S. Maria in Trastevere
Kapitel 4
Die nächste Etappe führte uns zu S. Maria in Trastevere. Die erste Basilika geht auf Papst Julius I. (337-352) zurück. Doch bereits vorher hatte es hier einen Titulus des Papstes Calixt I. (217-222) gegeben. Davon ist allerdings in dem heutigen Bau nichts übriggeblieben (jedenfalls nichts, das man sehen könnte).
Der jetzt zu sehende Bau ist der größte römische Kirchenbau des 12. Jh. in Rom. Er ist Innozenz II. (1130-43) zu verdanken, der sich erst nach dem Tode seines Rivalen in Rom durchsetzen und seinem Kirchenbau widmen konnte. Uns interessierten in dem Zusammenhang besonders die herrlichen Mosaiken des 12. und 13. Jhs.
Laut Plinius waren Erfinder der
Mosaikkunst die Griechen. Verwendung fand diese Form der Baudekoration zunächst auf Fußböden, auf denen nicht zugeschnittene Kieselsteine ornamentartig verlegt wurden. Später wurden sie als „tesserae“ in Form geschnitten. Wer die Mosaiken aus Piazza Armerina (Sizilien) aus eigener Anschauung kennt, wird sich über den Unterschied wundern, der sich zu Abbildungen in Reiseführern oder Kunstbüchern ergibt. Für die Photoaufnahmen werden die Mosaiken mit Wasser besprüht, was die Leuchtkraft der Farben erhöht. Das war auch schon in der Antike vorgesehen: Idealerweise waren die Mosaiken mit einem flachen Wasserspiegel bedeckt, unter dem die Farben strahlten. So war es etwa bei dem schönsten mir bekannten Fischmosaik aus der grotta delle sorti in Praeneste, das leider nur noch in kümmerlichen Resten erhalten ist, wozu auch die Zöglinge des Priesterseminars in Palestrina beigetragen haben, die die Grotte als Fußballtor benutzten :thumbdown.
Ein vergleichbarer Effekt wurde später dadurch erzielt, dass man Tesserae aus Glas (das vergrößerte auch die Farbpalette) benutzte bzw.die Kiesel glasierte. Nun wurden Mosaiken auch benutzt, um Wand- oder Gewölbeflächen damit zu schmücken. Mosaiken fanden allerdings erst spät in Kulträumen Verwendung, in der frühchristlichen Kunst blieben sie zunächst selten und von kleinem Format.
Dies änderte sich mit den ersten großen christlichen Basiliken in konstantinischer Zeit. Seit der Mitte des 4. Jh. findet man
Mosaiken in Kirchenräumen und sie dienten dem Schmuck des liturgischen Zentrums, der Apsis. Dort wurden sie monumental, denn im Prinzip ersetzten sie als Blickfang das Kultbild des heidnischen Tempels. Dementsprechend hatten sie zuerst auch weniger eine Erzählung zum Inhalt, sondern eher zeremoniellen Charakter, was ein Vergleich der ältesten Mosaikbilder mit der Kaiserikonographie zeigt (ich komme an anderer Stelle darauf zurück). Es wäre schön gewesen, wenn wir eine Mosaiktour durch Rom hätten machen können, die mehr oder weniger chronologisch gewesen wäre. Aber die Zeitökonomie bringt gewisse Sachzwänge mit sich.
In S. Maria in Trastevere begegnen wir einer Renaissance der Mosaikkunst im Italien des 12. Jh. die ihren Ausgang von der Neuerrichtung von der Klosterkirche von Montecassino nahm. Hier wurde weniger an byzantinische Vorbilder angeknüpft als an frühchristliche und frühmittelalterliche Motive. So findet man in Rom beispielsweise Mosaiken nicht im gesamten Kirchenraum wie in Sizilien oder im Veneto, sondern in der Apsis und (eher selten) an den Wänden des Langhauses.
