisi (von Giuseppe Frangi)
Ein weiteres Werk Cavallinis in Santa Maria in Aracoeli sind die Fresken der Tomba Acquasparta.


Madonna mit Kind zwischen den Heiligen Matthäus und Franziskus​










Schließlich wurde es Zeit den Weg zum mit den Reisegefährtinnen ausgemachten Treffpunkt anzutreten.​


Nein, das ist er nicht! ;)

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Ersteller des Themas #4
Besuch bei zwei Königinnen ohne Krone

Kurz nach 16 Uhr waren die Tre a Roma und M. in Trastevere zur Besichtigung der Galleria Corsini verabredet. Im piano nobile des Palazzo Corsini trafen wir zunächst

Kleopatra



G. und ich haben sie erstmals im Februar gesehen und ich war froh, sie an gewohnter Stelle wiederzusehen, denn ich hatte mich gefragt, ob sie wohl Teil der gerade stattfindenden Kleopatra-Ausstellung im Chiostro del Bramante sein würde.

Die Königin ist im Moment des Schlangenbisses (in der Antike vorherrschende Version zu ihrer Todesursache) abgebildet.

In ihrer linken, teilweise beschädigten Hand erkennt man die nicht vollständig erhaltene Schlange.


In der Rechten hält Kleopatra eine Krone.


Zu ihren Füssen ein kleines Krokodil und ein trauriger Putto (der den Verlust eines Beinchens zu beklagen hat). Er sitzt auf einem Globus und hält eine gesenkte Fackel als Symbol des Todes.


Besonders fein gearbeitet ist die komplexe Frisur der Königin, deren Haare im Nacken in einer Art chignon zusammengefasst sind.


Die spätmanieristische, 2 Meter grosse Skulptur stammt aus dem Jahr 1574 und ist das Werk des zu diesem Zeitpunkt 23jährigen Pietro Paolo Olivieri (1551 bis 1599), dessen Statue Gregors XIII. ich kurz zuvor in S. Maria in Aracoeli gesehen hatte.

Der Bildhauer hat die Statue wahrscheinlich aus einem Teil einer antiken Säule aus griechischem Marmor geschaffen. Gut zu erkennen ist eine graue Ader, die den Stein schräg durchzieht.
Kurze Zeit später, nach dem Betreten des Museums trafen wir

Christina von Schweden

Es ist den Tre a Roma gelungen an einer Führung duch die Königin höchstpersönlich ;) :D :twisted: :~ teilzunehmen. Dabei zeigte sie uns auch ihr früheres appartamento.

Nach ihrer Abdankung und Bekehrung zum Katholizismus kam die ehemalige schwedische Königin 1655 nach Rom. 1659 vermietete die Familie Riario Christina den Palazzo Riario in Trastevere. Hier lebte sie mit Unterbrechungen 30 Jahre lang, bis zu ihrem Tod 1689.

Christina hat die Statue wahrscheinlich von den Riario übernommen. Aufgestellt war sie damals mit hoher Wahrscheinlichkeit in den Parkanlagen des Palazzo. Mir drängte sich die Frage auf, ob Christina, die Königin ohne Land und ohne Krone, wohl bei der Betrachtung der Skulptur an Parallelen zwischen sich und Kleopatra gedacht hat.
Zur späteren Geschichte der Skulptur und ihrer Wiederentdeckung:

A XVI century marble statue representing a nude Cleopatra was hidden and forgotten for more than a century in the attic of Corsini Palace in Rome, formerly the Riario Palace. There, between 1659 and 1689, Christina of Sweden spent the end of her life, having famously decided to renounce her thrown to become Catholic and live in the city of Popes. During this time, she created a spectacular and important collection of ancient and modern art, unfortunately now dispersed worldwide. The piece in question is signed and dated 1574, a fact previously overlooked by everyone. Professor Borsellino will clarify the provenance of the statue and explain why it (fortunately) remained in the Riario-Corsini Palace until now. Long investigation has resulted in both the identification of the statue as a sculpture cited in two inventories of Christina’s art collection, where the figure was named for no reason “Venus” or “Nude woman”, and a careful reconstruction of the story of this marvelous and intriguing piece of art.
Quelle

Von 1736 bis 1883 gehörte der alte Palazzo Riario den Corsini und wurde für diese Adelsfamilie erweitert.

Die Familie Corsini, aus der Papst Klemenz XII. stammt, war eine der reichsten und kunstsinnigsten der Tiberstadt. Ihre Gemäldesammlung war schon zu Goethes Zeiten legendär. Eine Perle besitzt der italienische Staat in der Galleria Corsini, die im barocken Palazzo Corsini im Stadtteil Trastevere untergebracht ist. Darüber hinaus ist die Sammlung die einzige bis heute erhaltene einer römischen Fürstenfamilie.
Quelle: Zerschlagung um des Staates willen

Zu der 2010 drohenden Zerschlagung der Sammlung scheint es nicht gekommen zu sein und so konnten wir alle im verlinkten Artikel beschriebenen Gemälde und weitere Werke (z.B. den etruskischen Trono Corsini im Kaminzimmer) betrachten. Eine Auswahl gibt es hier: Capolavori - Galleria Nazionale d'Arte Antica in Palazzo Corsini - Sito Ufficiale

Mindestens ebenso interessant, wie die Werke an sich, ist die Art der Aufhängung in den einzelnen Räumen.

Paola Mangia hat (…) in den letzten zwei Jahren die Sammlung rekonstruiert. In Zusammenarbeit mit Restauratoren, mit Stoffexperten, die die kostbaren Wandbespannungen rekonstruierten, hat sie die Räumlichkeiten der Galleria, die Korridore und Säle, originalgetreu wiederhergestellt. Wie zu den Zeiten der Corsini-Fürsten. Und: Sie hat anhand wiedergefundener Dokumente aus dem 18. Jahrhundert die über 606 Gemälde wieder genauso an die Wände gehängt, wie sie damals hingen - als die Corsini Kunst sammelten und ihre Kollektion prominenten Italiensreisenden während der Grand Tour präsentierten. Die Rekonstruktion der Aufhängung hat in Italien für großes Aufsehen gesorgt und viel Zustimmung geerntet.
Quelle: Zerschlagung um des Staates willen


Auch diesen Herrn trafen wir im Palazzo Corsini:


Es handelt sich um eine antike römische Darstellung des Herakles.

Gemütlich bummelten wir nun durch die Gassen von Trastevere und kamen entlang der Via della Scala zur Piazza Santa Maria della Scala.


In diesem Moment erinnerte ich mich an einen der Stolpersteine im ehemaligen jüdischen Ghetto, den ich während des Mai-Wochenendes in Rom täglich gesehen hatte:


Die Geschichte von Leone Pavoncello und seiner Tochter Letizia kam mir wieder in den Sinn: Via della Reginella, 19

(...) andammo a cercare ospitalità da amici non ebrei: dapprima nel negozio della signora Lilli, poi in campagna da Esterina per un breve periodo, e poi in un vecchio magazzino in Via della Scala, a Trastevere.
Ricordo che una mattina papà uscì per prendere un po’ di sole sulla piazzetta, e mi chiese di seguirlo: camminavo a una certa distanza da lui, ma potei scorgere benissimo le due figure che lo fermarono e lo portarono via. Probabilmente, abbiamo saputo dopo molti anni, si trattò di una spiata.
Hier also war es gewesen, dass das Mädchen aus der Via della Reginella machtlos der Verhaftung ihres Vaters hatte zusehen müssen. :(

Wie glücklich konnte ich mich schätzen, mich an einem warmen Herbstabend hier von Claude auf ein erstes römisches Eis einladen zu lassen. :thumbup: :thumbup:



Dann aber schnell hinauf auf den Gianicolo, wo inzwischen auch Pasquetta und ihr BEVA eingetroffen waren. Wir beschlossen den Tag bei angeregtem Gespräch im Focolare.

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Ersteller des Themas #5
S. Passera


K
leinod
der Vorstadt:



Santa Passera



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Weit draußen an der Via Magliana, zwischen dieser und dem rechten Tiberufer, auf gleicher Höhe mit S. Paolo fuori le mura auf der anderen Seite des Flusses, erhebt sich das von außen gesehen eher schlichte Kirchlein über einer Grabstätte des 8. Jahrhunderts (vgl. Chiesa di S. Passera). Zugeschrieben wird sie den koptischen Heiligen Cyrus und Johannes - wobei diese Quelle die Übertragung ihrer Reliquien aus Alexandria (und ergo die Entstehungszeit des Grabes) bereits für das 7. Jh. oder sogar eine noch frühere Zeit annimmt. Dieses Hypogäum bildet das zweite Untergeschoss der Kirche. Auf das 11. Jh. datiert die erstgenannte Quelle eine Inschrift in der darüber liegenden Krypta, derzufolge Cyrus und Johannes aus Alexandria hier beigesetzt seien. Ihre Reliquien fand im Jahre 412 Kyrill von Alexandria auf. Das darauffolgende 6. Jh. verzeichnete eine weite Verbreitung des Kultes dieser beiden Märtyrer. Aus dem Namen “Abbas Cyrus” entwickelte sich im Laufe der Zeit durch Verschleifung für sämtliche diesem Heiligen geweihte Kirchen das Patrozinium S. Passera.



Hier nun ließ unser römisches Kaleidoskop ganz besonders überraschende Glassteinchen auffunkeln!


Das erste davon: Vollkommen abweichend vom extrem restriktiven calendario visite 2013 öffnete der Küster an diesem schönen Sonntagmorgen den Untergeschoss-Zugang an der Südseite der Kirche ...



... für alle interessierten Besucher, die sich frühzeitig vor Beginn der Sonntagsmesse eingefunden hatten; und so also auch für uns. 8)


Von schrittweiser Erweiterung und Verschönerung der Kirche legen
Architektur und insbesondere mittelalterliche Fresken aus dem 13. bis 14. Jh. Zeugnis ab - ein kaleidoskopisches Farben-Feuerwerk!

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Exkurs zu den Fresken:


 
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Ersteller des Themas #6
Herbstimpressionen im Rosengarten


Nachdem wir hier im Forum von der Herbstöffnung des Roseto comunale erfahren hatten, bestand kein Zweifel daran, dass wir diese Gelegenheit nutzen wollten.​

Es erwartete uns ein wahres Kaleidoskop schöner Formen und Farben. Die strahlende Herbstsonne brachte die Rosen wundervoll zum Leuchten. Obwohl viele Rosensorten bereits verblüht waren, gab es noch eine Vielfalt herrlicher Blüten zu bewundern. Auch im Welken begriffene Rosen strahlten große Schönheit aus.​

















S
 
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Ersteller des Themas #7
San Giovanni in Laterano


Ein Steinchen im neuen Kaleidoskop-Bild ist ein sehr grosses und spitzes ;): der Obelisk vor dem Seiteneingang von S. Giovanni in Laterano.


Er steht hier seit 1588 und ist von allen antiken Obelisken in Rom mit seinen etwas über 32 Metern der höchste (7 Meter höher als der zweithöchste: auf dem Petersplatz).

Wenige Tage vor der Rom-Reise hatte ich folgenden, wie ich finde sehr interessanten Artikel Roms sprechende Steine: Jubelchor der Obelisken - Literatur und Kunst Nachrichten - NZZ.ch
über die römischen Obelisken gelesen und auch hier im Forum verlinkt.

Die Inschriften an seiner Basis erzählen in Kürze die Geschichte des Monuments.


