Die Werke Francesco Borrominis

Simone-Clio

Augustus
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Ersteller des Themas #1
Zu Beginn muss ich den interessierten Leser gleich um Verständnis dafür bitten, dass dieser Thread noch lange eine Baustelle bleiben wird, aber wenn ich ihn nicht endlich beginne, wird nie etwas aus der Idee, die ich seit Ende 2007 mit mir herumtrage, nämlich möglichst viele Werke Borrominis in Rom kennenzulernen und kurz hier vorzustellen.

Es gibt natürlich viele Bücher und Webseiten, die sich mit dem Menschen, Architekten und seinem Werk beschäftigen und auch hier im Forum gibt es bereits Beiträge und Bilder zu einzelnen Werken Borrominis.

Mein Thread verfolgt bescheidene Ziele und soll nicht mehr als eine nach und nach zu illustrierende Übersicht über die Werke Borrominis werden.

Ich werde mich um Vollständigkeit bemühen, die aber nicht von Anfang an gegeben ist.

Der Thread soll für mich selbst ein Ansporn sein, das Thema

Die Werke Borrominis in Rom und im Vatikan

nicht aus den Augen zu verlieren.

Ganz oder teilweise die geniale Handschrift Borrominis tragen u.a.:

Laterne der Kuppel von S. Andrea della Valle
Campanile des Monte di Pietà
Fontana delle api in Vaticano
Sockel der Pietà Michelangelos im Petersdom
Sakramentskapelle in Sankt Paul vor den Mauern
Ursprünglicher Entwurf für die Fassade von S. Anna dei Palafrenieri
Palazzo Barberini
Petersdom, u.a. Erstellung des Baldachins mit Bernini
San Carlo alle Quattro Fontane
Palazzo Capodiferro Spada mit perspektivischem Säulengang
Santa Lucia in Selci
Oratorio dei Filippini
Grabmal für Clemente Merlini in S. Maria Maggiore (Borromini häufig zugeschrieben)
Sant'Ivo alla Sapienza
Santa Maria dei Sette Dolori
Palazzo Carpegna
Palazzo Pamphilj (Festsaal und Galerie)
Palazzo Falconieri (Umbau und Dekoration)
San Giovanni in Laterano, u.a. Barockisierung des Langhauses
Baptisterium von San Giovanni in Laterano: Renovierung der Fassade und Gedenktafel für Kardinal Ceva
Palazzo di Propaganda Fide
Palazzo Giustiniani (Umbau)
Sant'Agnese in Agone
Sant'Andrea delle Fratte
San Giovanni in Oleo (Restaurierung und Dach)
Cappella Spada in San Girolamo della Carità
San Giovanni dei Fiorentini (Hochaltar, Falconieri-Gräber, Cripta Falconieri)

Ich werde jetzt meine Fotos sichten und als Erstes die Cappella Spada in San Girolamo della Carità vorstellen. Alle entstehenden Beiträge werden nach und nach im Inhaltsverzeichnis verlinkt.
 
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desmo

Centurio
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#2
Liebe Simone-Clio

Du sprichst aus meinem Herzen! Borromini war ein fantastischer Baumeister in Rom. Auf mich wirkt er genialer als der zweifellos ebenfalls bahnbrechende Bernini. Borromini wurde zu seiner Zeit unterschätzt, und manchmal denke ich, auch heute noch.

Deine Aufzählung kann sogar noch mit folgenden Objekten ergänzt oder zumindest präzisiert werden:

- Bauleitung Petersdom mit Bernini
- Erstellung Baldachin mit Bernini
- San Giovanni in Laterano für das heilige Jahr 1650 (wegen Baufälligkeit stabilisiert und barockisiert)
- der perspektivische Säulen-Gang im Palazzo Spada
- Palazzo Pamphilj (Festsaal und Galerie)

gruss desmo
 
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Claude

Triumphator
Stammrömer
#3
Liebe Simone,
ich freue mich schon auf das neue Feuilleton in loser Folge - so wie Deine Brunnengeschichten.

