Fosse Ardeatine

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Die Westtiroler Zeitschrift "Der Vinschger" erzählt in der Titelgeschichte ihrer aktuellen Ausgabe 16/14 (30.4.2014) vom Schicksal eines der getöteten Wehrmachtssoldaten aus dem Regiment "Bozen" und seiner Familie.

Zwar mag man bei der Lektüre gerade aus unserer deutschen Perspektive heraus stets wach sein für die Frage, inwiefern damit - auch nach 70 Jahren noch - evtl. mittels "Verklärung" eines Besatzers die nachträgliche Relativierung des Gesamt-Geschehens bezweckt würde. Ein Beispiel für derartige Abmilderungs-Tendenzen - bzw. für die Entlarvung derselben - steht dabei möglicherweise ebenso wie mir selbst auch anderen älteren Foristi vor Augen, nämlich in der kritischen Auseinandersetzung unseres Admin mit der deutschen Fassung des Films "Roma - città aperta (Rom - offene Stadt)": Film-Geschichte(n): Es ist nicht schwer, gut zu sterben.
Dennoch denke ich, wir glücklichen, schuldfrei-unbelasteten Nachgeborenen täten gut daran, anzuerkennen: Für die große Masse seinerzeit beteiligter - bzw. betroffener - Menschen handelte es sich in erster Linie um eine tragische Schuldverstrickung statt um aufgrund vollen Unrechtsbewusstseins begangene Handlungen.

Auf diesem Hintergrund also einige Zitate:
Dabei war Otto Moser aus Stilfser Brücke erst 5 und Erna 8 Jahre alt, als ihr Vater Michael Josef Moser, vulgo Tischler Sepp, der in Stilfser Brücke in einer Tischlerei arbeitete und einen kleinen Laden betrieb, am 23. März 1944 in Rom das Leben verlor.
Er war einer der 33 Wehrmachtssoldaten des Regiments „Bozen“, die beim Attentat in der Via Rasella getötet wurden. Jahrzehnte später fuhr Otto Moser mit seiner Frau Zilli und den 4 Kindern Silvia, Isolde, Evi und Paul im Nachtzug nach Rom, um die Straße, in der Michael Josef Moser starb, und seine Grabstätte aufzusuchen. „Nie in meinem Leben habe ich mich schlechter gefühlt als damals in der Via Rasella“, erzählt Otto Moser dem Vinschger, dem er auch Einblick in das kleine Tagebuch seines Vaters gewährte. 70 Jahre nach dem Attentat in der Via Rasella und dem Massaker, bei dem am 24. März 1944 in den Ardeatinischen Höhlen 335 italienische Zivilisten als „Sühnemaßnahme“ für das Attentat erschossen wurden, ist es ein seltenes Zeitdokument.

Das Tagebuch beginnt im September 1943. „Am 29. September zu meinem Geburtstag kam ich zur Musterung und wurde für tauglich befunden“, notiert der Tischler Sepp. Er hatte sich nicht freiwillig gemeldet, sondern wurde eingezogen. Seine Einträge erzählen vom konkreten Alltag, von scheinbar banalen und kleinen Geschehnissen. Als er feststellte, „dass mir ein Rasierspiegel, ein Taschenspiegel und mein Tintentegel kaputt ging“, dachte er: „Scherben bringen Glück … und ich hab auch immer ein wenig Glück gehabt.“ (...)

Bei der Ausbildung hieß es: „Still gestanden, Maul halten ... ihr Südtiroler, ihr lehmige könnt ihr’s nicht oder wollt ihr nicht ... möcht bloß wissen, wann ihr einmal Soldaten werdet.“ Der letzte Tagebucheintrag ist mit dem 19. März (hl. Josef) datiert: „... ich bin nämlich 39 Jahr Sepp. Heiliger Josef, hab auch mit uns Armen Erbarmen“.
4 Tage nach diesem Eintrag explodieren in der Via Rasella eine in einem Müllkarren versteckte Bombe und eine Granate. Die Explosionen ereignen sich in der Mitte eines Zuges marschierender Soldaten. Michael Josef Moser gehört zu den Opfern. Mit dem aus Trafoi gebürtigen und später in Prad wohnhaften Ernst Thöni, der ebenfalls mitmarschierte, sich aber nicht in der Mitte des Zuges befand, hat sich Otto Moser später einmal unterhalten. Sein Vater hatte demnach schwerste Verletzungen am Kopf erlitten. – Otto legt jetzt das Tagebüchlein beiseite. Er ist gerührt. „Vom Vater sind mir nur positive Bilder geblieben. Schöne Erinnerungen. Deshalb sage ich auch immer, dass Väter Zeit für ihre Kinder haben und gut zu ihnen sein sollen“, bricht es aus ihm heraus. (...)