Im Jahrestakt hat Sixtus V. in seinem kurzen Pontifikat 1585 bis 1590 seinen Architekten Domenico Fontana noch drei weitere, umgestürzt und gebrochen daliegende Obelisken restaurieren und wieder aufrichten lassen, und die Inschriften auf ihren Basen berichten aus erster Hand von ihrer Entsühnung und Neuweihung, einem wahrhaften Recycling dieser steinernen Riesen unter christlichem Zeichen

(…) Drei Seiten der Basis erzählen seine spektakuläre Geschichte: wie Konstantin der Grosse den «mit unreinem Gelübde – impuro voto – dem Sonnengott geweihten» Obelisken auf dem Nil zunächst nach Alexandria brachte und für sein «neues Rom» Konstantinopel vorsah; wie darauf Constantius II. ihn «auf einem Schiff mit dreihundert Ruderern, von staunenswerter Riesengrösse», nach Rom überführte und im Circus Maximus aufrichtete; wie schliesslich Sixtus V. den «geborstenen und tief in Schutt und Schlamm versunkenen» Obelisken herauszog und den «sorgsamst zu seiner früheren Gestalt wiederhergestellten» Riesen dem «unbesiegtesten Kreuz» weihte. Die vierte Seite rühmt nochmals Konstantin, den «Sieger durch das Kreuz» und Stifter der Lateranbasilika (…)

Darstellung in der Silvesterkapelle von Santi Quattro Coronati​

Dass Konstantin der Grosse hier durch Papst Silvester getauft worden sein soll, gehört in den Bereich der mittelalterlichen Legenden. (Vergleiche: Bündisch-katholische Rom-Fahrt - Seite 9 .)​




Die Bronzetür aus der Kurie auf dem Forum​

Wir betraten S. Giovanni durch den Haupteingang und bewunderten zunächst den schönen Cosmaten-Fußboden.​


Claude berichtete, dass hier nicht nur schöne Muster geschaffen wurden, sondern dass Farben und Formen auch sozusagen Regieanweisungen für die Geistlichen enthielten. :eek:


Borromini-Engel​


Apostel​


Ziborium über dem Papstaltar​


Mich interessierte heute am Innenraum von San Giovanni besonders die Sakramentskapelle, da ich gelesen hatte, dass sie ein weiteres Werk von Pietro Paolo Olivieri ist, dessen Skulpturen von Kleopatra und Gregor XIII. ich nun bereits kannte.​



Eine der Geschichten über die Herkunft der Bronze für die vier vergoldeten korinthischen Säulen berichtet, dass es sich um die unter Augustus eingeschmolzenen Schiffsschnäbel der bei Actium besiegten Flotte Kleopatras handelt. Siehe: Basilica Papale - SAN GIOVANNI IN LATERANO


Nachdem ich hier ein Weilchen geblieben war, fand ich die Reisegefährtinnen Claude, Gaukler und M. vor dem Chorbereich mit der päpstlichen Kathedra und den Apsis-Mosaiken wieder.




Anschliessend besuchten wir den wunderbaren

Kreuzgang von San Giovanni







Für mich war dies ein besonders schöner Moment, denn ich kannte ihn noch nicht. Er wurde zwischen etwa 1220 und 1232 unter Papst Honorius III. von Pietro Vassalletto senior und dessen Sohn Pietro Vassalletto junior errichtet.​

Enttäuschend für die, die den Kreuzgang bereits gut kannten, war, dass man den Hof mit dem Brunnen aus dem 9. Jh. in der Mitte nicht betreten durfte. Die von Löwen und Sphinxen bewachten ;) Eingänge waren versperrt.​




Dennoch hielt das römische Kaleidoskop hier wunderschöne Muster für uns bereit. Die Arbeiten der Cosmaten und in den 36 Meter langen Arkadengängen ausgestellte Reste aus römischer Zeit sowie aus der alten Basilika verfehlten ihre Faszination auf uns nicht.​





Viele Stücke stammen, wie gesagt, aus der Zeit vor der Renovierung von San Giovanni in Laterano durch Francesco Borromini. Darunter befinden sich Teile eines unter Borromini entfernten Magdalenen-Ziboriums, welche heute einen alten Papstthron umgeben, der früher im Chor stand.​



Eine tolle Überraschung, ganz speziell für mich, gab es hier in Gestalt dieses Architekturelements, das sogar zur Vignette unseres römischen Kaleidoskops geworden ist 8) :thumbup::​


Es handelt sich dabei um einen Überrest des alten Magdalenenaltars. Dass er noch existiert und welche Rolle er für Borromini gespielt hat, wusste ich, aber hier hatte ich ihn nicht vermutet.​


Diese Bekrönung des alten Altars war für Borromini, der ihn abzubauen hatte, die Inspirationsquelle für die Bekrönung, die er für San Giovanni in Oleo schuf!​


San Giovanni in Oleo mit Kopie der Bekrönung​


Rechts das Original unter der Portikus von San Giovanni a Porta Latina​


Meinen Informationen zufolge sollte sich die Kugel im Lateran-Museum befinden. Umso erfreuter war ich, sie hier anzutreffen.​

Zum Abschied noch ein paar Rosen aus dem Kreuzgang:​


S
 
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Ersteller des Themas #8
Laßt uns das Kaleidoskop wieder eine Runde weiterdrehen und folgt mir nach

Santo Stefano Rotondo al Monte Celio



Schon oft wollte ich dieses Kleinod der Kirchenarchitektur erkunden, doch stets blieben mir die Türen verschlossen. Diesmal jedoch sollte es mir vergönnt sein, ein ungewöhnliches Bauwerk zu entdecken, das der letzte Großbau der (Spät-)Antike war.


Also betreten wir gemeinsam die Kirche und entdecken ihre Gestalt und Geschichte:


Das Patrozinium ist der raschen Verbreitung des Stephanus-Kults nach Auffindung der Reliquien des Protomartyrers 415 zu verdanken. Nur wenige Jahre vor dem Kirchenbau auf dem Caelius wurde S. Stefano in via Latina gestiftet.

Die nur etwa 700 m vom Lateran entfernt an der damaligen zum Palatin führenden Via Caelimontana liegende Kirche muss im Zusammenhang eines durch die Päpste vorangetriebenen urbanistischen Programms gesehen werden. Durch die Schaffung eines Lateran-„Borgo“ sollte dieser näher an die zurückweichende Stadt Rom angebunden werden. Der Liber Pontificalis überliefert die Weihe von Santo Stefano durch den Papst Simplicius (468-483), ohne aber den Bauherrn zu nennen. Die Pläne reichen wahrscheinlich in die 50er Jahre zurück, also in die Zeit kurz nach dem Abzug der Vandalen Geiserichs, und gehen damit auf Leo I. zurück. Die Kirche wurde über der Kaserne der peregrini errichtet, die noch während des 4. Jahrhunderts genutzt worden sein muss, denn dort war der alemannische König Knodomar inhaftiert, und in dieser Zeit erhielt auch das unter der Kaserne gelegene Mithräum noch eine neue Ausmalung. Sollte man in dem heute auf dem Caelius befindlichen Militärkrankenhaus eine Fortsetzung dieser Tradition sehen?


Wenn man nun im 5. Jh. nach der Aufgabe der Kaserne dort eine Kirche errichtete, so musste dies mit der Genehmigung des Kaisers geschehen, denn der Baugrund war öffentliches Eigentum. Auch die Monumentalität des Baus ist nur zu erklären, wenn man von einer finanziellen Unterstützung durch den Kaiser ausgehen kann. Es wird sich um Valentinian III. oder Maioran handeln. Der Baubeginn erfolgte doch wohl erst später – in den frühen 60er Jahren -, denn im Fundament hat man Münzen des unbedeutenden Kaisers Libius Severus (461-465) gefunden. Auf eben diese Zeit verweisen auch die verwendeten Bauhölzer und das oben erwähnte Weihedatum. Von Anfang an war die Kirche so geplant, dass eine größere Menge Menschen am Gottesdienst teilnehmen konnte. Santo Stefano war keine „gewöhnliche Pfarrkirche“, sondern eine Stationskirche, die alle Stadtbewohner unter Führung ihres Bischofs vereinen sollte.
Der Rundbau mit seinen drei konzentrischen Kreisen, in den ein griechisches Kreuz eingefügt war, verfügte ursprünglich über kein Portal, kein Presbyterium und keine Apsis und hatte demnach keine Ausrichtung in eine Richtung. Seit der Renaissance hat man aus der ungewöhnlichen Architektur geschlossen, dass hier ein antiker Vorgängerbau in Zweitverwendung in einen christlichen Kultraum umgewandelt worden sei. In diesem Sinne wurde vorgeschlagen, dass es sich ursprünglich um einen Tempel des Faunus, das Macellum Magnum des Nero oder eine Palastaula gehandelt haben könnte. Heute ist erwiesen, dass es sich von Anfang an um ein als christlicher Kultbau errichtetes Gebäude gehandelt haben muss, der zwei Typen christlicher Architektur miteinander verbindet: den Zentralbau (in Rom bekannt durch das Mausoleum der Costanza: auch hier ein Rundbau mit Umgang) und den Kreuzbau (Beispiele wären die Apostelkirchen in Konstantinopel und Mailand). Die kreuzförmigen Fenster in den Außenfassaden der Kreuzarme untermauern diese Auffassung.




Der kreisrunde Tambour in der Mitte ist von einem Kranz aus 22 ionischen Säulen umgeben. Eine Kuppel überragt dieses Rund, das durch 22 Fenster hell erleuchtet wird. Für die Konstruktion des Daches hatte man in der Spätantike ein Tonröhrengewölbe eingefügt. Diese Bautechnik stammt aus Nordafrika, wo man in Ermangelung von adäquatem Baumaterial kein Holzgerüst für Caemeticium-Gewölbe herstellen konnte. Diese Technik gelangte im 4. Jh. nach Italien und bietet im Vergleich zur herkömmlichen Baumethode den Vorteil, dass wegen des Gewichts (oder besser: wegen der Leichtigkeit) keine verstärkten Mauern erforderlich waren.
Die ionischen Kapitelle der Säulen stammen aus dem 4./5. Jahrhundert, wurden aber nicht eigens für S. Stefano angefertigt, sondern müssen aus einem Depot stammen: Zu unterschiedlich sind sie in Maßen und Proportionen. Lag es nun daran, dass man nicht mehr in der Lage war, einen einheitlichen Satz von Kapitellen zu beschaffen, oder legte man darauf einfach nur keinen Wert mehr? In jedem Fall versuchte man, das heterogene Material einigermaßen zu ordnen. Die Verwendung der ionischen Ordnung ist bemerkenswert, fand doch dieser Kapitelltypus seit dem 2. Jh. kaum noch Verbreitung. Dies ist dem „Trend“ zu einer „Renaissance“ klassischer Bauornamentik unter Leo I. geschuldet, der klassische Elemente in der offiziellen Kunst der Kirche in Rom förderte, wie man auch in S. Maria Maggiore beobachten kann. Der über den Säulen liegende Architrav aus prokonnesischem Marmor hingegen wurde eigens für Santo Stefano angefertigt.
Ausgehend von dieser Mitte waren wie die vier Kreuzarme Kapellen angeordnet, von denen heute nur noch eine existiert. Es gab einen inneren Umgang dessen Arkaden nach außen von 34 (? – ich müsste noch mal nachzählen) Säulen gebildet wurden und an den sich ein äußerer Umgang anschloss, der den Raum zwischen den vier Kapellen in Innenhöfe verwandelte, die möglicherweise mit Brunnen oder Becken ausgestattet waren. Richard Krautheimer und Hugo Brandenburg weisen in dem Zusammenhang darauf hin, dass der Wechsel zwischen hellen und dunklen, geschlossenen und offenen, hohen und niedrigen Räumen, die durch Säulenkolonnaden getrennt sind, von der Architektur der Villa Hadriana inspiriert gewesen sein könnte. Möglicherweise muss man das Vorbild nicht ganz so weit entfernt suchen, denn in den Villen des Caelius hatte man die nötigen Beispiele durchaus in der Nachbarschaft. Auch im äußeren Umgang fanden ionische Kapitelle Verwendung. An den Arkaden des nordöstlichen und des südwestlichen Kreuzarms dagegen sieht man korinthische Vollblattkapitelle, die Spolien aus dem 2. Jh. sind, diejenigen im Südwesten stammen aus antoninischer Zeit und dürften aus der gleichen Serie stammen wie die in S. Sabina eingebauten Säulen: Anscheinend waren noch vier Säulen in einem Magazin „übrig“, die man nun hier verwenden konnte.






Eine bessere Vorstellung erhält man, wenn man diesen Plan anschaut:
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:SStefanoRotondoVsec.png

Heute existiert der äußere Umgang nicht mehr. Im 12. (oder 15.???) Jahrhundert hat man die Arkaden, die zu den Kapellen führten, zugemauert und die Vorhalle angebaut, womit das Bauwerk eine Richtung bekam. Auch die monumentalen korinthischen Spoliensäulen, die der Konsolidierung des Daches dienen sollten, wurden damals eingebaut.






Das mittelalterliche Programm zur Verschönerung und Renovierung des Lateranbezirks knüpfte an die Bemühungen des 5. Jh. an, die seinerzeit den südlichen Bereich der Stadt aufwerten und aus dem Lateran ein Zentrum machen sollten. Aber letztlich war schon diese Maßnahme gescheitert: An der räumlichen Isolation änderte sich nichts. Nicht einmal die Erhebung zur Titularkirche im 10. Jh. hat daran etwas geändert: Auch sie konnte kein neues Leben in diesen Bezirk des inzwischen schon lange zum disabitato zählenden Bereich der Stadt bringen.
Im 12. Jh. stand gar eher das Gegenteil auf der Tagesordnung, nämlich ein Abschluss des Lateranbezirks von der Stadt, um der renovierten Papstresidenz mehr Sicherheit zu verleihen.