In der Apsiskomposition von S. Maria in Trastevere (1140-1143) wird ein völlig neues Bildthema in Rom eingeführt: im Zentrum sitzt neben Christus Maria auf dem himmlischen Thron, angetan mit einem prächtigen Ornat (also als Maria Regina). Die leichte Asymmetrie der Figuren dient dazu, Christus den Platz in Mitte der Apsis vorzubehalten. Er umarmt Maria mit der Rechten, während das Buch in seiner Linken eine Stelle aus dem Hohen Lied (4, 8 ) zitiert: Veni electa mea et ponam te in thronum meum. Dem antwortet das Schriftband Mariens: Leva eius sub capite meo et dex[t]era illius amplesabit[ur] me (Hld 2,6; 8,3). Wenn man die Gesichter genau betrachtet, so kann man sehen, dass die Gesichtszüge Mariens von denen der anderen Figuren des Mosaiks abweichen. Der Grund dafür wird darin gesehen, dass das Vorbild die älteste Marienikone Roms gewesen sein dürfte, die in S. Maria Nova (heute: S. Francesca Romana).
Das neue Thema hängt zusammen mit dem Aufschwung der Marienverehrung, die nördlich der Alpen (vgl.die gotischen Portale in Frankreich) schon weiter verbreitet war und die von Zisterziensern und Prämonstratensern gefördert wurde. Das Bild dieser Szene, das Maria mit der Braut im Hohenlied identifiziert geht auf den Kommentar des Rupert von Deutz zurück und begegnet auch in der Buchmalerei.
Innozenz II - Laurentius - Calixt I.
Petrus - Cornelius - Julius I. - Calepodius
Neben dem Thron findet man 6 Heilige und den Stifter der Kirche. Links (also zur Rechten Christi) Petrus, neben ihm stellen die Päpste Cornelius, Julius I. und Calepodius den lokalen Bezug her: Julius der Bauherr der Vorgängerkirche, von den beiden anderen sind die Reliquien in der Kirche verwahrt. Rechts haben wir Calixt I., Laurentius und, mit dem Kirchenmodell als Stifter kenntlich gemacht, Innozenz II. Den oberen oberen Abschluß bildet ein Himmelsgewölbe mit der Hand Gottes, die Christus den Siegeskranz reicht, wie man es aus S. Clemente kennt. Als unteren Abschluß hat man aus der frühchristlichen Kunst stammende Motive: den Lämmerfries und die Städte Bethlehem und Jerusalem.
Im Apsisbogen sind ebenfalls frühchristliche mit mittelalterlichen Motiven vereint. Im Mittelpunkt Alpha und Omega, links und rechts davon die sieben Leuchter der Apokalypse, die Evangelistensymbole. Neben den Propheten Jesaja und Jeremia findet man dort auch einen Käfig, in dem ein Vogel gefangen ist - als Bild für die im Körper gefesselte Seele - neben Seligkeit verheißenden Symbolen (leider habe ich davon kein Bild). Auch hier lässt die Ikonographie Parallelen zu S. Clemente erkennen.
Dieses Apsismosaik wurde im 13. Jh. durch Pietro Cavallini ergänzt, wobei Anlaß der Erweiterung das etwas frühere Apsismosaik von S. Maria Maggiore gewesen sein dürfte. Nikolaus IV., der erste Franziskaner auf der Cathedra Petri, hatte dort die Apsismosaiken erneuern lassen – Hauptthema ist hier die Marienkrönung (die zeitlich nach dem oben beschriebenen Mosaik anzusetzen ist), ein Motiv, das wir aus der Freskomalerei vom Ende des 13. Jh. kennen (Duccio in Siena). Neu war in S. Maria Maggiore auch die Erweiterung des Bildprogrammes um Szenen aus dem Marienleben. Der Anstoß dürfte von den Fresken Cimabues in Assisi ausgegangen sein, die der früheste Marienzyklus in Italien waren. Um gegenüber der anderen Marienkirche nicht zurückzustehen, wurden nun unterhalb der Apsiskalotte auch in Trastevere Szenen aus dem Marienleben angebracht.
In einem umlaufenden Band haben wir die Geburt Mariens, eine Verkündigungsszene. Die Geburt Christi steht in byzantinischer Tradition, indem der Schauplatz nicht die Krippe in Bethlehem ist, sondern eine Felshöhle. Joseph sitzt ein wenig abseits. Eine lokale Legende dürfte die Einfügung der taberna meritoria mit der Ölquelle sein: Am Standort der Kirche soll in der der Geburtsstunde Christi Öl aus einer Quelle entsprungen sein, das dann in den Tiber floß. Es folgen die Anbetung der Könige, die Darstellung im Tempel und der Marientod.
