dies saturni ante diem VI Kalendas Martias MMDCCLXXI ab urbe condita
Saturntag, 6. Tag vor den Kalenden des März, 2771. Jahr nach Gründung der Stadt




Ulmer Spatzen und - Spitzen

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  #11  
Alt 09.12.2017, 18:12
Benutzerbild von Ludovico ROB
Ludovico ROB Ludovico ROB ist gerade online
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Tag 2; Stadtführung

Für den zweiten Tag hatte ich im voraus eine Stadtführung gebucht. Über indirekte Beziehung wurde mir von einer Ulmerin eine bestimmte Dame wärmstens empfohlen. In einem Telefonat verschob ich auf Wunsch der Führerin unsere Tour um eine Stunde nach hinten. So hatten wir nach dem Frühstück noch genügend Zeit zur freien Verfügung. Mit meiner BEVA inspizierten wir im wesentlichen noch einmal die schönsten Plätze des Vortages, natürlich ganz besonders das Münster. Die Fotos des gesamten Tages ordne ich unabhängig von der Entstehungszeit der Führung zu. Aufmerksame Leser werden dies leicht bemerken.



Wir trafen unsere Führerin vor dem Stadthaus am Münsterplatz, in dem sich auch die Touristeninformation befindet. Schon nach den ersten Sätzen merkten wir, dass sie ihre Stadt liebt, was eine lebhafte Führung erwarten ließ. Das bestätigte sich schnell.



Erwartungsgemäß begannen wir mit dem bemerkenswertesten Bauwerk der Stadt, dem Ulmer Münster, dessen mächtige Türme fast von jedem Platz der Stadt aus zu sehen sind. Der schlanke und dennoch mächtige Westturm (Mitte) ragt mehr als 161 Meter gen Himmel und ist damit der höchste Kirchturm der Welt. Die oberste Aussichtsplattform liegt nur 15 Meter unter der Spitze. Ob ich die 768 Stufen bis dorthin schaffen werde?

Nach der Grundsteinlegung 1377 dauerte es über 500 Jahre, bis dieses Gotteshaus in der heutigen Form stand. Die filigranen Türme und das entsprechende Beiwerk für das heute sehr harmonische Aussehen entstanden erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Für eine kurze Übersicht verlinke ich zu einem Video.



Es lohnt auf jeden Fall das prächtige Bauwerk einmal zu umrunden und die Größe auf sich wirken zu lassen. Nicht nur die Türme, auch die Skulpturen und Reliefs an den Pforten bieten auf der Süd- und Westseite eine Menge Sehenswertes.



Die kleine Valentinskapelle haben wir nicht besucht.



Auf das Original des Schmerzensmannes im Kircheninneren war ich gespannt.



Im Lauf der langen Bauzeit hat sich die Gestalt der Kirche stark geändert. Aus der geplanten Hallenkirche wurde schließlich eine fünfschiffige Kirche für 20 000 Menschen; deutlich mehr, als Ulm bei Baubeginn Einwohner hatte. Manche Änderungen waren statisch bedingt. Die Last der mächtigen Türme musste ja kräftemäßig beherrscht werden. Die vielen schlanken Pfeiler und Verzierungen lassen die Massen dennoch elegant aussehen. Da sich Ulm während der Reformation entschloss lutherisch zu werden, gingen im Rahmen eines gemäßigten Bildersturmes doch kostbare Schätze unwiederbringlich verloren.



Durchschreitet man das himmelhohe Mittelschiff unter dem schmucken Kreuzgewölbe,



so kann man vorne im Chor den schönen Altar von Martin Schaffner bewundern. In einer meiner älteren Quellen wird er Schrein des Hutz-Altares genannt.



Einige Skulpturen zieren doch noch die Pfeiler.



Vorne rechts finde ich auch mein Original des Schmerzensmannes, der hier vor den Umweltgiften Schutz gefunden hat.



Das kostbare Chorgestühl stellte der Rat der Stadt währen des Bildersturmes unter seinen Schutz.



Übrigens wird hier nicht Jesus, sondern der Dichter Terenz mit Lorbeerkranz dargestellt.



So können auch wir heute noch dieses Kunstwerk des Ulmer Schreinermeisters Jörg Syrlin d.Ä. bewundern. Gezeigt werden griechische und römische Künstler, Gelehrte und Sibyllen.