Hat sich die spätantike Architektur zum großen Teil erhalten, so kann man das von der Innendekoration nicht sagen. Immerhin sind genug Spuren vorhanden, um eine Vorstellung von der einstigen Pracht zu gewinnen. Reste zeigen, dass die Wände mit polychromem Marmor verkleidet waren. Besonders gut konnte man den Fußboden rekonstruieren, der ganz mit Marmor gestaltet war, wobei ja nach der Bedeutung des Raumes differenziert wurde. Der zentrale Innenraum des Tambours – heute mit einem Holzboden versehen – war durch weißen Marmor besonders hervorgehoben. Reste des antiken Bodenbelags sind in dem erhaltenen Kreuzarm rekonstruiert.





Eine Rahmung aus Cipollino umfaßt zwei Quadrate, in denen sich farbige Marmorplatten von ansehnlicher Größe befinden, die durch ein Kreuz gegliedert sind. Die wichtigsten Marmorsorten des Imperiums sind hier vertreten: Erkennen konnte ich roten Porphyr aus Oberägypten, Cipollino aus Euböa, Giallo antico aus Chemtou in Tunesien und Verde Antico. Die weißen Steine sind sicher auch unterschiedlicher Provenienz, aber da gelingt es mir nicht (und schon gar nicht nur aufgrund von den Photos, die ich gemacht habe) pentelischen Marmor von solchem aus Paros oder Luni zu unterscheiden.

Aus der Katakombe S. Alessandro (Via Nomentana) wurden auf Veranlassung Papst Theodorus im 7. Jh. die Reliquien der Heiligen Primus und Felicianus nach Santo Stefano übertragen. Das ist eines der frühesten Beispiele für eine Reliquientranslation in eine der stadtrömischen Kirchen. Man wollte einerseits auf diese Weise die Gebeine der Martyrer vor dem nach den Gotenkriegen beginnenden Zerfall bewahren, sich aber andererseits auch die Fürsprache der Martyrer für die Gemeinde sichern. In diesem Kontext entstand die Gepflogenheit, Altäre in Kirchen mit Reliquien auszustatten. Um der Martyrergedenkstätte einen angemessenen architektonischen Rahmen zu verschaffen, wurde eine Apsis angebaut, die mit einem Mosaik ausgestattet wurde.



Im Zentrum befindet sich anstelle der sonst üblichen Christusfigur ein Gemmenkreuz, über dem eine Büste Christi zu sehen ist. Hier muss an die östliche Ikonographie gedacht werden, die im Ikonoklasmus die bildliche Darstellung von Personen vermieden hat. Vor Goldgrund und damit in überirdischer Sphäre sehen wir die beiden Heiligen Primus und Felicianus, die in Amtsgewänder gekleidet sind, welche im oströmischen Reich üblich waren. Bildaufbau und Faltengebung der Gewänder erinnern an das Mosaik von St. Agnese, das ebenfalls in oströmischer Tradition steht. Die beiden Heiligen stehen auf einem von Rosen durchsetzten Streifen, der Sinnbild des Paradieses ist.

Die Fresken Antonio Tempestas an den Wänden bärichten vom Martyrium der beiden Heiligen: Auf Befehl der damaligen Kaiser Diokletian und Maximinian wurden sie verhaftet, eingekerkert und jeder denkbaren Art von Qualen ausgesetzt. Da sie aber nicht bereit waren, ihren Glauben zu verleugnen und das geforderte Kaiseropfer zu bringen, sollten sie Löwen und Bären vorgeworfen werden. Diese allerdings enttäuschten die Machthaber und das Publikum, denn sie verhielten sich wie zahme Schoßhündchen.






Die Wände des Umgangs sind ebenfalls mit großformatigen Fresken dekoriert. Im Auftrag der Jesuiten hat Niccolo Pomarancio die Torturen der ersten Martyrer in drastischen Bildern an den Wänden festgehalten. Auf dem Höhepunkt der Gegenreformation sollte den Missionaren vor Augen geführt werden, welche persönlichen Konsequenzen ihre Aufgabe haben kann. Stendhal bemerkt dazu, die Szenen seien zu grauenhaft, um eine Beschreibung davon liefern zu können, Jacob Burckhardt fand sie einfach nur „gräßlich“ ...


Die Kirche ist seit dem 16. Jh. Sitz des Deutsch-Ungarischen Kollegs. Diesem Umstand ist es auch zu verdanken, dass wir die gerade stattfindende Messe in der Mitte der Kirche als Gottesdienst in ungarischer Sprache identifizieren konnten. Ein Dank dem freundlichen „Schweizer“ am Eingang, der trotzdem den Rundgang gestattete, so er denn mit der angemessenen Diskretion erfolgen würde.

Beim Verlassen des eindrucksvollen Gebäudes dämmerte es bereits und es hatte schon ein gewisses Flair, nun Richtung Clivus Scauri zu spazieren. Auf dem Weg grüßten uns die Reste des neronischen Aquaedukts.​





Mit diesem Bild aus der Dämmerung Roms verabschiede ich mich erst einmal.

C.

 
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Tre a Roma

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Ein Blick in das Kaleidoskop, ein Spielzeug nicht nur aus Kindertagen. Auch ich drehe es und die vielfältigen Formen, die es abbildet, verändern sich, verschieben sich und ergeben ein neues Farbenmuster – flirrend, facettenreich und bei jeder noch so kleinen Bewegung anders.

So könnte auch die Zusammenfassung meiner letzten Rom-Reise lauten: flirrendes Licht über der Stadt, facettenreich die Blicke darauf: neue durch die Anregungen der Mitreisenden, erinnerungsvolle auf Altbekanntes, das sich im Laufe der Jahrzehnte aber natürlich auch verändert hat.

Und so möchte ich meinen Beitrag zum Römischen Kaleidoskop auch gestalten: an das früher erlebte Rom mich erinnern und neu Kennengelerntes aus meiner Sicht erwähnen und das alles mit meinen Bildern. Es kann sein, dass sich dabei Überschneidungen mit den Berichten der Tre a Roma ergeben, aber diese kleine Abweichung riskiere ich und hoffe, dass es die geneigte Leserin und Leser nicht zu sehr „stört“. ;)


Die Kirche Santa Passera – eine alte Schönheit, die ich bisher noch nicht gesehen hatte und die wie ein kleines Bauernhaus – zur Entstehungszeit noch vor der Stadt gelegen – anmutet. Keine Heilige ist ihre und die Patronin der kleinen Ausgrabung unter der Kirche, sondern von „Abbas Cyrus“ leitet sich der Name ab, daraus wurde Sant'Abbaciro und im Laufe der Zeit verkümmerte er zu Pacero, Pacera und wurde schließlich zu „Passera“. Verehrt werden hier die beiden Heiligen Cyrus und Johannes
aus dem alten Ägypten, deren Gebeine nicht mehr in dem Gewölbe unter der Kirche bestattet sind, sondern sich nun in Neapel und in München in der St. Michaels-Hofkirche befinden. Wie schon an dieser Stelle so treffend beschrieben: welch ein Glück hatten wir, dass der Kirchendiener vor dem Sonntagsgottesdienst noch die Tür zu der kleinen Ausgrabung aufschloss


und wir einen Blick werfen konnten auf die zwar spärlichen aber interessanten Reste der verblassten Bemalung


und des in „Strohtechnik“ gemauerten Gewölbes. Auf C.s Foto kann man noch sehr gut die Struktur des Strohs oder der Binsen erkennen.
(Foto ausgeliehen von C - besten Dank!)

Wie ein buntes Kaleidoskop muteten auch die relativ vielen Besucher des Sonntagsgottesdienstes an: Männer und Frauen aller Altersgruppen, dazwischen ein paar Kinder und Jugendliche – man kannte sich, es wurde nach allen Seiten gegrüßt, fleißig gesungen und mitgebetet – in dieser kleinen Kirche, eine der ältesten in Rom, hatte sich eine muntere Gemeinde versammelt.



Und nach dem Gottesdienst konnten wir dann unter den wohlwollenden Blicken der noch in der Kirche verbliebenen älteren Signore die vorsichtig restaurierten Fresken in der Apsis der Kirche bewundern:



kostbare Farbsplitter im römischen Kaleidoskop – schön zu sehen in den Fotos des Santa Passera-Beitrags.

Wenn wir nun schon einmal so „weit draußen“ sind, im Viertel Portuense, so wollen wir noch etwas entdecken, was wir bisher nicht kannten: die „Außenstelle“ der Kapitolinischen Museen, die Centrale Montemartini. Dazu müssen wir an die Via Ostiense. Erst einmal hieß es warten und warten und warten … aber da kommt er: der 780er-Bus, der uns zur Metro-Station Magliana bringen sollte. Ach herrje – sind denn heute Vormittag alle Bewohner der Außenviertel in der Stadt zum Einkaufen gewesen? Der Bus ist gerammelt voll und wir quetschen uns noch hinein. Auf die vorsichtige und höfliche Frage, ob wir „denn richtig wären zur Metro-Station Magliana, wir wollen in die Via Ostiense“ kommen die unterschiedlichsten Antworten und es ist auch nicht auszumachen, ob der Kaugummi kauende und mit Ohrstöpsel verkabelte Busfahrer nun bestätigend genickt oder doch eher genervt reagiert hat ... Bis eine mit prall gefüllten Einkaufstaschen bewaffnete resolute Signora meinte „Scendete quando scendo io – e cosi siete giusti!“

Und dem war so: Wir konnten sogar aus dem rasant die Kurven nehmenden Bus heraus noch einen Blick auf die Kuppel von SS. Pietro e Paolo und das “Colosseo Quadrato“ werfen,




Foto-Ausleihe bei G ;) - besten Dank dafür :nod:

bevor uns die Metro von EUR-Magliana in ein paar Minuten zur Station Garbatella brachte. Tja, und auf die Frage „wo geht es denn zum Museo Centrale Montemartini?“ haben wir nur bedauerndes Kopfschütteln und ein „non lo conosco“ bekommen...


Aber: wer Augen hat zum Schauen, der entdeckte auch einen kleinen versteckten Wegweiser und so standen wir kurze Zeit später vor dem beeindruckenden Komplex dieses alten ausgedienten Kraftwerkes, das 1912 eingeweiht wurde und die erste öffentliche Einrichtung Roms zur Erzeugung von elektrischem Strom war, benannt nach dem Ökonom und Mitglied der römischen Stadtverwaltung Giovanni Montemartini. Das Kraftwerk lag damals noch vor der Stadtmauer und das Gelände sollte als Industriegebiet ausgebaut werden. Außer dem Kraftwerk gab es hier die Mercati generali und ein Gaswerk sowie verschiedene Industrie- und Handwerksbetriebe. Unter Mussolini wurde es im Hinblick auf die geplante Weltausstellung um- und ausgebaut, der Krieg stoppte die Arbeiten und erst 1952 wurde das Gebäude des Elektrizitätswerks, so wie es heute dasteht, fertig. Gut fünfzig Jahre nach Baubeginn war es jedoch total veraltet. Die Stromerzeugung wurde 1963 eingestellt, die Maschinen wurden abmontiert, das Gebäude verfiel. Zum Glück für dieses Monument der Industriegeschichte – und seine Besucher – entschloss sich die städtische Elektrizitätsgesellschaft das Hauptgebäude mit dem Maschinensaal und dem Kesselraum zu restaurieren und etliche Maschinen an ihrem ursprünglichen Platz wieder aufzustellen.




So war ein neuer Kulturraum geschaffen. Und die Kapitolinischen Museen konnten einen Teil ihrer wegen Umbauarbeiten ausgelagerten Skulpturensammlung wirkungsvoll ausstellen, statt sie im Depot verstauben zu lassen. Das Nebeneinander von antiken Kunstwerken und moderner Industriearchitektur hat einen besonderen Reiz und fand großen Anklang und so ist seit 2005 die Centrale Montemartini sozusagen eine Außenstelle der Kapitolischen Museen.



Zur Sammlung, die zum Großteil aus Funden besteht, die bei Ausgrabungen in den antiken Gärten Roms gemacht wurden, werde ich nichts schreiben – das Museum ist schon mehrmals – auch mit sehr eindrucksvollen Fotos – im Forum erwähnt bzw. beschrieben worden (z.B:hier).





Hier nur eine bunte kaleidoskopische Folge von Bildern aus den Räumen der Centrale Montemartini.





Der Blick ist zur Abwechslung vor allem auf die weiblichen Schönheiten der Sammlung gerichtet und weniger auf die berühmten Herren der Antike.












Und hier noch Ausschnitte aus dem Jagdmosaik:



;)


Und die "großartige Dame" war auch noch da:





Wir verlassen diese beeindruckende Schau -


und während ich das Kaleidoskop drehe,


entdecke ich hier in dieser Gegend an der Via Ostiense ein paar, wenn auch schwach schimmernde aber doch bunte Farbsplitter, die mit der Erinnerung an das Rom vergangener Jahre zu tun haben.