Geburt Mariens
Verkündigung
Christi Geburt
Anbetung der Könige
Darstellung im Tempel
Marientod, Christus in der Mandorla hält die Seele Mariens
Unterhalb des Marienzyklus befindet sich noch ein Mosaik mit einer Weiheinschrift in der Mitte der Apsis. Bertoldo, Sohn des Petrus (aus der Familie der Stefaneschi) kniet vor Maria und dem Kind. Er wird vom hl Petrus als Fürsprecher empfohlen. Die Aureole verdeutlicht, dass Maria eine himmlische Erscheinung ist, die Segenshaltung des Jesuskindes, dass das Gebet erhört worden ist. Zeuge der Szene ist der an seinen Symbolen Buch und Schwert zu erkennende Paulus. Es handelt sich um eine commendatio animae, die sonst nur auf Grabdenkmälern begegnet. Die Grabplatte findet man heute im linken Querarm der Kirche, doch dürfte sich das Grab seinerzeit in der Nähe der Mosaiken befunden haben. Der genannte Bertoldo ist Bruder des Kardinals Jacopo Stefaneschi und Stifter der Mosaiken Cavallinis.
Auffällig sind in diesem Mosaiken Cavallinis die neue Räumlichkeit (vgl. die Dreidimensionalität der Architekturen, die landschaftlichen Elemente, den Lichteinfall von links), die Lebhaftigkeit des Verkündigungsengels mit dem Maria Blickkontakt hat (in S. Maria Maggiore ist es nicht so), der Wechsel der Perspektive zwischen Aufsicht und sicht von unten bei den Architekturen, die feinen Farbabstufungen und die Hell-Dunkel-Kontraste. Die Personen sind in einem Bildraum verankert und sind sehr viel individueller gestaltet durch Gesten und Gesichtsausdruck. Hier macht sich der Einfluß Giottos (Assisi) bemerkbar und des tiefen Wandels in der italienischen Malerei um die Jahrundertwende. Das Bild wird zunehmend realitätsgetreuer. Daneben gibt es immer noch Reste des immateriellen Goldgrunds (auch wenn er nicht mehr so dominiert) – der aber auch die Funktion hat, eine Harmonie zu den älteren Mosaiken herzustellen. Neben Giotto war es vor allem Cavallini, der zur Frührenaissance übergeleitet hat. Wir werden ihm zum Abschluß unserer gemeinsamen Tage in S. Cecilia wiederbegegnen.
Da ich für meine Photoaktion etwas länger brauchte (die Kamera ist recht neu und ich probiere verschiedene Einstellungen aus), waren Gauki und Simone schon aus der Kirche gegangen, um den Brunnen davor zu würdigen und nach der ausführlichen Besichtigung ein Päuschen einzulegen. Letzteres war auch mir willkommen, als ich wieder ans Tageslicht trat. Dort wartete nämlich schon eine Erfrischung auf mich:
Das war hochwillkommen und sei hier als Forumstipp (jedenfalls kann ich mich nicht erinnern, es schon mal irgendwo gelesen zu haben) festgehalten. Der frisch gepresste Orangensaft (in dem Falle waren es Blutorangen) ist sehr lecker und ungemein erfrischend. Un grand merci an meine Reisegefährtinnen, die so aufmerksam waren und die Leckerei für mich auf dem Rand des Brunnens von Carlo Fontana gestellt hatten.
In der barocken Kirchenvorhalle sind Reste von antiken, frühchristlichen und frühmittelalterlichen Inschriften eingelassen, die wir nun auch noch angesehen haben.
Ansonsten gibt es an der Fassade ...
... noch eine römische Besonderheit: Ihr oberer Abschnitt ist ebenfalls ein Mosaik (anscheinend verfälschend restauriert) – und erneut treffen wir auf die thronende Maria zusammen mit zehn weiblichen Heiligen.
Edit: Davon hat uns nachträglich und freundlicherweise
Susannah ein Bild zur Verfügung gestellt:
Nun ist es Zeit, an das leibliche Wohl zu denken, aber darüber schreibt vielleicht ein anderes Mitglied des Trios mehr. Auf alle Fälle freuen wir uns auf ein Glas
als wir uns auf den Weg zu den "Fleischtöpfen" (in dem Falle aber nicht zu denen Ägyptens) machten, der durch das malerische Trastevere führte und wo in der Höhe so mancher blühender Gruß darauf wartete, von uns entdeckt zu werden.
À suivre
C.
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