Hier noch einige weitere Eindrücke aus dem Ulmer Münster zur stillen Betrachtung. Auf dem linken Foto sieht man Heinrich Parler die schwere Last an, die er mit der Annahme des Bauauftrages zu schultern hat.



Auch Ulm wurde im letzten Weltkrieg stark zerstört. So sind die meisten bunten Fenster Nachkriegswerke. Sehr harmonisch finde ich den Orgelrahmen vor dem Westfenster, das in verschiedenen Blautönen strahlt.



Wir schreiten unter dem großen Engel mit erhobenem Schwert hindurch,



blicken hinter dessen Rücken noch einmal nach vorne auf das große Kruzifix, eine Kopie des Kreuzes in Wiblingen, vor dem Chor und verlassen das Münster durch das Westportal.



Wir haben viel über das Münster, dessen Bauzeit und die enge Verknüpfung mit der Stadtgeschichte gelernt. Dieses gewaltige Gotteshaus wurde schließlich von den Bürgern und nicht von Adligen oder Bischöfen finanziert. Mit Kosten- Nutzenüberlegungen hatte so ein Kirchenbau im späten Mittelalter nichts zu tun. Weit entfernt von rein praktischen Überlegungen entstand hier ein architektonisches und künstlerisches Meisterwerk.

Auch die Geschichte vom Ulmer Spatzen wurde wieder aufgefrischt. Ich hatte diese vor langer, langer Zeit im Lesebuch der 3./4. Klasse kennen gelernt. Für alle anderen unserer Gruppe war die Story neu.



Wenden wir uns nun dem zweiten bedeutenden ulmer Bauwerk zu, dem wunderschönen Rathaus mit seinen Fresken und der astronomischen Uhr. Zusammen mit dem Fischkastenbrunnen und der modernen Pyramide der Stadtbibliothek bildet es den schmucken Mittelpunkt Ulms



Beginnen wir mit dem Fischkastenbrunnen. Er wird dem Baumeister Syrlin, dem wir schon im Münster begegnet sind, zugeschrieben. Dieser schlanke Brunnenaufbau zeigt drei Ritter mit Symbolen und drückt wie Münster und Rathaus den Stolz der freien Reichsstadt aus.



Die schmucke Giebelseite mit den pitoresken Fresken, den Wappen der wichtigen Partnerstädte und Kurfürsten bilden einen interessanten Kontrast zur gläsernen, streng geometrischen Pyramide, die die Stadtbibliothek beherbergt. Ganz oben unter der Spitze lädt ein Leseraum zum Schmökern ein.





Die Astronomische Uhr auf der Ostseite ist mit ihren 14 Funktionen eine technische Meisterleistung ihrer Zeit. Aber auch optisch kann sich das Werk aus dem Jahre 1581 durchaus sehen lassen.



Obige Fotos verdeutlichen die Nähe zum Münster. Welche Turmspitze überragt, ist, wie man sieht, nur eine Frage der Perspektive .



Nächstes Ziel war das Schwörhaus. Es ist Sinnbild einer ur-ulmischen Tradition. Jahr für Jahr steht der Bürgermeister auf dem Balkon und leistet den berühmten Eid "Reichen und Armen ein gemeiner Mann zu sein ...".

Auf dem Platz steht auch der bereits vorgestellte Christophorusbrunnen und die neue Synagoge. Beide werde ich am Abschlusstag nochmals optisch vorstellen.



Nun ging es ins malerische Fischerviertel mit einer dichten Kneipenszene. Die wichtigsten Gebäude sind hier Lochmühle, Schiefes Haus und das Fischerplätzle.



In dem engen Gassengewirr rund um Große und Kleine Blau sollte man sich einfach treiben lassen und die kleinen Häuschen, in denen früher vor allem Gerber, Müller und Fischer ihr Zuhause hatten, auf sich wirken lassen.






Natürlich bevölkern viele Touristen dieses illustre Viertel. Will man mit einer Gruppe hier essen, so sollte man unbedingt reservieren, was auch wir für den nächsten Tag erledigten.