Viele Grüße
Claude
 

dentaria

Caesar
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Rom-Reise
20.07.2018-21.07.2018
#4
Liebe Simone-Clio

Du sprichst aus meinem Herzen! Borromini war ein fantastischer Baumeister in Rom. Auf mich wirkt er genialer als der zweifellos ebenfalls bahnbrechende Bernini. Borromini wurde zu seiner Zeit unterschätzt, und manchmal denke ich, auch heute noch.
Ja, das sehe ich auch so.​

Daher habe ich mich selbst schon mal ein Wochenende mit ihm befaßt
http://www.roma-antiqua.de/forum/rom_24/barockes_wochenende_mit_caravaggio_borromini-11262/
und auch schon in dem ehemaligen Kloster gewohnt, in das Santa Maria dei Sette Dolori integriert ist.​


Daher vielen Dank für den neuen Thread! :thumbup:​
 
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Simone-Clio

Augustus
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Ersteller des Themas #5
Cappella Spada
in San Girolamo della Carità
1662

Die Spada waren seit 1595 im Besitz der Kapelle und wünschten die Ausgestaltung zur Grabkapelle für die verstorbenen Mitglieder der Familie. Von Borromini holten sie zumindest Ratschläge ein. Sie wünschten sich etwas Ausgefallenes, was den Rahmen des Üblichen überschreiten sollte.

Es ist umstritten, ob die Entwürfe wirklich von Borromini sind oder ob sie von Virgilio Spada, seinem Freund und Gönner stammen. Man darf davon ausgehen, dass der Architekt Borromini und der Kirchenmann Spada zusammengearbeitet haben. Auch andere Künstler waren für die Kapelle tätig.

Die Wiener Albertina bewahrt sechs Skizzen Borrominis für die Cappella Spada auf. Siehe: ALBERTINA online - Datenbanksuche

Besonders interessant finde ich diese Skizze für die Fussbodenintarsien. Auf Letztere kommen wir noch zu sprechen.

Die Cappella Spada in San Girolamo della Carità habe ich am Sonntag, dem 31.10.2010 besucht.

Man betritt die an der Via Monserrato gelegene Kirche nicht durch den Haupteingang (links), sondern durch einen um die Ecke gelegenen Seiteneingang (rechts).


Sie ist nur zu Gottesdiensten am Sonntag von 10:30 bis 12:30 Uhr geöffnet. Siehe: Chiesa di San Girolamo und San Girolamo della Carità

Die Kapelle ist wunderschön und obwohl ganz aus polychromem Marmor gefertigt, erinnert sie mich doch mit ihren warmen Honigtönen an das Bernsteinzimmer. Zu den verwendeten Marmorsorten gehören Giallo Antico di Numidia aus Tunesien, Rosso Antico di Capo Tenaro aus Griechenland und Alabastro Tartarugato aus Volterra.


Über dem Altar ein Marienbildnis aus dem 15. Jahrhundert​



Motiv des Marmorbodens der Kapelle sind unzählige, sehr echt wirkende Rosen. Borromini möchte uns mit diesen an die Vegänglichkeit des irdischen Lebens erinneren.

Im Marmor-Paviment vor dem Altar verbirgt sich auch eine Schlange, die sich in den eigenen Schwanz beißt. Sie ist ein Symbol für die Ewigkeit. Gelesen habe ich von der Schlange nur an einer einzigen Stelle und zwar im Aufsatz Borromini decoratore von Paolo Portoghesi. Siehe Seite 33 des verlinkten PDF. Quelle: 1955 - I (gennaio-marzo - XL). Auf der oben zitierten Entwurfszeichnung Borrominsi für die Fussbodenintarsien kommt das Schlangenmotiv nicht vor. Leider habe ich von der Schlange kein brauchbares Bild. Man erkennt Teile des Schlangenkörpers allerdings, wenn man von ihm weiß, auf dem Foto oben.