Hier waren früher die Mercati Generali angesiedelt. Mitte der 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts hatte ich einmal die Gelegenheit, diese Mercati aufsuchen zu dürfen, als Begleitung einer betagten Nonne, die für ein Schwesternhaus mit angeschlossener Pension Obst und Gemüse vom Großmarkt holen fuhr. Es war meine erste Erfahrung mit einem Großmarkt und das Gewusel, das geschäftige Hin und Her, der Lärm und das lautstarke Anpreisen der Waren durch die Händler hatte mich sehr beeindruckt. „Frutta fresca, freschissima - Sorella, venga – venga!“ Schwester Annina wählte bedächtig die Ware aus, prüfte bietola und insalata di lattuga, schaute nach Orangen und Äpfel und ließ sich nicht durcheinander bringen von der Hektik und dem Gedränge. Sie kannte ihre Händler. Nach Abschluss des Einkaufs trugen die Laufburschen die Kisten zum kleinen Transportauto – es war sicher keine Ape, denn wir waren zu dritt und ich glaube nicht, dass wir alle in einer Ape Platz gehabt hätten – und verabschiedeten sich höflich, so wie die Schwester sich mit einem stillen Lächeln für den Gruß bedankte. - Das römische Erinnerungskaleidoskop hat sich gedreht ...

Von Gabartella aus brachte uns die Metro in „Null-komma-wenig“ zum Kolosseum.


Dort flüchteten wir vor den Menschenmasse hinauf auf den Celio-Hügel. Wie wohltuend: nur einen Steinwurf vom Umtrieb am Kolosseum entfernt breitet sich hier Ruhe aus, mit viel Grün und schönen Ausblicken.


Wir warten noch ein paar Minuten bis die Kirche Santo Stefano Rotondo geöffnet wird und können dann in aller Ruhe und mit Bedacht diese alte Rundkirche auf uns wirken lassen.
Die dem hl. Stephanus, dem ersten christlichen Märtyrer (Apg 7,56-60), geweihte Kirche auf dem Hügel Caelius ist hier bereits ausführlich und profund beschrieben worden. Ich habe sie einfach unter dem Aspekt des Wiedersehens betrachtet:



das schöne Rund mit den 22 Säulen -



die Kapelle der hl. Primus und Felizianus mit dem Gemmenkreuz im Apsismosaik

( ;) )

und den anschaulichen Bildern vom Martyrium der beiden römischen Brüder, das wahrscheinlich um 304 unter Kaiser Diokletian stattfand


- die aus der Renaissancezeit stammende achteckige Altarinsel mit dem Hochaltar,​

der unter anderem dem hl. Stefan von Ungarn geweiht ist. Die Beziehungen Ungarns zur Kirche Santo Stefano Rotondo bestanden bereits seit dem 15. Jhdt. und zuletzt war József Kardinal Mindszenty, der Primas von Ungarn, bis 1975 Titularbischof der Kirche.

Die im 16. Jhdt. geschaffenen Fresken im äußeren Säulenkranz mit den blutrünstigen und qualvollen Darstellungen vom Hingemetzel der ersten christlichen Märtyrer haben mich noch nie lange hinsehen lassen. Angeblich sollen in der Zeit vor der - wegen Baufälligkeit - Schließung der Kirche die römischen Familien mit ihren Kindern am Stephanstag, den 26. Dezember, nach Santo Stefano Rotondo „gepilgert“ sein, um dort die blutrünstigen Bilder zu betrachten – vielleicht als Gegengewicht zum lieblichen Weihnachtsfest...
Seit 1985 ist Santo Stefano Rotondo Titularkirche des deutschen Kardinals Wetter, 2006 konnte die Kirche wieder der Öffentlichkeit zugängig gemacht werden.

Seit mehr als fünfzig Jahren haben sich immer wieder „Freunde“ und Gönner von Santo Stefano Rotondo dafür eingesetzt, dass dieses Schmuckstück unter den römischen frühchristlichen Kirchen restauriert wurde, Ausgrabungen, Umbauten und „Neuanschaffungen“ vorgenommen und seine Bau- und Kunstgeschichte erforscht und ausgewertet werden konnten. - Ende der 1960er Jahre kam ich damit in Kontakt:
... CENTRUM INTERNATIONALIS PRO RENOVATIONE S. STEPHANI ROTUNDI, des Internationalen Zentrums für die Erneuerung von Santo Stefano Rotondo... Der Idee einer zeitgemäßen Erneuerung des verlassenen, 1500-jährigen christlichen Zentralbaus auf dem römischen Monte Caelio im Geiste der Ökumene ...


so dass mein römisches Erinnerungskaleidoskop sich auch darum und dazu dreht und seine Farben aufleuchten lässt...

Der Weg den Hügel hinab Richtung Kolosseum ist mit diversen Gelaterie bestückt, so dass einer genussvollen Rast nichts im Wege steht. Und dann tauchen wir ein in den sonntäglichen Verkehr auf der auto- aber nicht radfahrerfreien Via dei Fiori Imperiali – hier wird geschlendert, flaniert und gebummelt, fotografiert, mit Blick in Stadtplan und -führer beratschlagt und besichtigt. Erinnerungsfarben drehen sich: der Campanile von S. Francesca Romana taucht auf und die mächtigen Bögen der Maxentius-Basilika. Ihre Ruinen wie auch die Kirche Francesca Romana boten in lauen Sommernächten eine eindrucksvolle Kulisse für die dort stattfindenden Konzerte...


Wir entfliehen dem Trubel auf dieser Zielgeraden Richtung Piazza Venezia und treten ein in den Kreuzgang von Santi Cosma e Damiano, eine der vielen Stationskirchen Roms, gebaut in die Reste einer Bibliothek des Forum Pacis, das Kaiser Vespasian errichten ließ. Die Mauern der Kirche sind der einzige heute noch erhaltene Teil davon.

Der größte Schatz der Kirche dürfte wohl das wunderschöne, frühchristliche Apsismosaik sein:



Christus schwebt auf farbigen Wolken, die an die „rosenfingrige Eos“ (oder hier in Rom an Aurora) denken lassen, vom blauen Himmel.



Er ist in Begriff, die Schriftrolle – das Gottesgesetz – an die etwas tiefer stehenden Apostelfürsten Petrus und Paulus zu übergeben, die die beiden Heiligen Kosmas und Damian, die ihre Märtyrerkränze in den Händen halten, zu Christus hinführen. Der Heiligenlegende nach waren sie Zwillingsbrüder aus Syrien und mildtätige Ärzte. Diese Kirche soll nicht ohne „Hintergedanken“ ihnen geweiht sein: sie waren sozusagen der Gegenpart zu Castor und Pollux, deren Tempel nicht weit vom Friedensforum stand, und auch der Kult um Heilgötter wie Apollo und Aeskulap sollte so unterbunden werden.


Ganz rechts sieht man den hl. Theodor (der erst Schutzpatron von Venedig war ;)(der mit dem Krokodil auf der Säule an der Piazzetta) und dann als Patron nach Brindisi gewechselt hat ;)), angetan mit einem wunderschönen Mantel (leider ist das Foto davon unscharf :cry:), (Papst Felix IV., der Stifter der Kirche, links außen abgebildet,ist „neueren“ Datums (17.Jhdt.)) Und dann ist natürlich nicht zu übersehen die schöne Schar der Schafe, auch wenn nicht mehr alle „original“ sind, die zum „Wasser des Lebens“, auch als Flüsse des Paradieses gedeutet, kommen und sich um das „Lamm Gottes“ aus der Apokalypse scharen.


Eine weitere frühchristliche Kirche liegt neben der Piazza Venezia: San Marco. Eine der schönsten Fassaden der Frührenaissance mit einem dreibogigen Portikus ziert die Kirche, die zum Palazzo Venezia gehört, der ehemaligen Niederlassung der Serenissima Repubblica di San Marco in Rom.


San Marco und der Löwe gehören auch hier zusammen. ;)
Und auch hier, in dieser relativ dunklen Kirche mit ihrer blau-goldenen Kassettendecke wieder ein eindrucksvolles Apsismosaik.



Hier zeigt es Christus auf Goldgrund, segnend und das Buch der Göttlichen Botschaft in der Hand, umgeben von Heiligen, ganz recht die hl. Agnes, die „beiden Markus“ (der hl. Papst Markus und der Kirchenpatron Markus der Evangelist) direkt neben Christus und ganz links Papst Gregor IV., der „Stifter“ mit dem Modell der Kirche und mit dem quadratischen Heiligenschein als noch Lebender dargestellt ist. Auch hier finden sich wieder die zwölf Lämmer*, die aus den Toren des himmlischen Jerusalems zum Lamm, „dem Quell des ewigen Lebens“, ziehen.
Schmunzeln musste ich beim Betrachten der kunstvoll verzierten „Fußabstreifer“, auf denen die mit ihrem Namen bezeichneten Figuren stehen...


Ob Isis (oder ist es „nur“ eine ihrer Priesterinnen?) alias Madama Lucrezia, wie sie als eine der „statue parlanti“ vom römischen popolino genannt wurde, wohl neben der Kirche San Marco auch anderes bewacht, was bei ihr abgestellt wird?

Und nun springen wir schnell in die Tram 8 um nach Trastevere zu fahren. Stop: oft daran vorbei gefahren... was steht in meinem Reclam-Kunstführer von 1965? „Um 499 wurde über antiken Bauten die Titelkirche S. Chrysogoni errichtet, deren Grundriß und Bausubstanz, eingegangen in einen Neuau des 8. Jhdt., in der um 1924 ausgegrabenen Unterkirche erhalten sind. 1123 errichtete Papst Calixtus II. die bestehende Basilika, die 1618-26 durch Sergio Venturi eine schlichte, wenig qualitätsvolle Barockausstattung ... erhielt. Die Restaurierung von 1866 vermochte den Eindruck des Innern nicht zu verbessern.“ Vielleicht habe ich deshalb selten hineingeschaut... Aber jetzt steigen wir aus und sogar hinab in die die „Unterwelt“ von San Crisogono.

Die Kirche wurde Ende des 5. Jhdt. (und aufVorgängerbauten (zwei, wahrscheinlich sogar drei ecclesiae domesticae des 2./3. Jhdt.), einem der ältesten tituli von Trastevere (titulus Crisogoni neben titulus Callisti und titulus Ceaciliae)erbaut. Und entsprechend tief liegen die Ausgrabungen. Über eine Treppe in der Sakristei steigt man hinunter – nach Entrichtung eines kleinen Eintrittsobolus – auf das Niveau der Unterkirche, deren Reste man bei mehreren Grabungen zwischen 1907 bis 1924 zutage förderte.


Gut zu erkennen ist der Grundriss der Vorgängerkirche mit dem Chor- und Altarraum und verblasste, jedoch noch immer schöne Fresken aus dem 8. bis in das 11. Jhdt..



Darunter eines, das den hl. Benedikt bei der Heilung eines Aussätzigen zeigt.



Wunderschön der Marmorsarkophag aus dem 2. Jhdt. mit Motiven aus der Meer-Mythologie. Wem er wohl Raum gab für die letzte Ruhe? Einem reichen Kaufmann, der Geschäfte mit Griechenland machte... Einem Reeder, den es nach Rom verschlagen hatte und der hier verstarb... Sind es Sirenen, die mit ihrer Musik als Helferinnen der Totenklage gelten und ihn auf dem Sarkophag dargestellt begleiten... Aber wahrscheinlicher ist, dass es Nereiden sind, die Seeleuten mit ihrem Spiel unterhielten und Schiffbrüchigen beschützten. Nereiden und geflügelte Putten waren im 2./3. Jhdt. sehr beliebt als „Bootsinsassen“.


Bei den Ausgrabungen stieß man auch auf mehrere gemauerte Becken, bei denen eines davon als Taufbecken verwendet worden sein könnte. Die Vermutungen gehen dahin, dass die Becken ursprünglich zu einer Wäscherei oder Färberei gehört haben, da die ecclesiae domesticae und die Ursprungskirche mitten in einem Handwerkerviertel lagen.

Die jetzige Kirche hat einen schönen Kosmaten-Fußboden und zwei prächtige Säulenreihen, die das Mittelschiff begrenzen. Die Barockausstattung gab Kardinal Scipione Cafferelli-Borghese Anfang des 17. Jhdt. in Auftrag – überall ist der Borghese-Adler und -Drache zu entdecken.

(Sehr gute Bilder zur Kirche habe ich hier entdeckt.)

Wieder ans Tageslicht zurückgekehrt geht auf der weiten Piazza der Blick noch zur Fassade der Kirche S. Agata,


die eine Rolle spielt bei der sommerlichen festa de Noantri: die farbige Holzstatue der „Madonna del Carmine“, der Patronin der Trasteverini, wird an ihrem Festtag im Juli in einer Riesenprozession mit viel Freudenlärm von S. Agata, wo sie aufbewahrt wird, durch die Straßen des Viertels getragen und kehrt für eine Woche in der Basilika S. Crisogono ein, der Kirche der Karmeliter, bevor sie in einer erneuten Prozession nach S. Agata zurückkehrt. Der kürzere Weg wäre ja einfach über die Piazza... aber durch die Straßen des Viertels ist es viel schöner und der Verehrung der Madonna angebrachter. Erinnerungskaleidoskop-Steinchen blitzen auf an ein vergnügtes Volksfest und einen verkorksten Magen nach dem Genuss von Spaghetti alle vongole...