Beim Spaziergang auf der alten Stadtmauer genossen wir nicht nur die wärmenden Sonnenstrahlen, sondern erfuhren in einem lockeren Gespräch viel über das heutige Leben in Ulm und über berühmte Ulmer und Neu-Ulmer, wie Albert Einstein, die Geschwister Scholl, Hildegard Knef, Herbert von Karajan oder Albrecht Ludwig Berblinger, den Schneider von Ulm, der mit seinem Flugapparat die Donau überfliegen wollte.




Mit Blick auf die Silhouette von Ulm, hier mit Münsterturm und Metzgerturm (der übrigens fast so schief ist, wie sein Kollege in Pisa) und auf Neu-Ulm auf der anderen Donauseite spazierten wir gemütlich und erfuhren von der engen Beziehung zwischen den beiden Städten, die auch durch unterschiedliche Bundesländer nicht behindert wird.



Genau wie gestern bogen wir nun wieder ab,



lernten noch ein paar weniger bekannte Ecken Ulms kennen und verabschiedeten uns schließlich dankber von unserer sympathischen und kenntnisreichen Stadtführerin. Sie versorgte uns noch mit einigen Restauranttipps. Wir brauchten nun etwas Erholung.





Allerdings mussten wir noch einige Minuten laufen,





um schließlich im Innenhof dieser Institution Platz zu finden. Nach viel Zureden konnte unsere Bedienung noch für das Abendessen reservieren. Eigentlich war nun die Besteigung des Münsterturmes vorgesehen. Da die Wetterprognose für den Sonntag positiv war, verschoben wir diesen Programmpunkt jedoch und bummelten einfach noch locker durch die Stadt. Wir hatten viel Spaß dabei. Auch das Essen bei den Drei Kannen war recht unterhaltsam. Wir freuten uns alle auf den nächsten Tag, der nur zwei Programmpunkte hatte, die Turmbesteigung und die Abreise.

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Geändert von Ludovico ROB (10.12.2017 um 11:40 Uhr)
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  #12  
Alt 09.12.2017, 18:30
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Sehr informativ Dein Bericht - wir müssen wohl Ulm auch mal besuchen

Zitat von Ludovico ROB Beitrag anzeigen
.....Aus der geplanten Hallenkirche wurde schließlich eine fünfschiffige Kirche für 20 000 Menschen; deutlich mehr, als Münster bei Baubeginn Einwohner hatte. ...
... aber ob die Bürger von Münster alle zur Messe kommen würden

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  #13  
Alt 13.12.2017, 14:54
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Tag 3; Abschied

Als wir am Morgen einen Blick aus dem Fenster warfen, erblickten wir nur dichten Nebel. Eine Besteigung des Münsterturmes war damit am Vormittag voraussichtlich nicht sehr sinnvoll. So verabredete ich mich mit einem Teilnehmer zu einem Museumsbesuch. Während die Truppe nach dem Frühstück zum Bahnhof fuhr und ihre Koffer dort deponierte, fuhr ich mit BEVA zum Parkhaus am Münsterplatz. Wir nutzten die Zeit zum Stochern im Nebel.




Wie ihr sehen könnt, bedurfte es keiner Nachbearbeitung, um das Schiefe Haus freizustellen.



Wie von den Baumeistern der Gotik beabsichtigt, führten heute die Münstertürme geradewegs in den Himmel.





Da wir uns vor dem Münster verabredet hatten, studierte und fotografierte ich noch etwas den reichen Figurenschmuck der West- und Südfassade. Auch hier, siehe Mitte unten, wird natürlich das Thema jüngster Tag bzw. jüngstes Gericht verarbeitet. Zu jener Zeit war Ulm ja noch nicht lutherisch.



Die Wasserspeier am Münster sind nur zur Zierde. Sie würden einen kleinen Zoo füllen.



Schräg hinter dem Münster baden vier Betonspatzen am Boden. Einen konnte ich einfangen.



Die Bauhütte, an der Nordseite des Münsters angesiedelt, hat wohl noch viele hundert Jahre reichlich Arbeit, um das Bauwerk in ordentlichem Zustand zu halten. Am Rand des Münsterplatzes ist auch ein Uhrwerk mit Glockenspiel angebracht, dem man lauschen kann.

Nun entdeckte ich meinen Begleiter für den Museumsbesuch. Wir hatten uns auf die Kunsthalle Weishaupt verständigt.