Gar nicht sattsehen konnte ich mich an den beiden knienden Marmor-Engeln aus weissem Luni-Marmor, die ein prachtvoll drapiertes Tuch aus vielfarbigen Jaspis aus Sizilien tragen. Dieses diente als Kommunionbank und trennt die Kapelle statt einer Balustrade vom Kirchenschiff. Angefertigt wurden die Engel durch den Bildhauer Antonio Giorgetti. Die Flügel des rechten Engels sind aus Holz und lassen sich zur Seite drehen, wodurch ein Zugang zur Kapelle entsteht.


An den Seitenwänden sind, auf Bänken ruhend, zwei Mitglieder der Familie (Giovanni und Bernardino Spada) dargestellt. Die Medaillons über ihnen stellen weitere Mitglieder der Familie Spada dar. Die Urnen enthalten die Asche verstorbener Familienangehöriger und eine Reliquie des Franz von Assisi.


Altar und Medaillons des Heiligen Franziskus von Assisi und des Heiligen Bonaventura sowie die Wappen der Spada mit Lilien, Sternen und immer anders angeordneten Schwertern.


Eine von vielen Quellen für diesen Bericht war ein Artikel von Dario del Bufalo, den ich hier als PDF verlinke.
 
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Simone-Clio

Augustus
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Ersteller des Themas #6
Hallo, desmo,

vielen Dank für Deine Worte und Deine Ergänzungen. :thumbup:
Ich würde mich freuen, wenn Du Dein Wissen weiterhin hier einbringen würdest.
Dieser Thread kann gerne eine Gemeinschaftsproduktion zu Ehren Borrominis werden! :nod:
Kunsthistoriker sind wir zwar keine aber die Begeisterung für Borromini teilen ja Einige hier!

Beste Grüsse
Simone
 
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Gaukler

Caesar
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#7
Schon der allererste Beitrag ist mal wieder ein Stück Qualitätsarbeit :thumbup:, wie Simone ja nun schon so viele hier "abgeliefert" ;) hat, und erlaubt es, ihrem Thread eine glückliche Zukunft vorauszusagen. :nod:
 

Simone-Clio

Augustus
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Ersteller des Themas #8
ich freue mich schon auf das neue Feuilleton in loser Folge - so wie Deine Brunnengeschichten.
Die erste Folge habe ich inzwischen der Cappella Spada gewidmet da ich von dieser viele Photos habe. Auch aus Sant'Ivo alla Sapienza, wo wir ja Pfingsten 2010 gemeinsam die Messe besucht haben, gibt es einige Photos.

Bitte sehr, es ist mir ein Vergnügen.

Schon der allererste Beitrag ist mal wieder ein Stück Qualitätsarbeit :thumbup:, wie Simone ja nun schon so viele hier "abgeliefert" ;) hat ...
Vielen Dank für das Lob. Es freut mich, dass der Bericht Anklang gefunden hat. Ich werde wohl bei den folgenden Beiträgen vor allem Bilder sprechen lassen und freue mich von nächsten Romreisen neue Photos mitzubringen.
 

Pasquetta

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#9
Liebe Simone,
ich kann mich meinen Vorschreibern nur - und das sehr gerne :nod: - anschließen: schon der Einstieg mit der Cappella Spada in San Girolamo della Carità ist vielversprechend und eine Entdeckung für mich (x-mal vorbei gelaufen :~und noch nie reingeschaut :blush:, sollte unbedingt geändert werden ;) :nod:).
Ich freue mich darauf, Rom unter diesem "Borromini-Aspekt" (und mit Deinen Augen) neu zu entdecken.
Liebe Grüße
Pasquetta
 

Angela

Caesar
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#10
Liebe Simone,

vielen Dank für diesen schönen neuen Thread mit der sehr gelungenen Eröffnung der wunderschönen Cappella Spada!
Ich habe sie nun schon zweimal gesehen und war beide Male sehr begeistert, wirklich ein Meisterwerk! :nod:

Liebe Grüße

Angela
 

Simone-Clio

Augustus
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Ersteller des Themas #11
der Einstieg mit der Cappella Spada in San Girolamo della Carità ist vielversprechend und eine Entdeckung für mich (x-mal vorbei gelaufen :~und noch nie reingeschaut :blush:,
sollte unbedingt geändert werden ;) :nod:).
(Hervorhebung durch mich)

Dass ich Dir zu dieser Entdeckung verhelfen konnte, freut mich sehr und ein Besuch der auch ansonsten interessanten kleinen Kirche ist wirklich lohnend. Wie gesagt, hat sie leider nur an Sonntagen zur Messe und kurz davor geöffnet.