Und darauf einen großen Schluck köstliches kühles Wasser aus dem Nasone an der Piazza vor S. Crisogono.

Der Weg hinauf auf den Grünen Berg gestaltete sich etwas umständlich, da ich der Annahme war, auch ein Bus 116 bringt uns hinauf. Was er auch getan hat, aber nicht auf den Grünen Berg, sondern auf den Gianicolo. Dabei fand ich es erst noch recht schön hinaufgeschaukelt zu werden, vorbei an S. Pietro in Montorio und der Fontana dell'Acqua Paola. Als er allerdings durch das Tor auf das Gelände des Gianicolo fuhr, war mir klar, dass wir aussteigen sollten. Bei einbrechender Dunkelheit sieht alles anders aus, als man es in Erinnerung hat – aber Fußmärsche in Rom sind ja nichts Unbekanntes und als die Mura Gianicolensi bekannte Züge annahm waren wir auch schon – etwas müde und einer kleinen Rast bedürfend - an der Villa Maria angekommen.

Wie könnte man einen Sonntag in Rom beschließen? Der Möglichkeiten sind viele und wir wählten einen klitzekleinen Bummel durch Trastevere, ein Pizza-Abendessen im Cave Canem, mitten im trasteverianischen Gewühle an der Piazza S. Callisto sitzend – wo ehedem ein weiterer der ältesten tituli Trasteveres war ;-) - und konnten uns so anschließend noch rechtzeitig zum Abendgebet der Gemeinschaft Sant'Egidio in S. Maria in Trastevere einfinden.

Die Gemeinschaft Sant'Egidio entstand mitten aus den Studentenunruhen 1968 auf Initiative von Andrea Riccardi (Träger des Karlspreis 2009 der Stadt Aachen, unter Ministerpräsident Mario Monti war Riccardi Minister für Integration und internationale Zusammenarbeit, aber ohne portfolio). Er war damals selbst noch Schüler und wollte zusammen mit einer Gruppe von Gleichgesinnten eine Gemeinschaft gründen mit dem Ziel, gemeinsam auf das Evangelium zu hören und es im alltäglichen Leben umzusetzen. Heute ist daraus eine weltumspannende Comunità geworden, die sich erfolgreich in der Ökumene und der Friedensarbeit in vielen Krisengebieten einsetzt. Der Dienst an Behinderten, Obdachlosen, Kindern aus den Borgate, Kranken und Gefangenen ist ein charakteristischer Aspekt im Leben der Gemeinschaft. Und das, wie vor mehr als vierzig Jahren schon, immer auch noch in Rom. Besonders „berühmt“ ist auch das jährliche Weihnachtsessen mit den Armen, das ihnen in der Basilika S. Maria in Trastevere – was für ein Rahmen für ein Festessen! - aufgetragen wird.

Außer in S. Maria in Trastevere gibt es auch in San Bartolomeo auf der Tiberinsel die Gelegenheit an Gottesdiensten und dem Abendgebet der Comunità Sant'Egidio teilzunehmen. Immer ist jeder herzlich willkommen.


Und auch hier heute wie früher: die wunderschönen Mosaiken der Apsis und des Triumphbogens sind ausgeleuchtet und erstrahlen in ihrem warmen Goldglanz, der ruhige, meditativer Gesang, die Texte der Lesung, die kurze Ansprache und das gemeinsame Gebet. So fühlt man sich auch als Fremder angenommen in dieser herzlichen Atmosphäre, die die Gemeinschaft Sant'Egidio auszeichnet. Es waren relativ wenige Besucher da (sonntags ist am späten Nachmittag ein Gottesdienst, der wohl vom Großteil der Gemeinschaft besucht wird), aber es war ein schöner und richtiger Abschluss dieses Sonntags.



P
 
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Ersteller des Themas #10
Villa Madama:
Renaissance-Juwel am Monte Mario





Die ursprünglich Villa Falcone genannte Villa Madama im Norden Roms wurde im Auftrag von Papst Leo X. Medici und seines Neffen Giulio de Medici zwischen 1518 und 1527 errichtet.​

Die Pläne entwarf kein Geringerer als Raffael, der dazu 1517 den Auftrag erhalten hatte. Nach seinem Tod 1520 setzten seine Mitarbeiter unter Antonio Sangallo dem Jüngeren das Werk fort.​

Als 1521 auch Papst Leo X. starb, kam der Bau zum Erliegen.​

Zahlreiche erhaltene Pläne und Briefe belegen, dass Raffael hier eine Villa plante, die sich an den antiken römischen Villenanlagen orientierte und alle bis dahin bestehenden Villenanlagen der Renaissance, wie die Villa Farnesina, in den Schatten gestellt hätte.​

Es sollte anders kommen und das Werk blieb ein beeindruckender Torso. Beim Sacco di Roma 1527 wurde die Villa geplündert und in Brand gesteckt.​

Nach dem Tod Giulio des Medicis (seit 1523 Papst Clemens VII.) 1534 ging die Villa an Alessandro de Medici, später an dessen Witwe Margarethe von Parma, genannt Madama, die im Palazzo Madama im Stadtzentrum wohnte und daneben die Villa am Monte Mario zur Verfügung hatte.​

Spätere Besitzer waren die Farnese und Karl III. von Spanien, der 1735 König von Neapel wurde. Nach und nach verfiel die Villa, wurde als Stall und Geräteschuppen gebraucht. Die Arkaden der Loggia wurden zugemauert. Bessere Zeiten begannen wieder 1913, als der französische Ingenieur Maurice Bergès die Villa Madama erwarb und Marcello Piacentini mit den Plänen für die Renovierung betraute.​

1925 kaufte der italienische Baron Carlo Dentice di Frasso das Anwesen. Er lebte hier mit seiner amerikanischen Ehefrau Dorothy Caldwell Taylor. Mit dem Geld aus deren Erbschaft wurde die Villa weiter nach den Plänen von Marcello Piacentini renoviert und modernisiert. An dieses Ehepaar erinnert die folgende Tafel im Flur des Erdgeschosses:​


Graf Carlo Dentice di Frasso
und seine Gemahlin Gräfin Dorotea, geborene Caldwell Taylor,
besorgten mit großer Liebe und
auf ihre Kosten die Restaurierung dieses
Monuments, indem sie seinen alten
Glanz erneuerten und bewahrten vor dem sicheren
Verfall die wunderbaren Werke von
Raffaello und seinen Schülern​

1925 1928​


Seit 1941 ist die Villa im Besitz des italienischen Staates. Sie wird vom Aussenministerium beim Besuch ausländischer Staatsgäste genutzt. Auf dem Gelände befindet sich auch die Diplomatenakademie des Aussenministeriums.

Doch kehren wir in die Zeit Raffaels zurück und beginnen wir nach den ersten Eindrücken der Fassade, des Gartens und des Skulpturenschmucks vor der Villa unseren Rundgang durch das Anwesen, Raffaels Traum.



Der Flur ist mit Stuckaturen ausgeschmückt, Grotesken, die wir auch als ein Dekorationselement in der grandiosen Loggia Raffaels wiederfinden. Damals war das goldene Haus Neros entdeckt worden und dessen Grotesken bildeten eine Quelle der Inspiration für die Künstler der Renaissance.​


Die Gartenloggia

Die monumentale Loggia, deren drei Arkaden früher zum Garten und der Natur hin offen waren, heute mit grossen Fenstern verschlossen, ist das prächtige Herz der Villa Madama. Hier zu stehen und zu staunen ist ein unvergessliches Erlebnis. Als Raffael starb, war der Bau der Gartenloggia vollendet. Das Dekorationsprinzip wurde von ihm konzipiert. Entwurf und Ausführung der Stuckaturen, Grotesken und Fresken aber übernahmen danach Giovanni da Udine, Giulio Romano und Baldassare Peruzzi.​

Die Köpfe in den Nacken gelegt konnten wir uns nicht sattsehen am dreiteiligen Gewölbe mit der zentralen Kuppel und den beiden seitlichen Kreuzgewölben:​


Zur Talseite hin hat die Loggia einen geraden Wandabschluss mit einem Lünetten-Fresko, über das noch zu berichten sein wird.​

Zur Hangseite hin endet die Schmalwand in einer Exedra mit Nischen, die zur Aufnahmen von Statuen bestimmt waren.​

Auch die Innenwand weist zwei Exedren mit kassettierten Halbkuppeln auf, in deren Nischen früher Skulpturen aufgestellt waren.​

Die Loggia diente als Statuengalerie, Wandelhalle und Festsaal. Sogar unvollendet war die Villa Falcone oder Vigna del papa bewohnbar, und es sind zahlreiche Aufenthalte von Papst Leo X. und Giulio de Medici belegt.​

Die meisten mythologischen Szenen des Bildprogramms strahlen eine von den Auftraggebern gewollte Heiterkeit aus. Sie lassen sich auf Geschichten antiker Autoren wie Ovid, Statius, Plinius und Philostrat zurückführen.​

Südwestliches Kreuzgewölbe


In den vier Medaillons sind Puttenspiele das Thema. Die Putten tauchen als fleissige Helfer des Bildhauers Dädalus auf, feiern beim Venusfest, spielen mit Schwänen und vergnügen sich beim Schlagballspiel.​


Europa und der Stier
Detail zwischen südwestlichem Kreuzgewölbe und zentraler Kuppel​

Zentrale Kuppel



Hier sind in Form von Allegorien der Kreislauf und die Gewalten der Natur dargestellt. In den sechseckigen Bildfeldern sind die Götter Juno, Jupiter, Pluto, Proserpina und Neptun dargestellt. Sie symbolisieren die vier Elemente Luft, Feuer, Erde und Wasser. In den Stucktondi personifizieren Proserpina, Ceres, Bacchus und ein alter Mann der sich am Feuer wärmt die vier Jahreszeiten, Frühjahr, Sommer, Herbst und Winter.

Nordöstliches Kreuzgewölbe


Die vier Baldassare Peruzzi zugeschriebenen Medaillons zeigen mythologische Szenen. Zwei davon handeln wahrscheinlich vom Aufenthalt des Achilles auf Skyros, eine erzählt die Fabel von Salmakis und Hermaphroditos, eine ist nicht identifiziert, es könnte sich um die Lustbarkeiten eines Bacchanals handeln.​

Lünettenfresko auf der Talseite der Loggia


Es handelt sich hier um ein Werk von Giulio Romano, den Zyklopen Polyphem darstellend. Von Odysseus und seinen Gefährten geblendet liegt der geschlagene Riese in seiner finsteren Höhle, während sich um ihn herum und am Höhleneingang furchtlos kleine Satyrn vergnügen.​

Das Fresko ist in schlechtem Zustand und entspricht teilweise nicht mehr dem Original. Es wurde bereits 1527 beim Brand der Villa schwer in Mitleidenschaft gezogen. Von Vasari wissen wir, dass die Zeitgenossen Romanos das Fresko mit dem ungewöhnlichen Sujet sehr lobten.​

Im Vergleich zu Sebastiano del Piombos früherem Polyphem in der Villa Farnesina wirkt diese Darstellung tragischer.​

Polyphem ist noch einmal Thema in der dem Fresko benachbarten nordöstlichen Wandexedra der Loggia. Dazu später noch mehr. Werfen wir zuerst einen Blick auf die​

Exedra an der Hangseite der Loggia




Schön und auffallend ist vor allem die muschelförmige Kalotte. Sie wird von einem Löwenkopf bekrönt, der von Viktorien umgeben ist und von dem Strahlen ausgehen. Es handelt sich hier wohl um eine Anspielung auf Papst Leo X. Der Kardinalshut unter dem Löwenkopf erinnert hingegen an den Papstneffen Giulio de Medici.​

Die Halbkuppel der daneben liegenden​

südwestlichen Wandexedra


zeigt in ihrem unteren Bereich Stuckaturen vor blauem und grünem Hintergrund.​


Nordwestliche Wandexedra



Der überwiegende Teil der Stuckaturen in der Halbkuppel zeigen noch einmal Szenen aus dem Leben Polyphems. Dargestellt sind u.a. seine Bemühungen der geliebten Galatea zu gefallen. Auf eine dieser Szenen wird später an anderer Stelle en détail eingegangen werden. :nod: ;) :~

Doch Galatea wies Polyphem wegen ihrer Liebe zu dem Jüngling Acis zurück. Die Geschichte endete tragisch: Acis wurde von dem eifersüchtigen Zyklopen erschlagen.