Mit Wörtern wie Helden oder Heldentum hat er nichts am Hut: „Soldaten sind keine Helden. Wenn sich diese Bezeichnung überhaupt jemand verdient, sind es die Frauen, die geschaut haben, dass es daheim irgendwie weiter ging.“ Eine dieser Frauen war Ottos Mutter Ursula. (...)

Er habe seit jeher eine tiefe Abneigung gegen Waffen und gegen jede Art von Krieg und Militarismus gehabt. Als er in Rom durch die Via Rosella ging, „übermannte mich eine derart ungute und böse Energie, so dass ich nicht bleiben konnte. Für mich ist das ein unguter Ort, den ich nie mehr sehen will.“ Am Tag danach besuchte er mit seiner Familie die Massengrabstätte auf dem Soldatenfriedhof in Pomezia bei Rom, wo sein Vater ruht: „Der Friedhof, wo rund 26.000 Soldaten ihre letzte Ruhe gefunden haben, war gut gepflegt.“ Den Namen seines Vaters fand er zusammen mit den Namen 5 weiterer Soldaten an einem der Grabsteine. Die Attentats-Opfer waren zunächst in einem Acker in Rom bestattet und nach dem Krieg umgebettet worden, nachdem der ursprüngliche Eigentümer den Acker zurückverlangt hatte.
 

Gaukler

Caesar
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Ein paar aktuelle Photos von Mitte Mai 2014.

Dabei habe ich festgestellt (jedoch nicht photographiert, was ich nachträglich ein wenig bedauere), dass der rückwärtige Umgang um das Mausoleum derzeit gesperrt ist.​








 

Gaukler

Caesar
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Einen weiteren aktuellen Bericht mit sehr lesenswerten zusätzlichen Recherche-Ergebnissen gibt es (seit gestern) hier: Rom für Anfänger und Fortgeschrittene

Leider ist dem auch zu entnehmen, dass derzeit Bauarbeiten den Zutritt verwehren :( zu diesem m.E. besonders eindrucksvollen Teil des Geländes:
Gedenkstätte am Ort des Massakers





Hier wurden wir abgeschlachtet
Opfer eines entsetzlichen Opfergangs

Aus unserem Opfertod
erwachse ein besseres Vaterland
und dauerhafter Friede unter den Völkern


Darunter aus Psalm 130, Vers 1, auf Latein und Hebräisch: Aus der Tiefe rufe ich zu dir, Herr


Leuchter mit Evangelistensymbolen



 

Simone-Clio

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Wenige Stunden nach seiner heutigen Wahl zum italienischen Staatspräsidenten hat Sergio Mattarella den Fosse Ardeatine einen Besuch abgestattet.

Mattarella, davanti al video con i figli. Poi in "Panda" e a sorpresa va alle Fosse Ardeatine - Repubblica.it

"L'Europa e il mondo siano uniti per battere chi vuole trascinarci in una nuova stagione di terrore", ha detto il neopresidente nel suo omaggio alle vittime della barbarie nazista

Mit Fotostrecke: Mattarella, primo atto da Presidente: visita alle Fosse Ardeatine - Repubblica.it
 

Gaukler

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M. E. eine kluge, wohl besonnene und sympathische Geste. :thumbup:

Bei dieser Gelegenheit - eine Nachricht, die ich unserem Forum seit über einem Monat schuldig geblieben bin (sorry): Die Bauarbeiten in den Fosse Ardeatine sind längst beendet. Bereits am 18. Dezember konnten wir sie wieder so besuchen wie gezeigt in diesem meinem obigen Beitrag (neue Photos habe ich aber nicht gemacht).
 

Gaukler

Caesar
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Entdeckt per Zufall - wiewohl mehr als einmal schon daran vorbeigegangen: auf dem Weg zum Pilgerzentrum und damit neuerdings auch zur Herder-Bücherstube - erst letztes Jahr im Dezember: Gedenkstein für die Opfer aus den Rioni Ponte, Parione, Regola und Campitelli in der Via Banco del Santo Spirito, 24.

 
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Simone-Clio

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Simone-Clio

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Der deutsche Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und der italienische Staatspräsident Sergio Mattarella haben heute gemeinsam den Fosse Ardeatine einen Besuch abgestattet. Es war der erste gemeinsame Besuch der Gedenkstätte durch ein deutsches und ein italienisches Staatsoberhaupt.

Fosse Ardeatine, per la prima volta insieme in visita Mattarella e il presidente tedesco - Repubblica Tv - la Repubblica.it

Fosse Ardeatine, visita storica: per la prima volta insieme i presidenti italiano e tedesco - Repubblica.it

Sergio Mattarella e Frank-Walter Steinmeier l'uno accanto all'altro nel luogo dove i nazisti nel marzo del 1944 massacrarono per rappresaglia 335 italiani. Non era mai accaduto prima, nonostante i 73 anni dall'eccidio.
 