Ich freue mich darauf, Rom unter diesem "Borromini-Aspekt" (und mit Deinen Augen) neu zu entdecken.
Ich freue mich wenn Du weiter mit durch Borrominis Rom streifst, zuerst hier und dann hoffentlich mit eigenen Augen in Rom. ;)
 

Simone-Clio

Augustus
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Ersteller des Themas #12
vielen Dank für diesen schönen neuen Thread mit der sehr gelungenen Eröffnung der wunderschönen Cappella Spada!
Ich habe sie nun schon zweimal gesehen und war beide Male sehr begeistert, wirklich ein Meisterwerk! :nod:
Grazie! Sie gefällt mir auch sehr gut, hat sie doch so gar nichts Düsteres an sich. Ich habe die Bilder der Engel nun noch einmal genauer betrachtet, nachdem ich gelesen habe, man könne die Kapelle betreten indem man den hölzernen Flügel eines der beiden Engel bewegt. Dieser soll ein Scharnier besitzen. Es handelt sich um den Engel rechts.

 

mystagogus

Aedilis
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Rom-Reise
19.09.2018-25.09.2018
#13
Schon der allererste Beitrag ist mal wieder ein Stück Qualitätsarbeit :thumbup:, wie Simone ja nun schon so viele hier "abgeliefert" ;) hat, und erlaubt es, ihrem Thread eine glückliche Zukunft vorauszusagen. :nod:
Dieser Meinung schließe ich mich gerne an und hoffe, bei meinem nächsten Besuch endlich, endlich die Cappella Spada besuchen zu können. Die letzten Male hat es leider nie geklappt, sonntags zu dieser kurzen Besuchszeit San Girolamo aufzusuchen.
Ich freue mich schon auf die weiteren Beiträge:!:

Schöne Pfingsten wünscht
mystagogus
 

desmo

Centurio
Stammrömer
#14
Liebe Simone-Clio

Hallo, desmo,

vielen Dank für Deine Worte und Deine Ergänzungen. :thumbup:
Ich würde mich freuen, wenn Du Dein Wissen weiterhin hier einbringen würdest.
Dieser Thread kann gerne eine Gemeinschaftsproduktion zu Ehren Borrominis werden! :nod:
Kunsthistoriker sind wir zwar keine aber die Begeisterung für Borromini teilen ja einige hier!

Beste Grüsse
Simone
Herzliche Dank für deinen ersten und hervorragenden Beitrag über unseren Francesco Borromini. Wie dein erster Beitrag beweist, bist du die Wissensspezialistin. Ich kann nur lernen und masse mir nicht an, da mithalten zu können. Schon gar nicht, wenn es etwa belehrend oder korrigerend wirken könnte. Gut, einverstanden, sollte ich wirklich etwas gescheites einbringen können, werde ich es gerne tun.

Ich freue mich auf die weiteren Beiträge von dir.

Gruss desmo
 

Simone-Clio

Augustus
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Stammrömer
Ersteller des Themas #15
Schon der allererste Beitrag ist mal wieder ein Stück Qualitätsarbeit :thumbup:, wie Simone ja nun schon so viele hier "abgeliefert" ;) hat, und erlaubt es, ihrem Thread eine glückliche Zukunft vorauszusagen. :nod:
Dieser Meinung schließe ich mich gerne an und hoffe, bei meinem nächsten Besuch endlich, endlich die Cappella Spada besuchen zu können. Die letzten Male hat es leider nie geklappt, sonntags zu dieser kurzen Besuchszeit San Girolamo aufzusuchen.
Vielen Dank, mystagogus. Ich hoffe, dass ich den Erwartungen gerecht werden kann und drücke Dir die Daumen für einen baldigen Besuch von Kirche und Kapelle. :thumbup:

Herzliche Dank für deinen ersten und hervorragenden Beitrag über unseren Francesco Borromini.
Es freut mich, dass der Beitrag über die Cappella Spada Dir gefallen hat.