Eines der verblassten Bildfelder in der Wandexedra zeigt Symbole der Familie Medici, den Falken und den Diamantring. (Vgl. Diamond Rings: Medici Emblem)


Die Loggia diente auch der Verherrlichung des Hauses Medici und seines Mäzenatentums.

Wir setzten unseren Weg fort durch die weiteren Räume des Erdgeschosses und gelangten durch diese beiden Salons​




in einen grossen Festsaal mit prächtiger von Giulio Romano ausgemalter Decke:​







Mittelpunkt der Decke ist ein grosses von einer Früchte-Girlande umgebene Wappen der Medici. Links und rechts davon erkennen wir die Himmelswagen der Götter Apoll und Diana, Sinnbilder für Tag und Nacht.

Umgeben ist diese Szene von altrömischen Szenen mit Priestern und Vestalinnen sowie den heraldischen Symbolen der Medici. Auch den Falken mit Diamantring finden wir hier wieder.

Die Tiere sind vor allem Exemplare aus der Menagerie Leos X. Dazu gehören Pfau, Papagei, Strauss, Truthahn, Jaguar und Löwe als Referenz auf Leo X.

Nun gelangen wir in den letzten Raum des Erdgeschosses mit Kamin und Büsten:



Wir hatten Glück und wurden auch ins piano nobile der Villa Madama geführt. Wir erreichten es über eine prächtige Wendeltreppe. Sie liess mich sofort an Borrominis Treppenhaus im Palazzo Barberini denken, ist aber viel jünger. Marcello Piacentini errichtete sie in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts im Auftrag der di Frassos.​




Diese Räume sind noch nicht sehr lange zu besichtigen, erst Ex-Premierminister Mario Monti öffnete sie dem Publikum.​



Folgendes Detail fand natürlich die besondere Aufmerksamkeit einer der Tre a Roma:​



:thumbup: :thumbup:​

Besonders prächtig ist das Esszimmer mit Wandteppichen im Stil der Chinoiserie. Zwischen den goldenen Ranken der Decke tummeln sich wie am Himmel Schmetterlinge und exotische Vögel, welche dem Raum eine wunderbare Leichtigkeit verleihen. Man glaubt das Gezwitscher förmlich zu hören. ;)





Von der Terrasse aus geniesst man einen prachtvollen Blick auf das Olympiastadion und das Foro Italico, Mussolinis monumentalen zwischen 1928 und 1938 errichteten Sportkomplex. Weiter hinten erkennt man Ponte Milvio und Ponte Flaminio. Beugt man sich weit vor, erkennt man auf der Höhe des Monte Mario ebenfalls die vergoldete Madonna di Monte Mario.





Auch Schlafgemächer und das feudale Marmorbad der Contessa bekamen wir hier zu sehen:​


Nach dem Rundgang durch das piano nobile kehrten wir ins Erdgeschoss zurück. Nun hörte man wirklich Vögel zwitschern, denn einladend stand die Tür zum Garten für uns offen.​


Seit unserem Eintreten in die Villa Madama hatte er mich magisch angezogen und aus den Fenstern im Erdgeschoss hatten sich schon ein paar schöne Blicke u. a. auf die grün schimmernde peschiera, den Fischteich geboten.​


Die Gartenterrassse

Die Pläne Raffaels hatten Terrassen bis hinunter zum Tiber vorgesehen. Heute finden wir hier Buchsbaumhecken, efeubewachsene Mauern an der Hangseite und eine Balustrade mit Büsten Caesars und römischer Kaiser. Ein kleiner Brunnen mit der Farnese-Lilie befindet sich in der Nähe der Balustrade. Ein Pfad führt von der Loggia zu einem von zwei steinernen Riesen bewachten Tor. Die Giganten sind ein Werk von Baccio Bandinelli aus dem Jahr 1521.​








Julius Caesar​

Eine doppelte Treppenanlage führt zum Fischteich hinunter:​


Hinter dem Tor mit den beiden Giganten, die früher Lanzen hielten, liegt der leider verschlossene "wilde" Garten. An der Hangseite dieses naturbelassenen Gartens gibt es wie im vorderen Bereich Nischen, die früher Statuen und Brunnen enthielten und eine Art Garten-Museum wie in den Villen römischer Kaiser bildeten. In einem Tälchen am Ende dieses Garten befindet sich ein mit sechs Putten geschmückter Brunnen.​



Schöne Blicke boten sich auch zurück auf die Gartenfassade der Villa Madama:​



Ein letzter Höhepunkt stand uns noch bevor, der Elefantenbrunnen in einer der Nischen der Gartenterrasse:​





Der Brunnen ist ein Werk von Giovanni da Udine und zeigt das Marmorporträt des berühmten und beliebten Elefanten Annone (Hanno). Dieser indische Elephant wurde Papst Leo X. 1514 vom portugiesischen König Manuel I. geschenkt. Das Tier war die grösste Attraktion der päpstlichen Menagerie. Seine Geschichte lasse ich euch hier selbst lesen: Hanno (Elefant)

Die Rückwand der Nische mit dem Brunnen war früher mit Muscheln ausgelegt und erinnert an ein antikes Neptunheiligtum. Die Nischen und Brunnen der Villa Madama wurden zum Vorbild für viele jüngere Villen, u.a. die Villa d'Este in Tivoli.





Venus-Statue in einer Nische der Gartenterrasse​



Abschied von einem zauberhaften Ort​

S
 
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Ein neuer Tag – ein neuer Blick durch das mische Kaleidoskop


Nach dem Blick auf die besonders prächtig glitzernden und funkelnden Steinchen der Madama fahren wir ins Centro storico um dort jeder nach seinem Gusto das Römische Kaleidoskop weiter zu drehen.


Die Kirche Sant'Ivo alla Sapienza mit dem originellen spiralförmigen Turmaufsatz, am Corso Rinascimento gelegen, ist zu dieser Stunde zwar nicht geöffnet, aber den Hof können wir betreten und einfach mal schauen.


Sant'Ivo war als Kapelle für die ehemals päpstliche Universität La Sapienza geplant. Die Kirche sollte sich in den bereits bestehenden Gebäudekomplex der Università einfügen und wurde als Abschluss des länglichen Hofes an dessen Ostseite gebaut. Die Arkadenreihe der den Hof umgebenden Paläste wurde in der Kirchenfassade fortgeführt. Papst Urban VIII., der Borromini zum Architekten und Baumeister der Universitätskapelle ausersehen hatte, war aus der Familie Barberini und trug so die Bienen – Symbol der göttlichen Weisheit - im Papstwappen, die man im Innenhof unter der Dachtraufe als Schmuck am Bau findet.


Apropos Biene: ich habe gelesen, dass auch der Grundriss der Kirche Sant'Ivo als Form einer Biene gedeutet wird. Schon zu Lebzeiten Borrominis legte man ihn so aus, noch dazu, nachdem er im Grundriss eine Biene eingezeichnet hatte.


Vorbei geht es – nicht ohne am Nasone die Wasserflaschen gefüllt zu haben – am Bücherbrunnen mit dem Hirschkopf, Zeichen für das Viertel Sant'Eustachio in dem wir uns gerade befinden,


und an dem riesigen Rund (Durchmesser 5,30 Meter, Gewicht 25 t) des Brunnens an der nächsten Piazzetta.


Dieses Prachtstück von Brunnenschale aus ägyptischem Granit stammt vermutlich aus den Thermen des Nero, die sich in der Antike in dieser Gegend befanden. Noch im Mittelalter kannte man die Concha Sancti Eustachii bevor sie vollkommen verschüttet war und erst Mitte der 1980er Jahre bei Grabungsarbeiten in der Nähe des Palazzo Madama gefunden wurde. Die zum Teil mehrere Tonnen schweren Fundstücke wurden in aufwändiger Restaurationsarbeit wieder zusammengesetzt und vom Senat der Stadt Rom geschenkt. Die wunderschöne Schale ist noch antik, während das achteckige Auffangbecken neueren Datums ist. Leider haben sich in der Schale Risse gebildet, durch die das Wasser wegsickert, so dass den schönen Granit Roststellen überziehen und nicht mehr zutrifft, dass der „Schale Rund, … , sich verschleiernd, überfließt in einer zweiten Schale Grund“.


Dafür „fließen“ die Piazza Rotonda und das Pantheon über von Menschen, die sich auf ersterer tummeln und zweites besichtigen. Da „steppt der Bär“ ;)

rund um den Brunnen von Giacomo della Porta an dem Delphine und Gruselmasken ihr Wasser spucken.


Und wir „flüchten“ erst einmal zu Giolitti. Da diese Gelateria aber noch nie ein „Geheimtipp“ war, tummeln sich auch hier nicht weniger Menschen. Aber an einem Tischchen sitzend kann man dem Treiben um und im Giolitti gut zusehen und während u.a. das köstliche Opera italiana oder Champagnereis (Feigeneis war wieder einmal aus) genossen wird, das römische Erinnerungskaleidoskop drehen lassen.


Das waren noch Zeiten, als man/frau/ich ohne Anstehen an die Theke des Giolitti gehen, sich neben die signori diputati aus dem Palazzo Montecitorio stellen und einen Caffè trinken oder ein Gelato misto bestellen konnte. Der Geräuschpegel war gedämpft, die Minen wichtig und der Gruß lässig, bevor i signori vom nahen Parlament sich wieder zurück in ihre Büros begaben. Was wohl alles bei so einer Espresso-Pause besprochen oder ausgehandelt wurde? Vielleicht erschöpften sich die gestenreichen Gespräche auch in Prognosen, wie das Wetter morgen wird...

Ein weiteres buntes Kaleidoskopmuster tut sich auf im Tazza d'oro, wo es nach dem Eis von Giolitti noch einen Caffè braucht.


Die Säcke voll Kaffeebohnen gibt es noch, aber die Waage in der Ecke nicht mehr. Umso besser: ich gerate nicht in Versuchung mich darauf zu stellen. Der Vergleich mit früher wäre nicht so lustig. Dafür gibt es aber auch im Tazza d'oro nun mehr Touristen als früher, jedoch der Caffè schmeckt wieder und immer noch sehr gut: „Heiß wie die Hölle, süß wie die Liebe und schwarz wie die Nacht“ – so soll er sein, der Espresso.


Auf den weiteren altbekannten Wegen durch das Viertel Pigna gelangen wir zur Kirche S. Maria sopra Minerva, der wir natürlich einen, wenn auch kurzen Besuch abstatten, grüßen „Beli“, Berninis kleinen aber starken Elefanten, der den kleinsten Obelisken Roms (wenn man das noch kleinere Bruchstück eines Obelisken in der Villa Celimontana nicht zählt) auf seinem, mit einer schönen Troddeldecke geschützten Rücken trägt.


Papst Alexander VII., der Bernini den Auftrag für den „Pulcino della Minerva “ erteilte, besaß das Buch Hypnerotomachia Poliphili, in dem eine Vielzahl von Holzschnitten abgebildet waren u.a. eine "elephantina machina", ein Elefant der einen Obelisken trägt. Alexander VII. war ein Bewunderer der „Weisheit Ägyptens“ und inspiriert von der Symbolik, die im alten Ägypten der Obelisk („Strahl der göttlichen Sonne“) und der Elefant (die Erde, die mit dem vom Himmel fallenden Wasser genährt wird, das der Elefant mit seinem Rüssel aufnimmt) hatten, sollte auch „sein Elefant“ so symbolträchtig sein: durch den „göttlichen Sonnenstrahl“ und die „himmlische Nahrung“ kann in der Erde (repräsentiert durch den starken Elefanten) Leben entstehen. So habe ich es gelesen in "Roma insolita e segreta" - aber bis jetzt den „Pulcino“ nicht unter diesem Aspekt betrachtet. Selbst der Kosename „Pulcino“ (Küken), den ihm das römische popolino verpasst hat, ist eine Verballhornung und geht auf „Porcino“ (kleines Schwein) zurück. „Il porcino della Minerva“ sollen die Leute gerufen haben, als er am 11. Juli 1667 aufgestellt worden war. War es, weil man noch keine Elefanten zu Gesicht bekommen hatte oder weil „Beli“ - warum heißt er eigentlich hier im Forum so? - an ein Schweinchen denken ließ (siehe sein Hinterteil, das er dem Dominikanerkonvent zuwendet). Die Dominikaner sind die Hausherren in S. Maria sopra Minerva und die Ansichten, wie der kleine Elefant mit dem Obelisken auszusehen habe, scheinen nicht immer klar gewesen zu sein, zwischen dem zuständigen Dominikaner-Padre und dem Künstler. So könnte man die Inschrift auf dem Sockel „Sapientis Aegypti/ insculptas obelisco figuras/ ab elephanto/ belluarum fortissima/ gestari quisquis hic vides/ documentum intellige/ robustae mentis esse/ solidam sapientiam sustinere“ über die ganzen favole des kleinen Elefanten mit dem Obelisken stellen: es bedarf eines starken Geistes um eine solide Wahrheit zu ertragen.