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otium

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Vermutlich ist er jetzt hingegangen, weil wir auch gerade dort waren! ;)

Ich meine aber, dass andere Regierungsmitglieder schon dort waren. Und Gauck war z. B. an ähnlichen Schandflecken in Griechenland. Es gibt davon auf dieser schönen Welt ja leider recht viele!!
 

Pasquetta

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Der deutsche Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und der italienische Staatspräsident Sergio Mattarella haben heute gemeinsam den Fosse Ardeatine einen Besuch abgestattet. Es war der erste Besuch der Gedenkstätte durch ein deutsches Staatsoberhaupt.

Fosse Ardeatine, per la prima volta insieme in visita Mattarella e il presidente tedesco - Repubblica Tv - la Repubblica.it

Fosse Ardeatine, visita storica: per la prima volta insieme i presidenti italiano e tedesco - Repubblica.it

Sergio Mattarella e Frank-Walter Steinmeier l'uno accanto all'altro nel luogo dove i nazisti nel marzo del 1944 massacrarono per rappresaglia 335 italiani. Non era mai accaduto prima, nonostante i 73 anni dall'eccidio.

Das ist so nicht ganz richtig: es ist zwar vielleicht das erste Mal, dass ein deutsches Staatsoberhaupt (Bundespräsident) gemeinsam mit einem italienischen Staatsoberhaupt die Fosse Ardeatine besucht, aber bereits 1957 hatte Bundespräsident Heuss die Gedenkstätte besucht. Diese Geste wurde (s. hier, S. 51) von den (auch italienischen) Medien gelobt/positiv bewertet, führte in Italien jedoch zu einer "kleinen Regierungskrise" mit Entlassung des Protokollchefs.
Zur "Vertiefung" eine Buchbesprechung von Prof. Lill (ehemals Deutsches Historisches Institut Rom): Fosse Ardeatine - Repressalien von Wehrmacht und SS in Italien (FAZ 28.12.2004)


Nachtrag: Beim genaueren Lesen des Repubblica-Artikels sehe ich gerade, dass auch 1991 der deutsche Bundespräsident (das war dann wohl R. von Weizsäcker) die Gedenkstätte besucht hat - auch "allein" d.h. ohne den italienischen Staatspräsidenten.
 
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Gaukler

Caesar
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Danke schön für diesen erhellenden Hinweis! :thumbup:
Es ist zwar vielleicht das erste Mal, dass ein deutsches Staatsoberhaupt (Bundespräsident) gemeinsam mit einem italienischen Staatsoberhaupt die Fosse Ardeatine besucht, aber bereits 1957 hatte Bundespräsident Heuss die Gedenkstätte besucht.
In der Tat sagt der Repubblica-Titel (Artikel und Video): insieme = zusammen/gemeinsam.

Und also war auch mein allererstes Gefühl schon richtig:
Das hätte ich nicht gedacht :eek:
 

Gaukler

Caesar
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Was wieder einmal ein Beleg ist für die hohe Qualität unseres Forums :thumbup: - noch bis in solche Details hinein.

Das Video hat mir wirklich gut gefallen :thumbup: :nod: ... aber ich denke, für Weiteres dazu biege ich gleich mal ab. ;)
 

Simone-Clio

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Am Allerseelentag 2017 hat Papst Franziskus um 17.15 Uhr die Fosse Ardeatine besucht.

Video (gut 38 Minuten): 2017.11.02 - Prayer at Memorial of the Ardeatine Caves - YouTube

Fotogalerie der Repubblica vom Gebet des Papstes in den Ardeatinischen Höhlen (Fosse Ardeatine): Roma, il Papa in preghiera alle Fosse Ardeatine: "Questi sono i frutti della guerra: odio, morte, vendetta" - 1 di 1 - Roma - Repubblica.it

Papst: Andacht und Gebet an einem Ort des Grauens - Radio Vatikan

Nach einem langen stillen Gebet am Ort der Erschießungen legte der Papst Blumen an den Gräbern nieder, im Mausoleum sprechen dann der römische Oberrabbiners Riccardo Di Segni und Papst Franziskus ein Gebet. Anschließend trug sich Franziskus ins Gästebuch der Gedenkstätte ein. "Das sind die Früchte des Krieges: Hass, Tod, Rache... Vergib uns, Herr," so die Worte, die der Papst hinterließ.

EDIT: Auch Benedikt XVI. hat am 27. März 2011 die Gedenkstätte besucht. Hier seine Worte bei dieser Gelegenheit: Besuch an der Gedenkstätte der "Ardeatinischen Höhlen" (27. März 2011) | BENEDIKT XVI.
Fotogalerie der Repubblica: Foto Il Papa alle Fosse ardeatine - 1 di 20 - Roma - Repubblica.it
 
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Simone-Clio

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