Gut, einverstanden, sollte ich wirklich etwas Gescheites einbringen können, werde ich es gerne tun.
Sehr gerne!

Ich informiere mich im Augenblick über die Pläne Borrominis für den Palazzo Carpegna.
 

Padre

Censor
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Stammrömer
#16
Liebe Simone,
herzlichen Dank für den Beginn Deines "neuen" Themas! Ich beschäftige mich nun seit gut einem Jahr etwas mit Borromini und bin von ihm begeistert. Ich freue mich schon sehr auf Deine Beiträge!!!!
 

Simone-Clio

Augustus
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Ersteller des Themas #17
Palazzo Carpegna
(Umbau)
1638 bis 1650

Der Palazzo Vaini-Carpegna, ist ein im späten 16. Jahhundert entstandener Palazzo. Errichtet wurde er wahrscheinlich von einem Schüler Giacomo della Portas. Es ist aber nicht ausgeschlossen, dass dieser selbst der Architekt war.

Der Palazzo liegt zwischen Fontana di Trevi und Via del Tritone an der Piazza dell’Accademia di San Luca 77 und ist seit 1934 Sitz der Accademia nazionale di San Luca.

Dieses Photo der Hauptfassade habe ich am 16.3.2010 aufgenommen. Die hellen Elemente am äusseren Tor stammen von Borromini.


Nachdem Graf Ambrogio Carpegna den Palazzo Vaini am alten Trevi-Brunnen erworben hatte, beauftragte er 1638 Borromini mit den Plänen für den Umbau.
Von den phantastischen Plänen für einen grossen und prächtigen Palast wurde leider nur wenig umgesetzt und davon hat wiederum vieles die Zeiten nicht überdauert.
Zunächst war ein kleiner Umbau des Palastes geplant und Borromini entwarf u.a. eine elliptische Spiralrampe die zum Salone in der zweiten Etage hinaufführen sollte.

Dann ergaben sich neue Chancen als die Familie Carpegna ein Grundstück dazukaufen konnte.

Borromini entwarf z.B. einen grossen, ovalen, säulenumstandener Hof, den man (ebenso wie die Spiralrampe) auf dieser Skizze von seiner Hand erkennen kann.

1640 gab Papst Urban VIII. bekannt, dass Bernini einen neuen Brunnen an der Piazza Trevi errichten sollte.

1641 wurden zur Erweiterung des Platzes alte Häuser abgerissen und die Südseite des Palazzo grenzte nun an den Platz mit dem alten Trevi-Brunnen.

Bernini und Borromini sollen sogar zeitweise ihre Rivalität vergessen haben um hier etwas Besonders zu schaffen. Sie stimmten ihre Pläne aufeinander ab.

Borrominis neue Pläne zeigen den geplanten Hof um 90 Grad gedreht, so dass die Achse auf Berninis Brunnen ausgerichtet war.
Berninis Entwurf für den Brunnen kennt man aus zwei Quellen. Teil des Entwurfs war eine kolossale Figur der jungfräulichen Trivia (der mythischen Entdeckerin der Acqua Vergine) mitten im Brunnen auf Felsen.
Vom Hof des Palazzo Carpegna aus hätte man einen perfekt gerahmten Blick auf die Statue gehabt.

Nichts von alledem wurde verwirklicht. Das Schicksal wollte es anders.
Der Bauherr des Palastes, Graf Ambrogio Carpegna (ca. 1600 bis 1643) starb jung. Der Brunnen fiel Wirren des späten Barberinipontifikats zum Opfer. Bis 1732, als Nicola Salvi seinen Brunnen begann, war der Platz die Ruine eines grossen Projekts.

Hier ein Stich von Giovanni Battista Falda (1640 bis 1678 ).

Dort wird bereits der ältere Bruder, Kardinal Ulderico Carpegna, als Besitzer des Palastes erwähnt.