Weiter führt unser Weg ins Viertel Parione zur Piazza Navona – immer wieder schön, auch wenn sie übervölkert ist mit Touristen, Straßenkünstlern, Verkäufern dieser Kunst und ;) Gauklern -, wo ich mein Erinnerungskaleidoskop nur schnell und nur für mich drehe,


weiter über den Campo de' Fiori – hier werden gerade die letzten Marktstände abgebaut, aber wir wollen uns dort sowieso nicht aufhalten – und wir wechseln in den Rione Regola zur Piazza Farnese. Hier halten wir inne: das Platzensemble ist schön wie immer, der grandiose Palazzo Farnese, die beiden Badewannen aus den Caracalla-Thermen auf Veranlassung der Familie Farnese hier aufgestellt und zu Brunnen umfunktioniert.

Wir betreten die Kirche Santa Brigida, die Nationalkirche der Schweden, die vielleicht kunsthistorisch nicht so interessant ist, auf die ich aber neugierig bin. Die Nonnen des Brigittenorden in ihrer etwas seltsamen Tracht („grauen Habit mit schwarzem Schleier, darüber eine Leinenkrone aus drei weißen Leinenbinden mit fünf roten Punkten, die die fünf Wundmale Christi symbolisieren“) beten gerade ihr Stundengebet. Um nicht zu stören setzen wir uns in die letzte Stuhlreihe und halten kurz inne. Der Bezug zu dieser Kirche ist Altomünster im Landkreis Dachau, wo es noch das einzige Kloster des seit dem Mittelalter bestehenden alten Zweiges des Brigittenordens in Deutschland gibt. Jedoch auch dort gibt es nur noch wenige und an Lebensjahren alte Schwestern dieses Ordens.

Fresko (ca. 1709) des Langhauses der Kirche Santa Brigida:
"Glorie der hl. Brigitta"

Aber nun möchte ich doch noch ein wenig das Erinnerungskaleidoskop drehen und mich an den aufblitzenden bunten Farben erfreuen.


Die Via Giulia, die parallel zum Tiber verläuft, war für mich immer eine besondere Straße. Papst Julius II. - der kunstsinnige und zugleich auch als il papa terribile gefürchtete Pontifex, der alle namhaften Künstler seiner Zeit nach Rom berief - wollte diese ehemalige Prachtstraße und auf sein Geheiß hin wurde sie von Bramante geplant. Die schnurgerade, einen Kilometer lange Straße ist zum größten Teil von schönen Renaissancepalästen gesäumt und lädt ein zu einem ruhigen Spaziergang gerade mal einen Steinwurf von der Hektik des römischen Verkehrs entfernt. Geschwungene Kirchenfassaden, Antiquitätengeschäfte und Werkstätten von Möbelrestauratoren wechseln sich ab mit den noblen Palazzi, in deren Innenhöfe sich – wo es erlaubt ist - ein Blick lohnt.

Wir gehen zuerst ganz an den Anfang der Via Giulia, um die Kirche zu finden, in der Vinzenz Pallaotti bestattet ist. Vinzenz Pallotti wurde 1795 in Rom in der Nähe des Campo de'Fiori geboren und hat die Altstadt sein Leben lang nicht verlassen. Sein pastoraler Einsatz galt den Armen und Schwachen in seiner Nachbarschaft. Er wurde auch mit dem Dienst in Spirito Santo dei Napoletani in der Via Giulia betraut und war ein gefragter Spiritual, auch beim römischen Adel. Er starb am 22. Januar 1850 im Haus neben der Kirche San Salvatore in Onda. Papst Johannes XXIII. sprach ihn während des Zweiten Vatikanischen Konzils am 20. Januar 1963 heilig.


Die kleine, versteckt in einer Seitenstraße liegende Kirche San Salvatore in Onda muss man sicherlich nicht unbedingt gesehen haben, aber ich wollte sie aufsuchen, um hier am Erinnerungskaleidoskop zu drehen und an einen lieben Menschen bei den Pallottinerinnen zu denken. Und siehe da: Ein alter Pallottiner-Pater tat still an seinem Platz „Kirchendiener-Dienst“, begrüßte uns nach einer Weile sehr freundlich und erleichtert, sich mit uns in deutsch unterhalten zu können. Der gebürtige Unterfranke, der über 30 Jahre in Brasilien war und nach einer „Sabbat“-Zeit hier im umtriebigen (chaotischen) Rom nächstes Jahr wieder – sehr gerne 8O – zurückgeht, kannte auch Sr. H.aus L.! Und wir haben zusammen herzlich gelacht über die Anekdote, die sie uns einmal erzählt hatte, als Elisabeth Kübler-Ross die „Gesellschaft des Katholischen Apostolates“, deren Abkürzung SAC lautet, als „Schweizer Alpen Club“ deutete.

Ende Oktober setzt die Dämmerung früh ein, die passeggiata durch die Via Giulia wird zum Abendspaziergang und so streifen wir nur ein paar der Sehenswürdigkeiten.


Der als Fotomotiv beliebte Brückenbogen wird Michelangelo zugeschrieben und könnte der einzige fertiggestellte Abschnitt eines Brückenprojekts sein, der angeblich den Palazzo Farnese diesseits des Tibers mit der jenseits gelegenen Farnesina verbinden sollte. Der gewaltige Plan ist in den Anfängen stecken geblieben.


Ein Blick „über den Zaun“ in den Garten und auf die von der Abendsonne angeleuchtete Gartenfassade des Palazzo Farnese.

An der gegenüberliegenden Straßenseite die Fontana del Mascherone – eine große Brunnenwanne, darüber ein zierliches Becken und ein steinernes Fratzengesicht, aus dessen Mundöffnung bei prächtigen Straßenfesten, die in der Via Giulia auch stattfanden, auf Veranlassung der Familie Farnese schon mal Wein statt Wasser gesprudelt sein soll.


Die Hausnummern in der Via Giulia laufen bunt durcheinander, gerade und ungerade, rauf und runter auf jeder Straßenseite – und so befinden wir uns jetzt mitten im Straßenverlauf bei Nr. 1. Der dazugehörige Palazzo Falconieri aus dem 17. Jhdt., Fassade von Borromini, hat einen kleinen idyllischen Hofgarten zur Tiberseite hin.


Heute ist der Palazzo Sitz der Ungarischen Akademie, worauf auch die „Patrona Hungariae“ mit dem Kind auf dem Mosaik im Eingangsbereich hinweist,


während auf dem Schlussstein des Portals der Falke zu sehen ist, das Emblem der Falconieri.

Vor den „neuen Gefängnissen“ in Nr. 52 (sie entstanden auf Anweisung von Papst Innozenz X. und waren Mitte des 17. Jhdt. die ersten einigermaßen humanen Gefängnisse der Welt), in denen die Direzione Nazionale Antimafia untergebracht ist, ist ein großer Auflauf von Polizei und schwarzen Limousinen mit gelangweilt davor wartenden Fahrern – ob hier wohl Wichtiges in Sachen Antimafia besprochen, beraten und beschlossen wird? - Ein Foto zu schießen erschien nicht angebracht ...


Die nächste Seitenstraße links - Moment mal - hier biegen wir ab - Via del Gonfalone – am Ende der kleinen Straße zum Tiber hinab befindet sich das Oratorio del Gonfalone.
Ehemals eine Kirche ist es jetzt ein Ort, an dem Konzerte stattfinden. Der Kirchenraum ist ausgestattet mit beeindruckenden Fresken, die Szenen aus dem Leben und der Passion Christi darstellen, ausgeführt von Zuccari u.a. Künstlern, die Mitte des 16. Jhdt. in Rom tätig waren. Eine Besichtigung ist nur möglich nach Anmeldung oder bei einem Konzertbesuch. - Und hier dreht sich wieder mein Erinnerungskaleidoskop und bringt glitzernde Farbsplitter hervor.


Ich hatte das Glück im Oratorio del Gonfalone so manches Konzert hören zu dürfen – das jedoch in einer Zeit, in der ich den Kunstgenuss des Raumes noch nicht so richtig zu würdigen wusste. :blush: :uhoh: 8O

Über dem Eingangsportal erkennt man ein kleines Relief, das die Madonna della Misericordia – also eine Schutzmantelmadonna – darstellt. Sie war Patronin der Bruderschaft der Gonfalone.


Diese Bruderschaft kümmerte sich um die Freilassung und Wiedereingliederung von Inhaftierten und hatte das Privileg in einer Kapelle beim Kolosseum eine Art Passionsspiele aufzuführen, die jedoch von Papst Paul III. 1539 verboten werden mussten, da die Zuschauer sich so sehr vom Schauspiel hinreißen ließen, dass sie gegen die Peiniger Christi gewalttätig wurden. Vielleicht deswegen die Ausmalung des Oratoriums mit starken Darstellungen der Passion Christi...

Zurück auf der Via Giulia würden die (steinernen) Sofas zur Rast einladen, wenn die Plätze daneben nicht schon von Gästen des Hotels im dazu gehörenden Palazzo besetzt wären. Die ausladenden Quadersteinblöcke sind Überbleibsel eines geplanten, aber nicht ausgeführten Bauprojektes von Julius II. Angeblich sollte hier die Curia Iulia entstehen, ein riesiger Palast, in dem alle römischen Gerichte untergebracht werden sollten.


Die Nr. 66 der Via Giulia, der Palazzo Sacchetti: ein mächtiger Palast mit einer langen Baugeschichte. Hatte ihn wirklich Antonio da Sangallo nach seiner Vermählung mit der florentinischen Patrizierin Isabella Deti für seine Familie geplant, wie eine Inschrift an der Fassade andeutet? - bis er endlich 1649 an die aus Florenz stammenden Marchesi Sacchetti kam, deren Nachfahren den Palast noch heute bewohnen, auch wenn Teile davon anderweitig vermietet sind.
Emile Zola hat diesen Palazzo, in dem ein Großteil seines Romanes „Rom“ spielt, so beschrieben: „Das regelmäßige, vom Alter geschwärzte, kahle und massive Haus machte ihn etwas beklommen (…) Die Fassade, gegen die Straße zu ungeheuer breit und viereckig, bestand aus drei Stockwerken; das erste Stockwerk war sehr hoch, sehr vornehm. Statt jeden Schmucks ruhten die hohen, wohl aus Furcht vor einer Belagerung mit ungeheuren, vorspringenden Gittern versehenen Fenster des Erdgeschosses auf großen Konsolen...“



Wenn ich mein Erinnerungskaleidoskop drehe, dann tauchen Farbsplitter auf, dunklere als leichte Beklommenheit, wenn wir abends vorsichtig und leise die breite Herrschaftstreppe hochgeschlichen sind – schon Ingeborg Bachmann hatte sie geschätzt („ Ich habe mir immer ein Haus wie dieses hier gewünscht, gegen das kein Sturm ankommt,“ sagte sie … „das Treppenhaus ist besonders schön. Die Stufen sind so gemauert, dass man bequeme Schritte machen kann.“ aus „Über Ingeborg Bachmann II - Porträts, Aufsätze, Besprechungen 1952 - 1992“, Hg. von Michael Schardt) - und bunte helle Glitzersteinchen, wenn wir im „Dachstübchen“ mit einer lieben Freundin bei einem oder zwei Glas gutem Rotwein saßen... - Aber ich erinnere mich nicht, die herrlichen Fresken, die die Salons des Palazzo zieren, gesehen zu haben.

In jüngerer Vergangenheit gelangte der Palazzo Sacchetti noch anders in den Blick der Öffentlichkeit. Ingeborg Bachmann, die österreichische Schriftstellerin, die bereits Jahre zuvor mit Max Frisch im Palazzo Nr. 101 schräg gegenüber gewohnt hatte, erlitt im Palazzo Sacchetti, in dem sie seit 1971 ein Appartement bewohnte, in der Nacht vom 25. auf den 26. September 1973 den furchtbaren Brandunfall, an dessen Folgen sie dann am 17. Oktober 73 im römischen Krankenhaus Sant'Eugenio starb.



Ein kurzer Blick in den Innenhof – der Portiere kam aus dem schönen Gärtchen, das zur Tiberseite hin gelegen ist, zu seiner Portiersloge zurück und verwehrte weiteres „Eintreten“ mit einem freundlichen aber entschiedenen Kopfschütteln. Und so ist es also auch hier beim Palazzo Sacchetti so wie bei meisten anderen Renaissancepalazzi der Via Giulia:

die schönen Innenhöfe und Gärten dazu sind selten einsehbar oder zugänglich. Auf der anderen Seite verständlich: ich möchte auch nicht, dass jeder in meinen Vorgarten kommt und Fotos macht.

Den Abschluss unseres Spaziergangs durch die Via Giulia bildet ein Besuch in der Kirche San Giovanni dei Fiorentini. Sie war (und ist) die Nationalkirche der Florentiner in Rom, die wohlhabend und einflussreich waren und so prädestiniert um vor allem im Bankgewerbe und hier für die Päpste tätig zu sein.