Um auch das über einen gläsernen Steg verbundene Ulmer Museum zu besuchen, war die Zeit aber zu knapp. Wir verzichteten also auf die Ulmer Stadtgeschichte und besonders auf eines der ersten Werke der Kunstgeschichte, den Löwenmenschen und ließen uns stattdessen Zeit, um die Stücke in der Kunsthalle in Ruhe auf uns wirken zu lassen.

Die durch hochwertige Heizungstechnik bekannte Industriellenfamilie Weishaupt hatte hier auf einem von der Stadt zur Verfügung gestellten Grundstück auf eigene Kosten dieses moderne Ausstellungsgebäude errichtet. Nach Ablauf der Erbpacht wird die Kunsthalle in das Eigentum der Stadt Ulm übergehen. Die Familie zeigt hier zu wechselnden Themen Kunstwerke aus ihrem eigenen Bestand. Im Jubiläumsjahr sind das neben konkreter Kunst auch amerikanische Farbfeldmalerei und Popart.





So leer war es fast die ganze Zeit unseres Besuches. Wir konnten einzelne Werke in aller Ruhe auf uns wirken lassen.







Zunächst einige Werke aus der Rubrik Formen und Farben. Das letzte Werk sieht für mich aus wie Blech aus der Schrottpresse, das poppig lackiert wurde.



Nun einige Werke aus dem Schaffen von Andy Warhol. Es ist wohl nicht nötig die Themen zu nennen.



Noch einige farbige Kurven,



dann fällt der Blick nach draußen auf den Hasenfight, den ich nach so viel frischen, knallbunten Werken bewußt in Schwarz- Weiß wiedergebe.



Auch diese Dame scheint die Ruhe in den großen, leeren Räumen zu genießen.



Schließlich ging es über die Treppe wieder nach unten und durch die Eingangshalle nach draußen. Über Telefon fragten wir den Standort unserer Genossen ab. Sie warteten schon in einem Gasthaus in der Nähe des Fischerviertels.



Unterwegs fotografierte ich nocht etwas. Im wilden Mann nahmen wir schließlich unsere Abschiedsmahlzeit ein. Ein Großteil der Truppe wollte vor der Abfahrt des Zuges noch mal eben den Münsterturm besteigen. Da wir es nicht eilig hatten, verabschiedeten wir uns und ließen uns für das Vorhaben Zeit.



Vorbei am "Schweinemarkt", durchs Fischerviertel und über den Platz am Schwörhaus mit dem Christophorusbrunnen



und der Synagoge (das ist natürlich eine Fotomontage)



bummelten wir gemütlich zum Münster. Wir lösten die Tickets für den Turmaufstieg.



Schon von der ersten Aussichtsebene hat man herrliche Sicht auf die Osttürme und den Münsterplatz mit dem modernen Stadthaus. Da BEVA schon hier umkehrte, konnt ich nun mein eigenes Tempo gehen.



Fotografen kommen nicht außer Atem. Es gibt unterwegs genügend Wasserspeier, die danach schreien portraitiert zu werden . Was die wohl in ihren fast 130 Lebensjahren aus der luftigen Höhe erblickt haben mögen?



Dieser Blick von der zweiten Ebene in die Turmspitze zeigt Gotik pur.



Das Dreieck Rathaus, Stadtbibliothek und Metzgerturm hebt sich gegen die Donau ab. Während bis zur zweiten Ebene je eine Wendeltreppe auf- und abwärts führt, gibt es auf dem letzten, sehr engen Stück Gegenverkehr. Angst vor Körperkontakt ist hier fehl am Platz. Eine entgegenkommende Dame meinte: " hier fühle ich mich wie im dicksten Stau auf der Autobahn".



Der Blick hinab lohnt die Mühe des Aufstieges allemal. Ich lasse mir viel Zeit, um die Eindrücke auf mich wirken zu lassen. Irgendwann musste auch ich absteigen.



Unten ein letzter Blick in das Mittelschiff des Münsters



und auf die Farbenpracht, die die Herbstsonne durch die Scheiben versprühte, dann traf ich draußen BEVA, die die Sonnenstrahlen auf einem Stuhl genoss. Die kurze Heimfahrt verlief glatt. Schon heute freuen wir uns auf das Wiedersehen mit der Truppe. Dann soll es nach Potsdam gehen.

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Geändert von Ludovico ROB (03.01.2018 um 16:17 Uhr)
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