Dieser gab Borromini den Auftrag für einen sehr viel bescheideneren Umbau des Palazzo Carpegna, der bis etwa 1650 abgeschlossen war.

Charakteristisches Element blieb die elliptische Spiralrampe, die das Erdgeschoss und die oberen Stockwerke miteinander verband. Borromini vermerkte auf einem Plan sie sei "magnificha".

Verwirklicht wurden auch Stuckarbeiten über mehreren Türen. Nach zahlreichen Umbauten, (zuletzt in den dreissiger Jahren des 20. Jahrhunderts) sind sie leider nicht erhalten. Der von Borromini entworfene Salone wurde mit einem Vorraum zusammengelegt und dient heute als Vortragssaal. Auch hier hat sich wohl nichts von der Innenausstattung Borrominis ehalten.

Ich habe das ganze Internet nach einem Foto der Spiralrampe durchforstet aber nichts gefunden.
Von meiner jüngsten Romreise im Juni habe ich nun eigene Bilder mitgebracht. Sie zeigen zwar nichts Spektakuläres, aber ich habe mich doch sehr gefreut, als wir die Rampe fanden und sie problemlos bis in die oberste Etage begehen konnten.





Geblieben ist als prachtvollstes Werk Borrominis das Innenportal vor dem Eingang zur Treppe.

Hier drei Aufnahmen vom 16.3.2010


Damals war das Gitter verschlossen und ich konnte nur hindurch photografieren. Diesmal, im Juni 2012, konnten wir den Portikus betreten und ungestört photographieren.


Der reiche Blumenfeston ist ein Symbol der Fruchtbarkeit.


Das schreckliche Medusenhaupt (Medusa) ist ein Unheil abwehrendes magisches Schutz- und Schreckmittel und erinnert an den Schild der Pallas Athene (Siehe: Gorgoneion).


Die beiden Säulen des Portals sind mit Füllhörnern dekoriert, die für Überfluss stehen.


Aus dem einen (rechts) quillt der Reichtum der Landwirtschaft, Fruechte und Blumen.


Aus dem anderen (links) ergiessen sich Attribute einer erfolgreiche Karriere, Ehrenketten, Bischofsmitren, Kronen …


Auffallend an diesem Kapitell ist aber vor allem ein kleines Kind. Bei diesem soll es sich um "proles", die Nachkommenschaft, die grösste aller Segnungen, handeln, ohne die keine der anderen von langer Dauer ist.


Borromini war das Bild von Füllhorn und Kind wohl von römischen Münzen her bekannt. (Siehe z.B. hier)

Dass die Arbeiten Borrominis fast wie neu aussehen, hat sicherlich mit nicht lange zurückliegenden Restaurierungsarbeiten zu tun, welche auf der Seite dieser Firma dokumentiert sind.
 

Simone-Clio

Augustus
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Ersteller des Themas #19
San Giovanni in Oleo
1658


An der Via Latina, wenige Schritte von der Porta Latina entfernt, liegt innerhalb der Aurelianischen Mauer im Rione Celio, San Giovanni in Oleo.

An dieser Stelle soll der Apostel Johannes im Jahr 92 unter Kaiser Domitian ein Martyrium erlitten und überlebt haben. Das siedende Öl, in das er eingetaucht wurde, verwandelte sich in erfrischendes Wasser. Nach diesem Wunder wurde der Apostel nach Patmos verbannt.


Das kleine achteckige Oratorium wurde 1509, wahrscheinlich auf einem antiken Vorgängerbau, errichtet. Auftraggeber war der französiche Prälat Benoît Adam. Seinen Namen, seine Devise "Au plaisir de dieu" und den Namen des damaligen Papstes Julius II. findet man an der westlichen der beiden Türen des Tempietto.


Der Baumeister stammt evt. aus dem Umfeld von Antonio Sangallo dem Jüngeren. Der Bau wird aber meistens Donato Bramante zugeschrieben.

Der achteckige Bau hatte ursprünglich keine Kuppel sondern endete oberhalb des Gebälks.
1658 erhielt Borromini von Kardinal Francesco Paolucci (1581 bis 1661) den Auftrag zur Restaurierung. Das Wappen des damaligen Papstes, Alexander VII. Chigi, ist über dem östlichen Eingang sichtbar.