Am Bau der prächtigen Kirche waren bedeutende Architekten und Baumeister beteiligt, von Sangallo bis della Porta und Maderno. Fast hundert Jahre, von 1518 bis 1614, wurde an der Kirche gebaut, die Fassade wurde sogar erst 1733/34 fertiggestellt.
Auch die Ausgestaltung des Kircheninneren wurde von etlichen Mitgliedern der damaligen römischen „Künstlerelite“ vorgenommen. Leider sehen wir davon nicht mehr so viel. Der Innenraum ist in Dämmerlicht getaucht, die schönen Altäre, Grab- und anderen Denkmälern nur noch bedingt zu sehen. (Apropos: Diese Kirche ist auch die Grablege der Sacchettis, die bereits von Dante in der „Göttlichen Komödie“ erwähnt wurden. Der zuletzt verstorbene Nachfahre, Giulio Sacchetti, fand ebenfalls hier seine letzte Ruhestätte.) Entdeckt haben wir die Gedenktafel für den ewig mit Bernini in Wettstreit liegenden, an sich zweifelnden und depressiv gewordenen Francesco Borromini, der sich das Leben nahm und im Grab von Carlo Maderno, dem Erbauer der Kuppel von San Giovanni dei Fiorentini, beigesetzt wurde. Selbsttötung war seinerzeit geächtet, vielleicht wurde Francesco Borromini, dieser großartige Baumeister, deshalb ohne viel Prunk zu seinem Onkel ins Grab gelegt.

In der Kirche ist es dämmrig und sehr ruhig. Ein paar stille Beter knien vor den Altären und der Kirchendiener ist dabei, die vielen Kerzenständer von den Wachsresten zu befreien. Leise um nicht zu stören schlüpfen wir hinter den Hauptaltar und steigen die Treppe zur Krypta hinab.





Dieser klare ovale Raum, der von Borromini entworfen und ausgeführt wurde und Gräber der Familie Falconieri – ihren Palazzo haben wir in der Via Giulia gesehen – enthält, strahlt eine feine, anmutige Leichtigkeit aus und gilt mit Recht als „kleines Meisterwerk Borrominis“.


Zufrieden verlassen wir die Kirche der Florentiner.

Den Rückweg auf den Grünen Berg bewältigten wir mit dem gut gefüllten 870er Bus. Am Kinderhospital Bambino Gesù sind die meisten Fahrgäste ausgestiegen (auch die kleine indische Familie, die Frau im Sari mit Rollkoffer und Kinderwagen und der Papa mit kunstvoll gewickelten Turban auf dem Kopf und dem weinenden Kleinkind auf dem Arm) – und man sah auch warum: welcher Andrang dort oben an den verschiedenen Eingängen zum Kinderkrankenhaus. Wie viele kranke Kinder wollen jeden Abend besucht und getröstet werden... Der Bus fuhr über den abendlichen Gianicolo und es bot sich uns zum Abschluss des Tages ein wunderschöner Blick auf das Lichtermeer von Rom.

P
 
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Von S. Maria sopra Minerva
zum Chiostro del Bramante

Den ersten Teil des nachmittäglichen Programms an diesem 28.10.2013 hat Pasquetta bereits sehr schön beschrieben. Ich begnüge mich mit ein paar zusätzlichen Bildern:


S. Ivo alla Sapienza


Giolitti und Tazza d'oro


Piazza della Minerva

Santa Maria sopra Minerva

habe ich schon ungezählte Male besucht. Heute steuerte ich zielsicher dieses auf eine Holztafel gemalte Gemälde von Antoniazzo Romano, eigentlich Antonio di Benedetto Aquilio degli Aquili (1430 bis 1508 oder 1512) an:​


Verkündigung​

Ungewöhnlich an diesem Spätwerk A. Romanos ist, dass man zwischen dem Erzengel Gabriel und der Muttergottes auf goldfarbenem Grund Kardinal Juan de Torquemada (1388 bis 1468 ) erkennt, der Maria drei Mädchen zuführt. Er war Mitglied einer Gemeinschaft, die armen Mädchen eine Mitgift zur Verfügung stellte. Torquemada, der Onkel des Grossinquisitors Tomás de Torquemada, ist in Santa Maria sopra Minerva beerdigt.​

Zu meinem grossen Leidwesen war mir nicht das Glück beschieden, die grosse Antoniazzo Romano Pictor Urbis-Ausstellung im Palazzo Barberini besuchen zu können. Sie begann erst drei Tage später am Morgen meiner Abreise aus Rom.

Claude hat die Ausstellung besucht und kann sich nicht daran erinnern die Verkündigung aus S. Maria sopra Minerva dort gesehen zu haben, also gehe ich davon aus, dass wir das Original gesehen haben.

Was ich zu diesem Zeitpunkt nicht wusste ist, dass sich hinter der Sakristei von Santa Maria sopra Minerva die sogenannte Camera di S. Caterina di Siena befindet. 1630 liess Kardinal Antonio Barberini auf seine Kosten grosse Teile des Sterbezimmers der Heiligen Katharina von Siena nach Santa Maria sopra Minerva transferieren. An den Wänden Fresken von Antoniazzo Romano, darunter eine schlichtere aber sehr ähnliche Verkündigungsszene. Siehe hier. Auch eine Kreuzigungsszene gehört zu diesen Werken. Siehe hier. Diese Fresken wurden aus Anlass der Ausstellung restauriert und sind dort zu sehen.​

Bekannt hingegen war mir seit Juni 2012 die wunderschöne Verkündigungszene A. Romanos in S. Onofrio:​


Wir verliessen S. Maria sopra Minerva nicht ohne dem Christus von Michelangelo einen Besuch abgestattet zu haben.​




Vor S. Maria sopra Minerva trennten sich die Wege der Tre a Roma für den Rest des Nachmittags. Claude und ich gingen zur Piazza della Rotonda,​


weiter zur Piazza Navona und Santa Maria della Pace. Unser Ziel war der​

Chiostro del Bramante

Dort hatten wir vor die Kleopatra-Ausstellung anzuschauen.


Der zur Kirche Santa Maria della Pace gehörende Kreuzgang war das erste Werk des aus Mailand kommenden Donato Bramante in Rom. Er gilt als Begründer der Hochrenaissance in der Ewigen Stadt.

In Neapel knüpfte er Kontakt zu Kardinal Oliviero Carafa, einem Freund des Mailänder Erzbischofs. Dieser beauftragte ihn 1500 mit dem Entwurf und dem Bau eines Kreuzganges für die Kirche Sta. Maria della Pace in Rom. Bramante arbeitete bis 1503/04 an diesem zweigeschossigen Kreuzgang; im unteren Stockwerk tragen mächtige Pfeiler, denen ionische Pilaster vorgeblendet sind, Rundbögen, so dass eine Arkadenarchitektur nach dem Vorbild antiker römischer Bauten entstand. Im Obergeschoss erheben sich abwechselnd Pfeiler und schlanke Säulen, über denen in gerader Linie das Gebälk ruht. Die Säulen des Obergeschosses stehen jeweils über der Mitte eines Arkadenbogens vom Untergeschoss und halbieren ihn damit. Die Anlage in der Formensprache der Antike wirkt ruhig und strahlt Würde aus.

Kardinal Oliviero Carafa hatten wir eben erst in Santa Maria sopra Minerva im wunderschönen Freskenzyklus von Filippino Lippi in der Cappella Carafa getroffen. ;)


In dieser weiteren Verkündigungsszene erkennen wir rechts Thomas von Aquin und den knienden Kardinal Carafa.

Rings um den Chiostro del Bramante verläuft die Inschrift

DEO OPT MAX ET DIVE MARIE VIRGINI GLORIOSE DEIPARE
CANONICIS QZ REGVLARIBVS CONGREGATIONIS LATERANENSIS
OLIVIERVS CARRAPHA EPS HOSTIENSIS CARD NEAPOLITAN
PIE A FVNDAMENTIS EREXIT ANNO SALVTIS CRISTIANE MDIIII

Dem besten und grössten Gott und der seligen Jungfrau Maria, der glorreichen Muttergottes
für die Lateranensischen Chorherren errichtete dies
Oliviero Carafa, Bischof von Neapel,
von Grund auf im Jahre des Heils 1504



Oft und gerne habe ich hier bereits Ausstellungen besucht und in der ersten Etage im Caffè del Chiostro oder auf den steinernen Sitzen Platz genommen und die schöne Atmosphäre genossen. Seit einiger Zeit gibt es nun auch die Sala delle Sibille, von der aus man auf das Sibyllen-Fresko Raffaels in Santa Maria della Pace hinunterblicken kann. Siehe: Römisches Mai-Wochenende mit "Cortili aperti" - Seite 14


Diesmal hatte ich mir vorgenommen endlich den Fresken im Kreuzgang mehr Aufmerksamkeit zu schenken.

Da ich als erste die Ausstellungsräume verliess hatte ich schon einige Photos gemacht als Claude kam. Gemeinsam hatten wir unsere Freude daran weitere Szenen zu indentifizieren.

Drei der vier Flügel des Innenhofs oder Kreuzgangs sind mit Szenen aus dem Leben Mariens dekoriert. Im vierten, dem Westflügel, finden sich Szenen aus der Geschichte des alten Muttergottesbildes welches über dem Hauptaltar von Santa Maria della Pace zu sehen ist. Siehe hier und hier in der Galerie der Foristi tre grazie ed un patta. 8) :thumbup:

Die Vorstellung der einzelnen Fresken folgt gleich anschliessend im nächsten Berichtsteil.

S
 
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Fresken im Chiostro del Bramante

Szenen aus dem Leben Mariens

Im Nordflügel:​

Geburt Mariens​



Darstellung im Tempel​



Muttergottes mit Heiligen​



Vermählung der Jungfrau Maria​



Im Ostflügel:​

Mariä Heimsuchung​



Die Geburt Jesu​



Darstellung Jesu im Tempel​



Anbetung der Heiligen drei Könige​



Zweite Darstellung im Tempel​


Der zwölfjährige Jesus im Tempel​



Im Südflügel:​

Die Hochzeit zu Kana​



Die Beweinung Jesu​



Die Tröstung​



Der Tod Mariens​



Die Himmelfahrt Mariens​



Die Krönung Mariens​



Im Westflügel:​

Ereignisse um das Gnadenbild von S. Maria della Pace

Zur Zeit von Papst Sixtus IV., um 1480, begann das Bild Wunder zu wirken. Es befand sich damals im Portikus des Vorgängerbaues von Santa Maria della Pace, einer kleinen Kirche namens Sant’Andrea de Acquarenariis, einer dem Heiligen Andreas geweihten Kirche der Wasserträger und –verkäufer. Ein erboster Ballspieler verkraftete seine Niederlage nicht und warf einen Stein nach dem Gemälde.

Das von Steinen getroffene Muttergottesbild blutet​



Nach der Pazzi-Verschwörung 1478, herrschte Kriegsgefahr und eine gespannte Situation zwischen Rom und Florenz. Papst Sixtus IV. flehte die Madonna um Hilfe in dieser politischen Angelegenheit an und legte ein Gelübde ab, demzufolge er versprach eine neue Kirche zu erbauen wenn er erhört und der Frieden gewahrt bleiben würde.​

Papst Sixtus IV. betet vor dem Marienbild und erfleht den Frieden​



Im Dezember 1482 schlossen Mailand, Neapel, Florenz und der Papst Frieden. Einen Tag später zog eine Prozession zur Kirche und der Papst benannte die Kirche in Santa Maria della Pace um. Bald darauf begann der Neubau der Kirche.

Sixtus IV. legt den Grundstein für die neue Kirche S. Maria della Pace​



Die Kanoniker nehmen Besitz vom Kloster​



Beim Kirchenneubau war das wundertätige Madonnenbild zunächst an seiner ursprünglichen Stelle in der alten Aussenwand geblieben. Diese wurde in der neuen Kirche zur Innenwand. Etwas später, wahrscheinlich 1486, wurde das Bild auf den Altar unter der Kuppel von S. Maria della Pace übertragen. Dafür sorgte Papst Innozenz VIII., welcher dem Madonnenbild ebenfalls die Erhörung eines Gebetes zu verdanken hatte.​

Das wundertätige Bild wird von Papst Innozenz VIII. auf den Altar von S. Maria della Pace übertragen​



Der Autor dieser mit viel Liebe zum Detail gemalten Fresken ist unbekannt geblieben.​

Nachdem wir die Fresken so ausführlich betrachtet hatten brach die Dunkelheit herein:​


Am Caffè della Pace entlang​


gingen wir zur Piazza Navona und kehrten vom Largo Argentina mit Tram und Bus zu unserem Quartier auf dem Gianicolo zurück.​




S
 
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