Seit 1657 war Francesco Paolucci Kardinalpriester von San Giovanni a Porta Latina, wenige Meter vom Oratorium entfernt ebenfalls an der Via Latina gelegen. Er wollte die kleine Kirche in eine Familienkapelle verwandeln.

San Giovanni in Oleo sollte nach dem Willen Borrominis den Charakter eines "divertimento" erhalten und nicht auf Monumentalität abzielen.

Borromini bewahrte die achteckigen Wände mit ihren Knickpilastern und einfachen Kapitellen, gestaltete das Innere neu und entwarf vor allem ein phantasievolles Dach.

Das Innere wird allgemein als von wenig Interesse beschrieben. Wir spähten durch ein Fenster hinein, konnten aber wegen der drinnen herrschenden Dunkelheit, ausser weissen Wänden nichts erkennen. Diese müssen aber teilweise mit Fresken von Lazzaro Baldi aus dem Jahr 1716 dekoriert sein und Szenen aus dem Leben des Evangelisten zeigen. Siehe z.B. hier.

Eine Zeichnung von der Hand Borrominis in der graphischen Sammlung der Albertina in Wien zeigt einen Entwurf für das Dach von San Giovanni in Oleo: Eine Kuppel, deren Rippen wie Palmzweige geformt sind. Es ist nicht auszuschliessen, dass diese Kuppel errichtet wurde, nach einiger Zeit aber durch die Dachform, wie wir sie heute sehen, und die auch auf einen Entwurf Borrominis zurückgeht, ersetzt wurde. Zum Kuppelentwurf siehe hier.

Das Dach besteht aus einer flachen Haube nach antikem Vorbild. Diese Form nennt man einen geböschten Steinkegel. Rund um ihren Fuss verläuft ein hoher Terrakotta-Fries, welchen ein klassisches Muster mit Palmetten, Rosetten und dem Wappen von Francesco Paolucci ziert.
Borromini selbst gab in einer Notiz an, dass die Rose das heraldische Symbol seines Auftraggebers war.


Dieser Fries wird gelegentlich mit dem Fries, der unterhalb des Daches rund um das Baptisterium von San Giovanni in Laterano verläuft, verglichen.

Die elegante Dachkonstruktion hat Borromini mit einem sehr originellen und phantasievollen Gebilde (Knauf) gekrönt. Dieses ist auch auf dem Entwurf mit dem Kuppeldach zu sehen. Aus einer Palmenkrone (Palmzweige sind Zeichen für das Martyrium) wächst eine mit grossen Rosen dekorierte und von einem Kreuz gekrönte Kugel empor.



Zu diesem Gebilde inspiriert, wurde Borromini anscheinend von einem kugelförmigen dekorativen Element des gotischen Magdalenenaltars aus San Giovanni in Laterano, den er selbst abgebaut hat. Es ist im Kreuzgang von San Giovanni in Laterano zu sehen.

Das Material für Borrominis Dachaufsatz ist aus qualitativ besonders hochwertigem, mit römischem Marmor versetztem Stuck, der unter der Einwirkung des Regenwassers eine Farbe von altem Silber angenommen hat.

Heute sehen wir allerdings eine Betonkopie auf dem Dach von San Giovanni in Oleo. Das Original existiert aber noch und ist in erstaunlich gutem Zustand. Es wurde 1967 entfernt und wird heute im Portikus von San Giovanni a Porta Latina aufbewahrt.
Am Rosmini-Kollegium vorbei kommt man zur Kirche San Giovanni a Porta Latina


über die ich noch mehr an anderer Stelle berichten werde. (Siehe: San Giovanni a Porta Latina ) Hier nur Bilder des wirklich verblüffend gut erhaltenen originalen Dachknaufs von Borromini.


 
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Angela

Caesar
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Stammrömer
#20
Was für ein interessanter Bericht über einen mir völlig unbekannten Ort!
Vielen Dank, Simone, für dieses Schmuckstück von Borromini! :thumbup:
 
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